„Und das soll nicht meine Angelegenheit sein?“, wiederholte Veronika ruhig, doch in ihrer Stimme vibrierte etwas Gefährliches.
Tobias Kern verzog das Gesicht und sprach mit gepresstem Hass: „Deiner Tochter erkläre ich, wie sie sich zu benehmen hat. Sie ist meine Ehefrau. Und du? Wer bist du überhaupt? Eine Rentnerin mit ein paar lächerlichen zwanzigtausend Euro im Monat. Ohne mich würdet ihr beide verrecken.“
„Tobias, bitte …“, flüsterte Elena Vogt kaum hörbar.
„Halt den Mund, ich rede nicht mit dir.“ Er trat dichter an Veronika heran. „Und was willst du jetzt tun, hm? Zur Polizei rennen?“ Ein höhnisches Lachen entfuhr ihm. „Der Streifenbeamte wird gar nichts unternehmen. Ein Anruf von mir bei den richtigen Leuten – und er kann seinen Job vergessen. Außerdem: Eine Anzeige gegen den eigenen Mann? Familiäre Sache. Da mischt sich keiner ein. Also überleg dir gut, ob du dich einmischst.“
Veronika sah ihn an und erkannte mit erschreckender Klarheit, wie sicher er sich fühlte. In seinen Augen lag die feste Überzeugung, dass eine zweiundsechzigjährige Frau ihm nichts anhaben konnte.
„Elena“, sagte sie leise, ohne den Blick von Tobias abzuwenden. „Nimm Klara und geh in mein Zimmer. Schließ die Tür ab.“
„Mama …“
„Geh. Sofort.“
Weinend hob Elena ihre Tochter hoch und verschwand im Nebenzimmer. Tobias folgte ihnen mit einem spöttischen Grinsen.
„Na, Oma“, setzte er an, „willst du mir jetzt eine Standpauke halten, oder—“
Weiter kam er nicht. Veronika griff nach der schweren gusseisernen Pfanne auf dem Tisch – ein altes Stück, seit Jahrzehnten im Haushalt – und schlug mit aller Kraft zu. Tobias brach zusammen, die Beine gaben nach, er sackte auf die Knie. Blut lief ihm aus der aufgeschlagenen Augenbraue.
„Du …“, röchelte er. „Ich bring dich um …“
Der nächste Schlag traf seine Schulter. Ein Schrei, ein verzweifelter Versuch aufzustehen, doch Veronika hörte nicht auf. Rücken, Arme, Rippen. Vierzig Jahre hatte sie im Krankenhaus gearbeitet, Kranke gehoben, Körper gewendet – ihre Kraft war kein Zufall.
„Meine Tochter“, stieß sie bei jedem Hieb hervor. „Meine. Meine Enkelin.“
Zusammengekauert lag Tobias schließlich am Boden, die Arme schützend vor dem Kopf. Erst als Veronika stehen blieb, schwer atmend, wagte er aufzusehen. Sein Gesicht war eine Maske aus Blut und blauen Flecken.
„Das wirst du büßen, alte Schlampe“, zischte er. „Ich bring dich hinter Gitter. Körperverletzung. Dafür gehst du ins Gefängnis.“
„Vielleicht“, sagte Veronika ruhig und nickte. „Aber vorher telefoniere ich noch mit jemandem.“
Sie griff entschlossen nach ihrem Handy.
