Nachdem sie den Scheidungsantrag eingereicht hatte, hatte ihr Exmann nicht damit gerechnet, dass vor Gericht sämtliche Wahrheiten über die gemeinsame Immobilie ans Licht kommen würden.
Markus Lehmann knallte die kalte Kaffeetasse auf die Arbeitsplatte und drückte mechanisch den Knopf der Kaffeemaschine. Fünf Minuten bis zur Abfahrt. Die frühere gemeinsame Wohnung fühlte sich für ihn inzwischen wie eine zu enge Schachtel an, in der jede Ecke an zwanzig Jahre Ehe erinnerte. An jene Ehe, von der er vor drei Monaten beschlossen hatte, sich endgültig zu lösen.
— Hast du die Unterlagen eingepackt? — rief eine Stimme aus dem Flur.
Nicht mehr seine Frau. Jetzt war sie nur noch Hannah.
— Alles dabei — brummte Markus und nahm einen hastigen Schluck von dem frischen, viel zu heißen Kaffee.

Hannah Hartmann trat in die Küche. Sie hatte deutlich abgenommen, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen — als wäre sie in diesen drei Monaten um ein Jahrzehnt gealtert. Markus wandte sich demonstrativ zum Fenster. Es war ihm unangenehm, sie anzusehen.
— Du hättest gar nicht mitkommen müssen. Ich hätte meine Sachen auch alleine abgeholt — sagte sie und riss den Kühlschrank auf, während sie nervös Gläser und Dosen hin und her schob.
— Es lag auf dem Weg. Außerdem brauche ich die Schlüssel zurück.
— Kannst du es wirklich nicht erwarten, mich endlich loszuwerden?
Markus zuckte mit den Schultern.
— Hannah, bitte. Fang jetzt nicht damit an. Wir hatten eine Abmachung.
— Eine Abmachung — wiederholte sie und schlug die Kühlschranktür zu. — Natürlich. Du hast ja immer alles entschieden. Zwanzig Jahre lang.
Markus warf einen Blick auf seine Uhr. Zu spät kommen durfte er nicht.
— Hör zu, gehen wir jetzt? Der Anwalt wollte, dass wir früher da sind.
— Dein Anwalt — antwortete Hannah mit einem angespannten Lächeln. — Für einen eigenen habe ich kein Geld. Das weißt du.
Markus verzog das Gesicht. Jetzt ging es los.
— Du hättest doch etwas vom Gemeinschaftskonto nehmen können.
— Gemeinschaftskonto? — Hannah lachte, und dieses Lachen klang fremd, fast bitter. — Gab es das überhaupt? Du hast mir die Karte gesperrt.
— Hannah, es reicht! — Markus sprang auf. — Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich ausgezogen bin. Das hier ist unerträglich.
— Unerträglich — wiederholte sie leise. — Und mein Leben jetzt? Ein einziges Vergnügen. Ein Zimmer in unserer gemeinsamen Wohnung. Mit zweiundfünfzig.
— Ich habe angeboten, die Miete für eine andere Wohnung zu übernehmen.
— Und wie lange? Bis deine Geliebte beschließt, dass du damit aufhören sollst?
Markus wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment piepte der Erinnerungsalarm seines Handys.
— Wir müssen los — sagte er knapp.
Während der Fahrt schwiegen sie. Markus saß am Steuer ihres Familienwagens, eines Volkswagens, der selbstverständlich bei ihm geblieben war. Schließlich hatte er ihn von seinem Geld bezahlt.
— Kommt Elias Peters? — fragte Markus schließlich, nur um die Stille zu durchbrechen.
— Nein. Er sagt, es sei widerlich, unsere Scheidung mit anzusehen.
— Er hätte trotzdem kommen können.
— Wen hätte er denn unterstützen sollen?
Markus antwortete nicht. Seit der Bekanntgabe der Scheidung hatte der Kontakt zu seinem Sohn stark nachgelassen. Elias hatte versprochen, beim Gerichtstermin dabei zu sein, seine Meinung aber im letzten Moment geändert.
Das Gerichtsgebäude empfing sie mit leeren, hallenden Fluren und dem typischen Geruch von Akten und Amtsstuben. Vor der Tür zum Sitzungssaal wartete bereits Markus’ Anwalt — ein schmaler Mann mit Brille, der einen ganzen Stapel Dokumente unter dem Arm trug.
— Markus Lehmann! Alles ist vorbereitet — sagte er und schüttelte ihm fest die Hand. — Und sie ist…?
— Hannah Hartmann, meine… Ehefrau — stockte Markus.
— Ohne anwaltliche Vertretung? — In der Stimme des Anwalts schwang unverhohlene Überraschung mit.
— Ja — antwortete Hannah ruhig.
Der Anwalt hob die Schultern.
— Nun ja, umso günstiger für uns…
Markus bemerkte, wie Hannah leicht zusammenzuckte.
— Kommen Sie — sagte der Anwalt und zog Markus am Ärmel. — Wir besprechen noch kurz die Einzelheiten.
Während sie leise in einer Ecke redeten, setzte sich Hannah auf eine Bank. Markus beobachtete sie aus dem Augenwinkel: zusammengesunken, klein wirkend, die Finger spielten nervös mit dem Riemen ihrer Tasche. Ein merkwürdiges Gefühl stach in ihm auf. Schuld? Nein. Eher Anspannung.
— Also, die Vermögensfrage ist eindeutig — erklärte der Anwalt gedämpft. — Die Wohnung wurde während der Ehe gekauft, aber ausschließlich von Ihrem Einkommen bezahlt. Das Auto gehört ebenfalls Ihnen. Die Ersparnisse werden gesetzlich korrekt geteilt, fünfzig zu fünfzig. Sie wird das akzeptieren müssen.
— In Ordnung — nickte Markus. — Sie scheint nicht vor zu haben, zu streiten.
— Hervorragend. Dann ist das Ganze schnell erledigt.
Doch als sie in den Sitzungssaal gerufen wurden, fiel Markus etwas auf. Vor der Tür hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Er erkannte seinen Schwiegervater — einen korpulenten Mann mit Gehstock —, daneben die Schwiegermutter und… Hannahs Bruder mit dessen Ehefrau. Sie nickten ihm kühl zu, ohne ein Wort der Begrüßung.
— Hannah, was soll das? — zischte Markus und packte sie am Arm. — Warum sind deine Eltern hier?
— Sie sind von sich aus gekommen — antwortete sie ruhig. — Du weißt doch, dass ich eine Familie habe, die nicht schweigt, wenn es ernst wird.
