«Ich gehe. Mit den Kindern. Für immer.» — sagte Karoline leise und legte den Schlüsselbund demonstrativ auf die Kommode

Genug dieses feigen, erbärmlichen Lebens — ich wähle Würde.
Geschichten

Die Stimme von Raphael Roth, scharf geschliffen vor Zorn, schnitt Karoline Bergmann ins Ohr, obwohl sie das Handy fest an die Wange gedrückt hielt und um sie herum das chaotische Gedränge des vorweihnachtlichen Supermarkts tobte. Instinktiv zog sie das Telefon ein Stück weg. Dieses altbekannte Gefühl stieg wieder auf – ein Knoten aus Scham, Angst und einer lähmenden Erschöpfung, die ihr bis in den Hals kroch.

„Ich bin noch einkaufen“, brachte sie tonlos hervor, während sie ein Brot und ein Glas Oliven an sich presste, das ihr ein nervöser Kunde beinahe aus den Händen riss. „Ich verspäte mich. Die Kassiererin kann mir auf fünfzig Euro nicht rausgeben.“

„Du lügst so selbstverständlich wie du atmest!“, brüllte Raphael. „Diese angebliche Verspätung dauert jetzt schon eine Stunde! Meiner Mutter spielt der Blutdruck verrückt, mein Vater ist außer sich, meine Schwester ist mit Mann und Kindern da, und alle schreien, dass sie Hunger haben. Und vergiss die Geschenke nicht! Vor allem für meinen Vater – ein richtig guter Cognac. In dreißig Minuten bist du hier, und der Tisch soll sich biegen. Klar?“

Ein trockenes Klicken. Besetztzeichen.
Karoline blieb hinter der Absperrung stehen und ließ die Menschenmenge an sich vorbeiströmen: Körbe voller Sektflaschen, Mandarinen, glitzernder Dekoration. Alle hetzten, lachten, stritten darüber, welche Variante vom Kartoffelsalat die bessere sei. In ihr jedoch breitete sich etwas anderes aus – eine frostige, absolute Stille. Die Stille nach einem Schrei.

Heute war die Hölle los im Büro. Jahresende. Ich kam einfach nicht früher weg. Das wollte sie sagen. Doch die Verbindung war längst tot.

Langsam ließ sie das Handy in die Tasche gleiten, neben das Portemonnaie. Darin lagen zwei Zwanzig-Euro-Scheine – mehr war von ihrem Morgengehalt nicht übrig geblieben. Ein hochwertiger Cognac? Für dieses Geld reichte es höchstens für alkoholfreien Kindersekt und ein paar billige Würstchen. Und dann brauchte ihr Sohn Emil Lorenz einen neuen Baukasten – den alten hatte Raphael letzten Monat in einem Wutanfall zerbrochen. Für Greta Heinrich sollte es eine Puppe sein, aber „keinen Ramsch, willst du an deiner Tochter sparen?“ Für die Schwiegermutter eine Stola, sie hatte es neulich so nebenbei angedeutet. Für den Schwiegervater eben jenen Cognac. Und Lebensmittel für einen Tisch, der angeblich „überquellen“ musste.

An die kalte Wand gelehnt, sah Karoline zu, wie fremde Feste in Plastiktüten an ihr vorbeizogen. Ihr Blick blieb an einer verspiegelten Säule hängen – an ihrem eigenen Abbild. Blass, eingefallen. Dunkle Schatten unter den Augen, die selbst das Make-up nicht verdeckte. Der abgetragene Mantel, vor fünf Jahren gekauft, noch vor der Hochzeit. „Schwein“, hallte es in ihrem Kopf wider.

Dieses Wort bohrte sich wie ein glühender Nagel in ihre Brust. Doch statt der gewohnten, dumpfen Ergebung regte sich dort etwas. Ein leises Zucken. Eine Erinnerung.

Nicht an den heutigen Ausbruch, sondern an den allerersten – einen Monat nach der Trauung, als die Frikadellen zu dunkel geraten waren. Dann an den Moment, als sie „falsch“ einen seiner Freunde angesehen hatte. An die Geburt der Tochter („Ich wollte einen Erben!“) und Jahre später an den Sohn, der ihm trotzdem „zu schwächlich“ war. Sie erinnerte sich an seine angeblich erzieherischen Klapse, an das herablassende „Du hast keine Ahnung vom echten Leben“, an die schwere, nach Alkohol riechende Hand, die sie „versehentlich“ so stoßen konnte, dass sie zu Boden ging. An seine Kontrolle über jeden Euro, über jeden Schritt. Und an seine Mutter, die seufzend sagte: „Unser Raphael ist eben hitzig. Halt durch, Liebes. Ein Mann im Haus hat nun mal recht.“

Karoline hielt durch. Wegen der Kinder. Wegen der Illusion einer „intakten Familie“. Um nicht von den eigenen Eltern hören zu müssen: „Wir haben dich gewarnt. Am Anfang hat er dich doch auf Händen getragen – du bist selbst schuld.“

Und nun stand sie hier, mitten in diesem vorweihnachtlichen Wahnsinn, mit zwei zerknitterten Zwanzigern im Portemonnaie und dem Gefühl, dass etwas lange Verschüttetes in ihr langsam zu erwachen begann.

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