«Du hast meine Tochter zugerichtet – vor den Augen meiner Enkelin» — sagte Veronika und stellte sich schützend vor Elena und Klara

Unerschütterliche Mutterliebe, furchtlos, unbeugsam und bewundernswert.
Geschichten

„Herr Kern“, sagte Martina Albrecht nüchtern, „gegen Sie liegt eine Anzeige wegen Körperverletzung an Ihrer Ehefrau vor. Dazu kommt der Vorwurf der Bedrohung. Bitte begleiten Sie uns zur Dienststelle, um eine Aussage zu machen.“

„Aber ich… sie war es doch, sie hat angefangen!“, stammelte Tobias, hob abwehrend die Hände und suchte fieberhaft nach Blickkontakt.

Die Ermittlerin ließ sich nicht beirren. „Bei Ihrer Frau wurden zahlreiche Verletzungen dokumentiert, die nach ärztlicher Einschätzung vor mindestens zwei Stunden entstanden sind. Ihre eigenen Blessuren sind frisch und passen, nach den Aussagen der Beteiligten, zu einer Abwehrhandlung. Wir gehen jetzt.“

Zwei Beamte nahmen Tobias in die Mitte. Während sie ihn hinausführten, drehte er sich immer wieder um, rief unzusammenhängende Sätze, doch die Wohnungstür fiel hinter ihm ins Schloss und verschluckte seine Stimme.

Kurz darauf trat Elena Vogt aus dem Schlafzimmer. Auf ihrem Arm lag Klara, tief eingeschlafen, das Gesicht an Elenas Schulter gedrückt. Die Kleine atmete ruhig, als wäre all das Geschehene nur ein böser Traum.

„Mama“, flüsterte Elena heiser. „Was passiert jetzt mit uns?“

Veronika Steinbach legte ihrer Tochter eine Hand auf den Rücken. „Jetzt kümmern wir uns um das Wesentliche“, sagte sie fest. „Du reichst die Scheidung ein. Unterhalt wird eingefordert. Martina Albrecht meint, unter diesen Umständen stehen die Chancen gut, dass das Gericht dir die Wohnung zuspricht. Wir bleiben zusammen. Zu dritt. Und wir kommen klar.“

Elena zögerte. „Er hat immer gesagt, ohne ihn würden wir untergehen.“

Veronika zog sie in eine Umarmung. „Hör mir zu“, sagte sie ruhig, aber mit Nachdruck. „Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, Menschen wieder aufzurichten. Glaubst du wirklich, ein einziger gewalttätiger Mann bringt mich zu Fall? Wir schaffen das. Punkt.“

Da brach Elena in Tränen aus – doch es waren keine Tränen der Angst mehr, sondern solche der Erleichterung.

Drei Monate später hatte Tobias Kern eine Bewährungsstrafe erhalten, gemeinnützige Arbeit auferlegt bekommen und ein striktes Kontaktverbot zur ehemaligen Familie. Die Ehe war geschieden, und die Wohnung war tatsächlich bei Elena geblieben. An einem stillen Nachmittag saß Veronika mit einer Tasse Tee in der Küche und lächelte.

Martina Albrecht kam gelegentlich vorbei; aus dem dienstlichen Kontakt war eine vorsichtige Freundschaft geworden. An diesem Tag setzte sie sich dazu.

„Sie wissen“, meinte die Ermittlerin nachdenklich, „dass Ihr Eingreifen rechtlich auch hätte anders ausgehen können. Überschreitung der Notwehr.“

Veronika nickte. „Das war mir bewusst. Aber für meine Kinder gehe ich dieses Risiko ein. Ohne Zögern.“

Martina hob ihre Tasse. „Auf Mütter, die nicht zurückweichen.“

Sie stießen an. Und Veronika dachte an die schwere, alte Gusseisenpfanne ihrer Mutter, die nun gut sichtbar an der Wand hing. Kein Küchengerät mehr, sondern ein Symbol. Eine Erinnerung daran, dass man für die Seinen bis zum Ende einsteht. Auch mit zweiundsechzig. Auch dann, wenn man sich schwach fühlt.

Denn mütterliche Liebe ist keine Sanftheit. Sie ist Kraft.

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