«Du … stirbst» — presste Jonas keuchend und drohend hervor, als Marlene ihn beim Aufstehen im Arbeitszimmer erwischte

Zynisch benutzt, gedemütigt, trotzdem unerschütterlich entschlossen.
Geschichten

…über angebliche suizidale Tendenzen.“

Ich ließ den Blick zu Jonas gleiten. Er saß reglos in seinem Rollstuhl, die Finger so fest um die hölzernen Armlehnen gekrallt, dass das Material unter dem Druck beinahe nachgegeben hätte. Er sagte kein Wort – und doch lag in diesem Schweigen ein Schrei, der mir durch Mark und Bein ging.

„Was tun wir jetzt?“, fragte ich. Es erschreckte mich selbst, wie ruhig meine Stimme klang, fast fremd.

„Abwarten. Und vorsorgen“, antwortete Richard Hartmann knapp. Seine Miene blieb hart, ohne jede Regung.

Die folgenden Tage zogen sich endlos hin. Drei quälend lange Tage, in denen jede Stunde sich anfühlte wie ein eigener Kampf. Am vierten Morgen fiel mir etwas auf: Einer der Gärtner, ein Neuer, hielt sich ungewöhnlich oft in der Nähe der Fenster auf. Er schnitt Hecken, harkte Kies – und blickte dabei immer wieder zu unserem Stockwerk hinauf. Zu oft. Zu gezielt. Ich meldete es Richard. Er nickte nur düster. Die Überwachung hatte längst begonnen.

Am Abend lief alles scheinbar wie immer. Ich half Jonas beim Umsetzen vom Rollstuhl ins Bett, richtete die Kissen, zog die Decke zurecht. Als ich mich abwenden wollte, schloss sich plötzlich seine Hand um mein Handgelenk. Der Griff war überraschend kräftig, fast schmerzhaft.

„Ver…zeih mir“, presste er hervor, heiser, als koste ihn jedes Wort Atem.

Ich kam nicht dazu zu antworten. Nicht einmal zu begreifen. Ein hartes Klopfen durchbrach die Stille. Die Tür öffnete sich, und Richard trat ein, begleitet von zwei Männern, die sich lautlos und routiniert bewegten.

„Jetzt“, sagte er nur. „Alles wie besprochen.“

Was dann folgte, lief ab wie ein perfekt geölter Mechanismus. In wenigen Minuten tauschten sie Jonas gegen eine täuschend echte Attrappe aus, die eigens nach seinen Maßen gefertigt worden war, und legten sie ins Bett. Den echten Jonas brachten sie durch einen verborgenen Durchgang in Richards Arbeitszimmer. Ich blieb zurück. Allein. Mit einem falschen Körper unter der Decke.

Man servierte mir das Abendessen. Ich sollte essen, ein Buch aufschlagen, Normalität spielen. Die Fassade musste halten.

Mein Herz raste so heftig, dass ich den Puls in den Schläfen spürte. Jeder Schlag übertönte die Geräusche des Hauses. Ich wartete. Punkt Mitternacht schlug die Standuhr. Danach senkte sich eine bedrückende, unnatürliche Stille über alles.

Dann hörte ich es: ein kaum wahrnehmbares Knarren. Nicht aus dem Flur – vom Balkon. Wir befanden uns im zweiten Stock. Ich hielt den Atem an. Die Glastür war von innen nur angelehnt, nicht verriegelt. Genau so, wie vereinbart.

Die Tür bewegte sich einen Spalt breit. Zwischen den schweren Vorhängen schob sich eine dunkle Gestalt hindurch, geschmeidig, lautlos. Der Gärtner. In der einen Hand hielt er eine Spritze mit feiner Nadel, in der anderen ein dunkles Tuch. Er glitt zum Bett, beugte sich über den vermeintlich Schlafenden. Im fahlen Mondlicht erkannte ich sein Profil: konzentriert, emotionslos, eiskalt.

Er presste das Tuch auf den Mund der Attrappe und stach zu – präzise, ohne Zögern.

Im selben Augenblick explodierte das Licht im Raum.

Der Mann fuhr erschrocken zurück und stieß einen erstickten Laut aus. Hinter dem Paravent traten Richard und die Sicherheitsleute hervor. Ich sprang auf, mein Herz schlug wie wild.

„Hände hoch! Sofort!“, befahl einer der Männer und richtete seine Waffe auf den Eindringling.

Der Killer erstarrte. Sein Blick glitt von der Spritze zu uns. Dann verzog sich sein Mund zu einem seltsamen, fast spöttischen Lächeln – nicht Angst, sondern bitterer Fatalismus. Mit einer schnellen Bewegung wollte er die Nadel an den eigenen Hals setzen.

Ein dumpfer Knall. Der Schuss aus der Gummiwaffe traf punktgenau. Die Spritze flog ihm aus der Hand. Er sackte auf die Knie, schrie vor Schmerz und Wut.

Es war vorbei. Die Falle hatte zugeschnappt.

Ein Monat später war nichts mehr, wie es gewesen war. Konrad Faber wurde verhaftet – nicht nur wegen dieses Mordversuchs, sondern wegen einer ganzen Kette von Verbrechen: Wirtschaftsspionage, Erpressung, Manipulation. Sein sorgfältig aufgebautes Kartenhaus zerfiel innerhalb weniger Tage.

Ich stand wieder in dem Salon, in dem ich ein Jahr zuvor meinen Pakt geschlossen hatte. Der Raum wirkte heller, die Luft freier. Auf dem Tisch lagen zwei Dinge: die Scheidungspapiere – und ein Scheck. Über die vereinbarte Summe hinaus.

Richard sah mich an. Nicht mehr mit dem Blick eines Mannes, der alles kontrolliert, sondern mit den Augen eines Erschöpften. „Du hast ihm das Leben gerettet, Marlene“, sagte er leise. „Nicht nur in jener Nacht. Du hast ihm den Willen zurückgegeben, weiterzumachen. Wir stehen in deiner Schuld. Bleib. Alles kann dir gehören – Name, Sicherheit, Reichtum. Wir könnten neu anfangen.“

Ich sah zu Jonas. Er stand am Kamin, stützte sich auf einen Stock. Noch hinkte er, sprach langsam, suchte nach Worten. Doch in seinem Blick lag keine Leere mehr. Keine Angst. Nur Dankbarkeit. Und etwas Tieferes, Schwereres, dem ich nichts entgegensetzen konnte.

„Nein“, sagte ich ruhig, aber unumstößlich. „Ich habe diesen Vertrag aus einem einzigen Grund akzeptiert: um meine Mutter zu retten. Ich habe geliefert. Sie auch. Damit ist alles beglichen. Ich verkaufe mich kein zweites Mal.“

Ich nahm den Scheck. Meine Hand zitterte nicht. Es war kein Preis für ein verlorenes Jahr. Es war die Zukunft meiner Mutter. Meine eigene Zukunft musste ich mir selbst schaffen – ohne Käfige, ohne Masken, ohne fremde Schlachten.

Ich ging zur Tür. Meine Schritte hallten durch das große Haus, das mir längst fremd geworden war.

„Marlene“, rief Jonas. Seine Stimme war heiser, aber klarer als je zuvor.

Ich drehte mich um. In seinen Augen lag nichts als Respekt. Tief und ehrlich.

„Danke. Für alles.“

Ich nickte nur, schenkte ihm ein schwaches Lächeln und schloss die Tür hinter mir.

Draußen fiel leiser Schnee. Der erste in diesem Winter. Kalt, rein, unberührt. Ich atmete tief ein. Die Luft roch nicht mehr nach Angst und Lüge. Sie roch nach Freiheit. Ich hatte nichts: keinen Plan, kein Zuhause, keinen sicheren Weg. Aber ich hatte mein Leben zurück. Mein eigenes. Hart erkämpft, dem Abgrund entrissen. Und das war alles, was zählte.

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