Sie starrten Karoline an, als hätte sich ein stummes Möbelstück plötzlich zu Wort gemeldet. Als wäre sie etwas Unheimliches, etwas Unpassendes in ihrem sorgfältig gepflegten Familienbild. Niemand sagte etwas. Kein Räuspern, kein empörtes Auflachen, nicht einmal ein Vorwurf. Nur diese erstarrten Blicke.
„Die Schlüssel“, sagte sie ruhig und legte den Bund demonstrativ auf die schmale Kommode im Flur. „Du kannst die Schlösser austauschen. Wir werden sie nicht mehr brauchen.“
Ohne Eile nahm sie die Tüte mit Schokolade und Spielzeug, zog sich die Tasche über die Schulter und öffnete die Tür. Kalte Winterluft brach in die überheizte, abgestandene Wohnung ein, als wolle sie all das Alte hinaustragen.
„Frohes neues Jahr“, warf Karoline in die lautlose Enge hinter sich. „Ich wünsche euch, dass ihr euch ein neues Opfer sucht. Ich bin diese Rolle leid.“
Die Tür fiel nicht laut ins Schloss. Es war nur ein leises Klicken – und gerade deshalb endgültig.
Unten wartete bereits das Taxi. Sie nannte die Adresse ihrer Eltern, setzte sich auf den Rücksitz und erst als der Wagen anfuhr und die vertrauten Straßen langsam vorbeiglitten, überkam es sie. Kein Zittern, keine Panik. Stattdessen eine überwältigende, bodenlose Erschöpfung. Und mitten darin ein fremdes Gefühl von Freiheit. Es war beängstigend, wie ein Schritt ins Nichts. Doch in diesem Abgrund hallte keine seiner Stimmen mehr.
Am Elternhaus brannte Licht. Die Haustür öffnete sich noch bevor sie klingeln konnte. Ihre Mutter stand dort, sichtlich überfordert, aber mit festem Blick. Hinter ihr tauchten die Gesichter der Kinder auf – gleichzeitig verunsichert und erleichtert.
„Mama! Wo ist Papa? Und was ist mit unserem Fest?“, fragte Greta mit leiser Stimme.
Karoline ging in die Hocke, schloss beide Kinder in die Arme und atmete ihren vertrauten Duft ein.
„Unser Fest beginnt jetzt“, sagte sie sanft. „Es wird anders sein als geplant. Aber…“ Sie zog die Schokolade und die Spielsachen aus der Tüte. „Es gibt Geschenke. Und es gibt eine Mama, die euch über alles liebt. Und die euch nie wieder alleinlässt.“
Drinnen war es warm. In der Küche duftete es nach frisch gebackenen Kuchen und gebratener Hähnchenhaut. Ihr Vater stellte schweigend einen weiteren Teller auf den Tisch, seine Hände zitterten leicht. Der Tisch war gedeckt, die Salate vorbereitet, alles bereit. Niemand hatte erwartet, dass Karoline kochen oder organisieren würde. Man hatte nur auf sie gewartet.
Draußen fiel Schnee. Neu, sauber, lautlos. Er legte sich über alles und löschte die Spuren der Vergangenheit aus.
Um Mitternacht, während im Fernseher die Glockenschläge erklangen, saß Karoline auf dem Sofa und hielt die bereits einschlafenden Kinder im Arm. Sie betrachtete die Lichterkette, die ihr Vater hastig an den großen Ficus gehängt hatte. Olivier-Salat, ein Glas Sekt – und keine Angst davor, was nach dem fünften Drink passieren könnte.
Es gab nur dieses ruhige Haus, die Wärme, den unausgesprochenen Rückhalt in den Augen ihrer Eltern – wenn auch spät – und das Wissen, dass der schwerste Schritt bereits hinter ihr lag. Der Schritt über diese eine Schwelle.
Ihr Handy lag auf dem Tisch. Erst war es still. Dann vibrierte es. Eine Nachricht von Raphael Roth:
„Du wirst es bereuen. Du kommst auf Knien zurück.“
Karoline nahm das Telefon, las die Worte, ging zum Fenster und öffnete es weit. Die Kälte biss in ihr Gesicht. In der Ferne leuchteten tausende Fenster, überall feierten fremde Menschen ihr neues Jahr.
Sie hielt das Handy einen Moment lang über die dunkle Tiefe des Hofes. Dann öffnete sie die Hand.
Das schwarze Rechteck verschwand lautlos in der Nacht.
Sie schloss das Fenster, wischte mit der Hand über die beschlagene Scheibe und sah ihr Spiegelbild. Müde. Gezeichnet. Aber ihres. Zum ersten Mal seit vielen Jahren gehörte dieses Gesicht nur ihr.
„Nein, Raphael“, flüsterte sie in die Stille ihres neuen Lebens. „Bereuen wirst du. Ich… ich bin frei.“
Und tief in ihr, unter Schichten aus Müdigkeit und Schmerz, begann etwas zu wachsen. Zart, zerbrechlich, aber echt. Wie der erste Trieb unter dem Schnee. Das war ihr Neuanfang. Ihr wahrer Jahreswechsel. Ihr stilles Wunder.
