„Sag Katharina, der Quark war ausgezeichnet.“ Richte es Katharina aus. Als wäre ich ein Bote gewesen und nicht diejenige, die den Einkauf bezahlt hatte.
Ich sagte nichts. Schon wieder nicht.
Doch innerlich verschob sich etwas. Ganz leise, fast unmerklich, begann ich genauer hinzusehen. Mir fiel auf, wie Renate Bergmann in Gegenwart der Verwandtschaft schwärmte, was für ein fürsorglicher Sohn Daniel sei, welche Geschenke er mache, wie zuverlässig er helfe – und dabei konsequent vergaß, dass es mich überhaupt gab. Ich hörte, wie sie ihren Freundinnen klagte, die Schwiegertochter sei ständig im Büro, kaum zu Hause, lasse die Kinder schleifen. Und ich sah ihr Seufzen vor Familienfotos: „Ach, Daniel, du hättest dir wirklich eine hübschere Frau aussuchen können …“
Währenddessen überwies ich weiter Geld. Monat für Monat. Erst 3.000 €, dann 4.000 €, später 5.000 €. Manchmal sogar noch mehr.
An einem Septembermorgen, es war noch warm draußen, verkündete Renate Bergmann plötzlich mit wichtiger Miene:
„Im November werde ich sechzig. Eine runde Zahl, etwas Bedeutendes. Das möchte ich angemessen feiern.“
Wir saßen alle an ihrem Küchentisch: Daniel, ich und die Kinder. Renate goss Tee ein, und in ihrer Stimme lag diese selbstverständliche Gewissheit von Menschen, die nie daran zweifeln, dass ihre Wünsche erfüllt werden.
„Ich stelle mir ein Restaurant vor. Etwa dreißig Gäste. Schön gedeckte Tische, Musik, ein Fotograf. Es soll in Erinnerung bleiben. Ihr helft mir doch dabei, oder?“
Daniel nickte sofort, ohne zu zögern.
„Natürlich, Mama. Keine Frage.“
Ich trank schweigend meinen Tee aus. Mir wurde kalt, obwohl die Heizung lief.
Auf dem Heimweg meinte Daniel beiläufig:
„Schau doch mal nach einem guten Restaurant, Katharina. Du hast da einfach mehr Überblick.“
„Dreißig Personen in einem ordentlichen Lokal kosten ungefähr 30.000 €“, erwiderte ich. „Mit Getränken, Musik und Deko eher noch mehr.“
„Na und? Wir haben doch Rücklagen.“
„Unsere Rücklagen“, stellte ich klar.
„Katharina, es ist der sechzigste Geburtstag meiner Mutter. Das ist etwas Besonderes.“
Ich sah ihn an – den Mann, mit dem ich seit zehn Jahren lebte, mit dem ich zwei Kinder hatte, ein Haus aufgebaut und mir beruflich etwas erarbeitet hatte. Und in diesem Moment begriff ich, dass er nichts sah. Gar nichts. Weder, wie seine Mutter uns ausnutzte, noch, was das mit mir machte. Nicht einmal die simple Ungerechtigkeit erkannte er.
„In Ordnung“, sagte ich schließlich. „Ich kümmere mich darum.“
Ich kümmerte mich. Ich suchte ein Restaurant aus und reservierte den besten Saal. Ich stellte das Menü zusammen – exakt nach Renates Wünschen, die sie mir in einer Liste mit dreißig Punkten schickte. Ich bestellte Blumenarrangements, engagierte einen Moderator, Musiker und einen Fotografen.
Fast jeden Abend klingelte mein Telefon. Renate hatte neue Ideen.
„Katharinchen, ginge auch eine dreistöckige Torte? Und nimm bitte besseren Sekt, die Gäste sind anspruchsvoll. Tragen die Kellner Fliegen? Und vielleicht ein kleines Feuerwerk?“
Ich stimmte allem zu. Die Summe wuchs rasant.
„Müssen wir das nicht etwas kleiner halten?“, fragte Daniel vorsichtig, als ich ihm die endgültige Kostenaufstellung zeigte.
„Dafür ist es zu spät“, antwortete ich ruhig. „Alles ist bezahlt, die Verträge sind unterschrieben.“
Er seufzte – und ließ das Thema fallen.
Der Geburtstag selbst fiel ungewöhnlich mild aus. Anfang November, fast fünf Grad, kein Schnee. Ich trug ein schlichtes schwarzes Kleid, zurückhaltend, unauffällig. Ich wollte der Jubilarin nicht die Schau stehlen. Renate Bergmann empfing uns bereits geschniegelt im Restaurant: bordeauxfarbenes Kleid, frische Frisur, Maniküre, Make-up. Sie strahlte Zufriedenheit aus.
„Ist das wunderschön!“, rief sie und ließ den Blick durch den Saal schweifen. „Daniel, das hast du großartig gemacht, mein Junge!“
Ich stand direkt daneben. Es war, als wäre ich Luft.
Nach und nach trafen die Gäste ein: Verwandte, Nachbarn, Freundinnen, ehemalige Kolleginnen. Am Ende waren es fünfunddreißig Personen, mehr als geplant. Der Raum füllte sich mit Stimmen, Lachen und Glückwünschen.
Renate nahm die Geschenke entgegen wie eine Königin – gnädig, leicht herablassend. Als wir an der Reihe waren, reichte Daniel ihr einen Umschlag.
„Alles Gute zum Geburtstag, Mama.“
Darin lagen 10.000 €. Mein Geld. Aus meiner Prämie.
„Danke, mein Sohn“, sagte sie und küsste ihn herzlich. Mir schenkte sie keinen Blick.
Der Abend nahm seinen vorgezeichneten Lauf: Glückwünsche wurden ausgesprochen, Lieder angestimmt und die ersten Gläser erhoben.
