„Bring ihn endlich zum Schweigen! Dieses Geschöpf brüllt schon wieder! Ich kann so nicht arbeiten!“
Markus Schmitt stürmte ins Zimmer, die Tür krachte mit voller Wucht gegen die Wand. Sein Gesicht war verzerrt, in seinen Augen lag diese fahle, blinde Wut, die Johanna Krause einen eisigen Schauer über den Rücken jagte.
Sie zog sich instinktiv zusammen, presste Elias Brenner an ihre Schulter. Das Kind schluchzte, rang nach Luft, der Schrei ging in ein heiseres Wimmern über. In ihrem Hals bildete sich ein harter, brennender Knoten. Eine Woche. Gerade einmal sieben Tage trug sie diesen neuen Ring, der sich noch fremd anfühlte. Davor war Markus ein anderer gewesen: die Stimme weicher, die Berührungen vorsichtig, die Worte süß wie Honig. Jetzt sah er sie und das Baby an, als wären sie eine lästige, stinkende Last, die man am liebsten sofort entsorgen würde.
„Ich stille ihn gleich, dann beruhigt er sich“, brachte sie mühsam hervor, die Lippen kaum bewegt. „Tut mir leid, dass ich dich gestört habe.“
„Gestört?“ Er lachte hart auf. „Meine Mutter schluckt seit zwei Tagen Baldrian, ihr Blutdruck spielt verrückt! Ich komme völlig erledigt von der Arbeit nach Hause, und hier das! Wie lange soll das noch so gehen? Ich dreh durch!“
Er stand direkt vor ihr, breitbeinig, nahm ihr das Licht vom Fenster. Er roch nach teurem Kaffee und etwas Scharfem, Fremdem – vielleicht Stress, vielleicht Abscheu. Johanna spürte Schuld, klebrig und erdrückend, obwohl sie nicht wusste, wofür. Hatte sie Elias nicht rechtzeitig beruhigt? War mit ihr etwas nicht in Ordnung? Er war drei Monate alt, kannte die Welt nur über Hunger, Bauchweh und den verzweifelten Ruf nach Nähe. Wie sollte man das erklären?

„Markus… er ist doch ein Baby“, begann sie leise und biss sich sofort auf die Lippe. Worte waren sinnlos.
„Ein Baby, ja klar!“ Er schnaubte, und dieses Geräusch war schlimmer als ein Schrei. „Dein Baby. Und in diesem Haus ist er unerwünscht. Hast du mich verstanden? Unerwünscht. Ich habe genug von dem Gebrüll, von dem Gestank nach Spucke und Windeln. Genug davon, dass du ständig an ihm klebst. Wir sind jetzt verheiratet. Mann und Frau. Oder dachtest du ernsthaft, ich werde mein Leben lang das Kindermädchen für deinen Nachwuchs spielen?“
Johanna wiegte Elias stumm, den Blick auf den Boden gerichtet. Der Linoleumbelag war kalt, grau marmoriert, jeder Kratzer war ihr vertraut.
„Also“, sagte Markus schließlich, seine Stimme leiser, aber dadurch kein bisschen harmloser. „Es gibt eine Lösung. Einfach und vernünftig. Gib ihn ab. Ins Kinderheim, zur vorübergehenden Betreuung – nenn es, wie du willst. Dort kümmern sie sich. Und wir zwei fangen endlich an zu leben. Normal. Du bleibst zu Hause, pflegst Blumen, gehst zum Yoga. Ich sorge für alles. Mit ihm aber… mit ihm ziehst du dich nur tiefer hinein. Er ist ein Abgrund.“
Sie sah zu ihm auf und erkannte nichts wieder. Nicht in diesem massigen Gesicht, nicht in den feinen Fältchen an den Augen, die sie früher für Lachfalten gehalten hatte. Er hatte geschworen. Damals im Krankenhaus, als sie mit Elias auf dem Arm am Rand ihrer ausgebrannten Wohnung saß, nur in einem alten Pullover. Er hatte versprochen, Verantwortung zu übernehmen, ein Vater zu sein, sie glücklich zu machen. Seine Augen waren feucht gewesen, aufrichtig.
„Du hast es mir versprochen“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte.
„Versprochen?“ Er grinste schief, ging im Zimmer auf und ab und griff nach den Zigaretten auf dem Tisch. „Ich habe versprochen, mich um dich zu kümmern. Um dich, Johanna! Er ist dein Problem. Und das musst du lösen. Allein. Du hast doch außer mir niemanden. Deine Wohnung ist abgebrannt, du selbst kommst aus dem Heim, deine Freundinnen hausen irgendwo in WGs. Willst du auf der Straße landen? Mit ihm? Das Jugendamt nimmt ihn dir sofort weg, du schaffst das nicht. Ich dagegen gebe dir alles. Aber nur ohne ihn.“
Er ging hinaus und ließ eine schwere, drohende Stille zurück. Johanna rührte sich nicht, bis Elias erschöpft an ihrer Schulter einschlief. In ihrem Kopf hämmerten die Worte: „Kinderheim. Abgeben. Problem.“ Sie nahm seine winzige Hand, die Finger mit den kleinen Grübchen. Ein Teil von ihr selbst. Verrat. Weggeben. Wie einen Gegenstand.
Und doch – wohin sonst? Heim, Ausbildung, ein mies bezahlter Job im Salon, Schwarzgeld, das Zusammenleben mit Daniel Werner… Daniel. Schön, unbeschwert, flatterhaft. Er war verschwunden, kaum dass er von der Schwangerschaft erfahren hatte. Am Telefon hatte er gesagt: „Lass es, Johanna. Klammer dich nicht. Ich ruinier dich.“ Dann war Funkstille. Sie blieb allein in der kleinen Wohnung am Stadtrand, Geburt, lächerliche staatliche Hilfen, die kaum für Milch reichten. Dann der Brand. Die Nachbarn sagten, es sei die Elektrik gewesen. Übrig blieben verrußte Wände und Brandgeruch. Sie war mit Elias beim Kinderarzt gewesen – das hatte sie gerettet. Nur: Wohin danach? Und dann Markus Schmitt, ein Freund von Daniel, früher Teil der Clique. Er stand plötzlich da, mit einer Kiste Windeln und Gläschen. Sah sie mitleidig an. Sagte: „Ich habe dich immer besonders gesehen, Johanna. Daniel ist ein Idiot. Gib mir die Chance, alles wieder geradezubiegen.“
Und sie hatte geglaubt. Betäubt von Verlust und Angst hatte sie nicht erkannt, dass Verzweiflung ein schlechter Ratgeber ist und jede Entscheidung ihren Preis fordert.
