«…werde ich ab heute keine Rechnungen mehr für sie übernehmen. Keine. Keine Nebenkosten. Keine Einkäufe. Keine Kleidung, keine Medikamente, kein Taxi, keine Kosmetiktermine. Und dieser Abend übrigens auch nicht» — sagte sie ruhig ins Mikrofon, legte es auf den Tisch und verließ den Saal

Unverschämte Gier verletzt unbezahlbare Würde.
Geschichten

Alles begann mit Kleinigkeiten. Unauffällig, beinahe harmlos, fast so, wie man es unter Verwandten eben hinnimmt.

„Katharina Vogel, mein Schatz, könntest du mir kurz aushelfen?“ Renate Bergmann rief grundsätzlich dann an, wenn sie es am wenigsten gebrauchen konnte – als hätte sie ein Gespür dafür, dass ich mich gerade erst nach einem langen Arbeitstag hingesetzt hatte. „Die Nebenkostenabrechnung ist gekommen, und mit der Rente komme ich diesen Monat einfach nicht hin. Du weißt ja, wie teuer inzwischen alles ist …“

Ich überwies ihr dreitausend Euro. Kurz darauf folgten fünftausend für Medikamente. Wenig später noch einmal zehntausend, weil der Kühlschrank den Geist aufgegeben hatte. Daniel Huber, mein Mann, reagierte darauf stets mit einem Achselzucken:

„Na ja, Mama hat gefragt. Hilf ihr doch. Sie lebt schließlich allein.“

Allein. Dieses Wort war Renate Bergmanns stärkste Waffe, ein Freibrief für alles. Einsame Rentnerin, Witwe, Mutter eines einzigen Sohnes. Wer hätte da das Herz, Nein zu sagen?

Ich jedenfalls nicht. Ich arbeitete als leitende Finanzanalystin in einem großen Unternehmen, verdiente gut, erhielt regelmäßig Boni. Daniel und ich führten ein bequemes Leben: eine geräumige Dreizimmerwohnung in einem Neubau, zwei Autos, Urlaube im Ausland. Es fühlte sich nicht falsch an, der Schwiegermutter unter die Arme zu greifen. Zumindest am Anfang.

Doch Kleinigkeiten häufen sich. Lautlos. Wie Schnee, der irgendwann zur Lawine wird.

Nach einem halben Jahr meldete sich Renate Bergmann bereits zwei Mal pro Woche. Mal brauchte sie neue Schuhe – „ich kann doch nicht wie eine Bettlerin herumlaufen, Katharina, das ist mir peinlich vor den Nachbarinnen“. Dann wollte sie unbedingt ins Theater – „ich war mein ganzes Leben ein kultivierter Mensch, man darf doch nicht völlig verkommen“. Dann stand der Geburtstag einer Freundin an – „ich kann doch nicht mit leeren Händen erscheinen, das verstehst du doch“.

Ich verstand. Ich verstand immer. Und ich überwies.

Am Ende des ersten Jahres lebte Renate Bergmann praktisch von meinem Geld. Ihre Rente war, wie ich eher zufällig herausfand, durchaus ordentlich – etwa auf dem Niveau eines durchschnittlichen Kassenlohns. Doch sie gab sie für spontane Wünsche aus, während ich sämtliche laufenden Kosten übernahm: Miete und Nebenkosten, Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Taxifahrten, Kosmetiktermine. Die Liste wurde länger und länger.

„Findest du nicht, dass es langsam reicht?“ wagte ich eines Abends ein Gespräch mit Daniel. „Deine Mutter bekommt mehr Rente als viele Menschen verdienen. Warum sollen wir sie komplett finanzieren?“

Er sah mich an, als hätte ich etwas Ungeheuerliches vorgeschlagen.

„Das ist meine Mutter. Meine einzige. Ist dir das wirklich zu viel?“

„Es geht nicht ums Geld. Es geht ums Prinzip. Sie nutzt uns aus.“

„Ausnutzen?“ Seine Stimme wurde scharf. „Sie hat mich allein großgezogen, nach dem Tod meines Vaters! Sie hat zwei Jobs gehabt! Und jetzt, wo ich ihr endlich helfen kann, kommst du mit so etwas?“

Ich brach das Gespräch ab. Wie immer endeten Diskussionen über Renate Bergmann in einer Sackgasse.

Gleichzeitig begann ich, andere Dinge wahrzunehmen. Kleinigkeiten, die zunächst nebensächlich wirkten.

Wir waren bei ihr zum Tee eingeladen gewesen. Beim Abschied sagte sie auf dem Treppenabsatz zur Nachbarin: „Ja, der Daniel ist ein guter Sohn. Kümmert sich um seine Mutter. Ein echtes Vorbild, nicht so wie manche andere.“

Kein Wort über mich. Als kämen die Überweisungen aus dem Nichts.

Ein anderes Mal hörte ich zufällig ihr Telefonat mit einer Freundin: „Als Hausfrau taugt sie nichts, Heike. Kauft nur Fertiggerichte, und bei denen ist immer Chaos in der Wohnung. Daniel hätte es besser treffen können. Ich hätte ihm eine andere ausgesucht – hübscher, geschickter … na ja, was soll’s. Geworden ist, was geworden ist.“

Ich stand im Flur mit Einkaufstaschen in der Hand. Ich war extra nach der Arbeit noch bei einem Hofladen gewesen, um ihr den Quark zu besorgen, den sie so liebte. Zwölf Euro pro Kilo. Eiskalt in meinen Fingern.

„Oma, Mama ist doch schön!“, rief unsere achtjährige Tochter Clara Neumann, die das Gespräch ebenfalls gehört hatte.

„Psst, Liebes, Erwachsene reden“, winkte Renate Bergmann ab.

Ich drehte mich um und ging. Die Einkäufe stellte ich kommentarlos auf die Kommode im Flur.

Am Abend erhielt Daniel eine Nachricht von seiner Mutter, in der sie sich für die Lebensmittel bedankte und den Ton anschlug, der ahnen ließ, dass dies längst nicht das letzte Wort in dieser Geschichte gewesen war.

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