…mit ein paar zerknitterten Scheinen im Portemonnaie, verbunden mit dem unausgesprochenen Befehl, daraus gefälligst festlich verpacktes Glück für alle zu zaubern – und am Ende wird sie auch noch als Schwein beschimpft. Weil sie zu langsam war. Weil ihr die Kräfte ausgegangen waren. Weil sie in diesem System längst kein Mensch mehr war, sondern eine Rolle. Zuständig fürs Kochen, fürs Putzen, fürs Funktionieren, fürs Glätten der Egos und fürs Beruhigen der Verwandtschaft ihres Mannes.
Etwas in ihr, das jahrelang stillgelegen hatte, zog sich plötzlich schmerzhaft zusammen. Ein harter, fester Knoten. Und dann riss etwas. Wie ein Faden, der zu lange unter Spannung gestanden hatte.
Karoline Bergmann richtete sich auf. Sie sog die Luft tief ein – sie roch nach Tannenzweigen, nach Kälte und nach billigem Parfum. Mit einer fast mechanischen Bewegung zog sie ihr Handy aus der Tasche und tippte eine Nummer ein, ohne auf das Display zu sehen.
— Mama? — Ihre Stimme klang ruhig, fremd, als gehöre sie nicht zu ihr.
— Karolinchen? Ist alles in Ordnung? — Die Stimme ihrer Mutter klang sofort wachsam.
— Hör mir bitte genau zu. Paula Vogel bringt gleich die Kinder zu euch. Ich komme in etwa vierzig Minuten nach. Wir bleiben länger. Stell den Wasserkocher an. Und Mama … bitte kein „Er hat doch recht“ und kein „Halte durch“. Entweder du stehst jetzt hinter mir, oder … — sie stockte kurz — … oder ich weiß nicht weiter.
Am anderen Ende herrschte einen Moment lang Schweigen. Dann ein leises Ausatmen. Und schließlich dieser ruhige, feste Tonfall, den Karoline seit Jahren nicht mehr gehört hatte:
— Komm her. Wir warten auf euch.
Danach funktionierte sie mit einer klaren, beinahe eiskalten Entschlossenheit. Sie rief Paula an, ihre beste Freundin aus dem Nachbarhaus.
— Paula …
— Was ist los?
— Nimm bitte sofort meine Kinder mit. Sag ihnen, ich hätte dich gebeten, mir dringend beim Aussuchen von Papas Geschenk zu helfen und dass ich mich verspäte. Bring sie zu meinen Eltern. Den Rest erkläre ich dir später.
Sie ließ keine Einwände zu, keine Fragen. Das Gespräch war beendet. Ihr Herz raste, doch ihre Hände blieben ruhig. Zielstrebig ging sie durch den Laden, wie jemand, der genau weiß, was zu tun ist. Sie kaufte keinen Cognac, sondern zwei große Tafeln guter Schokolade, ein Netz Mandarinen und eine Flasche Kindersekt. In der Spielwarenabteilung nahm sie zwei schlichte, aber liebevoll gemachte Geschenke: ein kleines Transformationsauto und eine Puppe im glitzernden Kleid. Nicht, um Raphael Roth zufriedenzustellen. Sondern damit die Kinder an diesem Abend trotzdem etwas unter dem Weihnachtsbaum finden würden. Auch wenn es nicht der Baum war, den man für sie vorgesehen hatte.
Alles Überflüssige gab sie zurück, trat hinaus in die kalte Nachtluft. Es war bereits dunkel, Lichterketten glühten an den Fassaden. Sie winkte ein Taxi heran.
— Wohin soll’s gehen? — fragte der Fahrer gelangweilt.
Karoline nannte ihre Adresse. Genau die, an der „die Familie seit einer Stunde hungrig wartet“.
Als sie in ihre Straße einbogen, sah sie, wie Paulas Auto gerade vom Hauseingang wegfuhr. Auf der Rückbank blitzten zwei vertraute Silhouetten in bunten Wintermützen auf. Die Kinder waren weg. In Sicherheit. Also lief alles nach Plan. Nach ihrem Plan.
Sie stieg die Treppen hinauf, zog den Schlüssel hervor. Instinktiv wollte sie leise aufschließen, wie sie es immer getan hatte — um niemanden zu stören, um keinen Ärger zu provozieren. Stattdessen drückte sie den Schlüssel fest ins Schloss und ließ ihn laut einrasten.
Die Wohnung roch nach angeschnittener Wurst, Bier und angespannter Erwartung. Im Wohnzimmer saßen Raphael, seine Eltern sowie seine Schwester mit ihrem Mann vor dem laufenden Fernseher. Auf dem Tisch standen Tassen mit kaltem Teesatz, Teller mit Resten und ein leeres Glas Oliven. Kein Festmahl. Nur Leere, die gähnte wie ein offener Mund.
— Na endlich! — fuhr Raphael sie an, ohne sich umzudrehen. — Wo sind die Kinder? Und wo bleibt das Essen? Ich habe doch gesagt …
Er drehte sich um — und verstummte. Ihr Gesicht war nicht entschuldigend. Nicht ängstlich. Es war ruhig. Unheimlich ruhig.
— Die Kinder sind bei meinen Eltern. Es geht ihnen gut, — sagte Karoline, ohne den Mantel auszuziehen, und stellte die Einkaufstasche im Flur ab.
— Bist du völlig übergeschnappt? — Raphael sprang vom Sofa auf, sein Gesicht lief rot an. — Was soll der Mist? Du rufst jetzt sofort diese Idiotin an und sagst ihr, dass sie die Kinder zurückbringt, und du wirst mir jetzt nicht…
