Er sagte es scharf und verschwand ohne weitere Worte im Sitzungssaal.
Markus Lehmann spürte schon in diesem Moment, dass ihm die Kontrolle entglitt. Nichts entwickelte sich so, wie er es sich monatelang zurechtgelegt hatte. Überhaupt nichts.
Die Richterin – eine Frau mit kurz geschnittenem Haar und einem kühlen, prüfenden Blick – eröffnete die Verhandlung in sachlichem Ton. Markus nahm eine betont aufrechte Haltung ein, legte die Schultern zurück und versuchte, Ruhe auszustrahlen. Zunächst schien alles erwartungsgemäß zu verlaufen. Erst als der Punkt der Vermögensaufteilung aufgerufen wurde, kippte die Situation.
— Laut Klageschrift beansprucht die Klägerin die gemeinsame Wohnung sowie den Volkswagen — sagte die Richterin und blickte über den Rand der Akte hinweg. — Wie lautet Ihre Stellungnahme dazu, Herr Lehmann?
Der Anwalt von Markus erhob sich umgehend.
— Hohes Gericht, sowohl die Immobilie als auch das Fahrzeug wurden vollständig aus dem Einkommen meines Mandanten finanziert. Die Ehefrau war wirtschaftlich kaum beteiligt, sie arbeitete lediglich zu einem niedrigen Gehalt als Krankenschwester.
Markus ließ den Blick kurz zu Hannah Hartmann gleiten. Sie saß regungslos da, die Lippen fest aufeinandergepresst.
— Frau Hartmann, teilen Sie diese Darstellung? — fragte die Richterin.
Hannah richtete sich langsam auf. In ihren Augen lag plötzlich etwas Neues, Unnachgiebiges.
— Nein — antwortete sie leise, aber klar. — Dem widerspreche ich.
Markus’ Muskeln spannten sich.
— Bitte erläutern Sie dem Gericht Ihre Sicht — sagte die Richterin und legte den Stift beiseite.
— Die Wohnung wurde größtenteils mit dem Geld meiner Eltern gekauft. Sie haben ihr Haus auf dem Land verkauft und uns den größten Teil des Erlöses überlassen. Das Auto wurde auf den Namen unseres Sohnes Elias Peters zugelassen.
Markus sprang auf.
— Das ist eine Lüge! Ich habe alles bezahlt!
— Setzen Sie sich sofort — wies ihn die Richterin scharf zurecht. — Haben Sie Belege für Ihre Aussagen, Frau Hartmann?
— Meine Eltern sind anwesend. Und die Unterlagen ebenfalls.
Markus hatte das Gefühl, als würde ihm jemand eiskaltes Wasser über den Kopf gießen. Aus der letzten Reihe erhob sich seine Schwiegermutter.
— Mein Mann und ich haben drei Viertel des Kaufpreises übernommen — sagte sie ruhig. — Die Verträge und die Kontoauszüge liegen vor.
— Das ist absurd! — fauchte Markus und wandte sich an seinen Anwalt. — Sag doch etwas!
Der Anwalt blätterte nervös in seiner Mappe.
— Davon… davon wusste ich nichts.
Die Richterin runzelte die Stirn.
— Gibt es schriftliche Nachweise über diese Geldübertragungen?
— Ja — sagte Hannah und zog einen Ordner aus ihrer Tasche. — Schenkungsvertrag sowie die Kontoauszüge meiner Eltern.
Markus starrte sie an, als würde er sie zum ersten Mal sehen.
— Hannah, was soll das? Wir hatten eine Abmachung…
— Welche denn? — entgegnete sie und ihre Augen funkelten. — Dass du alles an dich reißt? Zwanzig Jahre habe ich geschwiegen. Es reicht.
Ihr Bruder Andreas Simon trat nach vorn.
— Das Auto gehört rechtlich Elias — erklärte er. — Markus hat es vor drei Jahren absichtlich auf den Namen seines Sohnes angemeldet, um als Selbstständiger Steuern zu sparen.
— Trifft das zu? — fragte die Richterin kühl und sah Markus direkt an.
— Das war nur eine Formsache — stammelte er. — Ich fahre den Wagen doch!
— Eigentümer ist dennoch Ihr Sohn — stellte die Richterin fest und prüfte die Dokumente.
Hilflos blickte Markus zu seinem Anwalt.
— Du hast gesagt, das wäre eine klare Sache!
— Diese Informationen wurden mir nicht mitgeteilt — flüsterte der Anwalt.
— Das Gericht vertagt die Verhandlung zur Prüfung der neuen Sachlage — erklärte die Richterin schließlich. — Fortsetzung in einer Woche. Sämtliche Unterlagen zu Immobilien und Vermögenswerten sind vorzulegen.
Auf dem Flur packte Markus Hannah grob am Arm.
— Hast du das extra gemacht? Du hast mich bloßgestellt!
— Ich? — Sie lächelte bitter. — Du hast dich selbst bloßgestellt. Du dachtest wirklich, ich ziehe mich still in irgendein kleines Zimmer zurück?
— Geld war mir nie wichtig!
— Ich habe dir vertraut, Markus. Und du hast…
Da trat ihr Vater näher, schwer auf seinen Gehstock gestützt.
— Lass sie los — sagte er mit fester Stimme. — Es ist genug.
— Ihr wart immer gegen mich! — wich Markus zurück. — Immer!
— Weil wir dich durchschaut haben — flüsterte die Schwiegermutter.
In diesem Moment vibrierte Markus’ Handy. Eine Nachricht von Christina Sommer: „Wie läuft es? Bist du bald fertig?“
Er presste die Zähne zusammen. Nichts lief nach Plan. Absolut nichts.
Die folgende Woche zog sich endlos hin. Markus hetzte zwischen Arbeit, der gemieteten Wohnung – in der Christina auf ihn wartete – und den Treffen mit seinem Anwalt hin und her. Mit jedem Gespräch wurde dessen Miene düsterer.
— Unsere Chancen sind… durchwachsen — sagte er schließlich und blätterte durch die Akten. — Wenn der Schenkungsvertrag echt ist und das Auto tatsächlich…
— Wie konnte das passieren! — schlug Markus wütend mit der Faust auf den Tisch. — Zwanzig Jahre lang hat sie über das Geld ihrer Eltern geschwiegen!
— Wussten Sie selbst davon? — fragte der Anwalt vorsichtig.
— Na ja… ich wusste es schon — murmelte Markus und wandte sich dem Fenster zu.
