„…dass sie sofort …“
— Nein, — sagte Karoline leise. Und dieses leise Wort traf härter als jedes Brüllen. Der Raum erstarrte. Seine Mutter sog scharf die Luft ein, als hätte man ihr den Boden weggezogen.
— Was… was heißt hier „nein“? — Raphael machte einen Schritt auf sie zu.
— Ich werde niemanden anrufen. Und du wirst mir keine Befehle mehr erteilen. Nie wieder.
Ihr Blick ruhte fest auf ihm. Acht Jahre lang hatte sie als Erste weggesehen — heute war es anders. Raphael senkte für den Bruchteil einer Sekunde die Augen, fing sich jedoch sofort wieder. Die Wut gewann die Oberhand.
— Aha. Ich verstehe schon. Nervenzusammenbruch kurz vor den Feiertagen, — sagte er herablassend, bemüht, die alte Ordnung wiederherzustellen. — Geh in die Küche, fang mit den Salaten an. Wir haben noch Zeit. Und die Kinder…
— Nein, du hast gar nichts verstanden, — fiel Karoline ihm ins Wort.
Sie ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer, trat an den Tisch und nahm ein leeres Olivenglas in die Hand — diesen lächerlichen, letzten Beweis ihres angeblichen „Familienglücks“.
— Ich bin nicht hier, um zu kochen. Ich bin gekommen, um etwas mitzunehmen. Und um etwas klarzustellen.
Sie wandte sich seiner Familie zu. Seiner Mutter, deren Gesicht von stummer Missbilligung versteinert war. Seinem Vater, der verächtlich schnaubte. Seiner Schwester, die sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen konnte.
— Ihr sitzt hier. In meiner Wohnung. Auf meinen Stühlen. Wartet darauf, dass ich euch bediene und füttere wie ein Nutztier. Herzlichen Glückwunsch. Frohe Feiertage.
— Karoline, reiß dich zusammen! Wie sprichst du denn?! — zischte die Schwiegermutter.
— Mein Ton? — Karoline lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, eher ein müdes. — Das ist mein normaler Ton. Ihr habt ihn nur nie gehört. Ihr kanntet nur „ja, Raphael“, „gleich, Raphael“, „verzeih mir, Raphael“. Das reicht. Vorstellung beendet.
Ihr Blick kehrte zu ihrem Mann zurück.
— Du wolltest doch eine Überraschung zum Jahreswechsel, Raphael? Bitte sehr. Ich gehe. Mit den Kindern. Für immer. Die Bankkarte, die du mir großzügig „für Lebensmittel“ überlassen hast, liegt auf dem Nachttisch. Dreihundert Euro. Reicht für ein Brot und eine Packung Tee. Genau passend für euer harmonisches Familienessen.
Raphael stand wie erstarrt. Sein Gesicht verriet, dass sein Verstand sich weigerte, das Gehörte zu akzeptieren.
— Du… du gehst nirgendwohin! — presste er hervor. — Du hast kein Geld! Du hast nichts! Ohne mich bist du niemand!
— Vielleicht, — nickte Karoline ruhig. — Aber „niemand“ zu sein ist besser, als als „Schwein“ zu leben. Und was das Geld betrifft — Menschen kommen auch ohne deine Almosen zurecht. Millionen tun das täglich. Wir werden es auch schaffen. Ich habe eine Arbeit.
Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Raphael stürzte hinterher.
— Das lasse ich nicht zu! Du bist meine Frau! Die Kinder gehören mir! — Er packte sie am Arm, seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihr Fleisch, vertraut, wie früher.
Karoline sah langsam erst auf seine Hand, dann in sein Gesicht.
— Lass los. Sofort. Oder ich rufe die Polizei und erkläre, dass mein betrunkener Ehemann mich vor Zeugen angreift. Dass ich um mein Leben fürchte. Und dass es Beweise gibt. Blaue Flecken — von heute und von früher. Am Körper und hier, — sie tippte sich an die Brust. — Lass los.
Er ließ los. Seine Hand blieb reglos in der Luft hängen. In seinen Augen lag mehr als Zorn. Da war Angst. Die nackte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Das Eigentum. Den Schatten. Den stillen Abfluss für all seinen Frust. Er begriff, dass sie es ernst meinte.
Karoline packte das Nötigste für sich und die Kinder in eine alte Sporttasche: Dokumente, die Krankenunterlagen der Kinder, ein paar Kleidungsstücke, ein Foto ihrer Eltern. Alles andere — seine Möbel, seine Geräte, sein vorzeigbares „volles Haus“, mit dem er so gern prahlte — blieb zurück. In diesem schönen, gemütlichen Käfig, der längst zur Hölle geworden war.
Als sie mit der Tasche zurück in den Flur trat, verstummte seine ganze Familie schlagartig.
