Es ließ keinen Raum mehr für Zufälle.
Von diesem Moment an erklärte ich den stillen Kleinkrieg. Unauffällig, beinahe unsichtbar. Ich begann zu beobachten. Tat so, als wäre ich im Sessel eingenickt, platzierte Gegenstände mit Absicht an bestimmten Orten, murmelte scheinbar gedankenverloren Sätze in den Raum – Bemerkungen, deren Wahrheitsgehalt nur einer überprüfen konnte. Vorausgesetzt, er hörte zu. Vorausgesetzt, er verstand.
„Ich bilde mir ein, dass hinter der alten Eiche im Park wunderschöne Pfingstrosen wachsen müssten“, sagte ich eines Nachmittags beiläufig, während ich seine steifen Finger vorsichtig durchknetete. In Wirklichkeit war dort nichts als ein verwahrlostes Beet voller Unkraut und vertrockneter Stängel.
Am darauffolgenden Tag ließ sein Vater beim Mittagessen scheinbar nebensächlich fallen, während er mit dem Gärtner sprach: „Ach ja, dem Landschaftsarchitekten wurde aufgetragen, ein neues Blumenbeet anzulegen. Pfingstrosen. Genau hinter der alten Eiche. Eine ausgezeichnete Idee.“
Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Angst mischte sich mit einer scharfen, klaren Erkenntnis. Das hier war keine Einbildung. Kein Wunschdenken. Das war Absprache. Planung. Kontrolle.
Der Wendepunkt kam mitten in der Nacht. Ich schreckte hoch, weil mir ein dumpfes Geräusch aus seinem Zimmer in den Schlaf gesickert war. Lautlos warf ich die Decke zurück und schlich barfuß über den kalten Boden, öffnete die Tür nur einen Spalt. Mondlicht legte sich wie eine silberne Klinge über das große Bett. Es war leer.
Mein Herz sackte mir in den Bauch, der Mund war plötzlich staubtrocken. Ein Schrei lag mir auf den Lippen, ich wollte Alarm schlagen, das ganze Haus wecken – da hörte ich ein leises, raues Schaben. Es kam aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Den Atem anhaltend bewegte ich mich dorthin, geduckt, fast wie ein Dieb.
Durch die schwere, halb geöffnete Eichentür sah ich ihn.
Jonas.
Er stand. Aufrecht. An den massiven Schreibtisch gelehnt, die Hände so fest aufgestützt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sein Oberkörper war nackt, die Muskeln spannten sich unter der Haut, Schweißperlen liefen ihm den Rücken hinab. Seine Lippen bewegten sich hektisch, lautlos, während sein Blick auf die ausgebreiteten Dokumente geheftet war. Vor mir stand kein hilfloser Pflegefall. Kein regloses Wrack. Sondern ein Mensch unter Hochspannung – gebündelte Wut, Schmerz und eine Konzentration, die fast etwas Raubtierhaftes hatte. Wie ein gefangenes Tier, das jeden Atemzug nutzt, um einen Ausweg zu suchen.
Unwillkürlich wich ich zurück. Der alte Dielenboden verriet mich mit einem kläglichen Knarren.
Er erstarrte. Langsam drehte er sich um, als koste jede Bewegung unvorstellbare Kraft. In seinem Blick lag kein leeres Starren, sondern nackte, kalte Panik – und zugleich ein glasklares Begreifen der Situation. Wir sahen uns an, reglos, getrennt nur vom Halbdunkel. Er wusste, dass er entdeckt worden war. Und ich wusste, dass ich etwas gesehen hatte, das mir entweder teuer bezahlt oder endgültig zum Verhängnis werden konnte.
Er machte einen unsicheren Schritt auf mich zu, schwankte und klammerte sich an die Rückenlehne eines Sessels. Sein Gesicht verzerrte sich nicht vor Schmerz, sondern vor dem brutalen Kampf mit dem eigenen Körper.
„Schweig…“, presste er hervor. Die Stimme rau, brüchig, rostig – ungewohnt, kaum benutzt. Es war keine Bitte. Es war ein Befehl, so roh und drohend, dass mir schlagartig eiskalt wurde, als hätte man mich in Wasser getaucht.
Im selben Moment fiel ein gewaltiger Schatten hinter mich. Ich wirbelte herum, das Herz raste mir bis zum Hals. Im Türrahmen stand sein Vater. Mein „Schwiegervater“. Richard Hartmann. Im eleganten Samt-Hausmantel, das graue Haar makellos zurückgekämmt. Kein Erstaunen in seinem Gesicht, nur eine müde, harte Strenge. In seiner Hand hielt er weder Waffe noch Messer, sondern eine dicke, abgegriffene Aktenmappe. Und genau das jagte mir mehr Angst ein als jede Pistole.
„Sieht so aus, als hätte unser kleines Vögelchen das Nest verlassen und Dinge gesehen, die nicht für seine Augen bestimmt waren“, sagte er ruhig, beinahe beiläufig. „Komm herein, Marlene Vogt. Wir reden. Vernünftig. Wie Erwachsene.“
Ich stand wie angewurzelt, an den Türrahmen gepresst, mit der schrecklich klaren Gewissheit, dass ich mich mit dieser Ehe sehr viel tiefer in fremde Machenschaften begeben hatte, als mir je bewusst gewesen war. Und dass es keinen Weg zurück gab. Keinen.
Ich folgte ihm ins Arbeitszimmer. Die Beine fühlten sich an wie aus Watte, mein Herz schlug mir bis in die Schläfen. Richard Hartmann ging zum Schreibtisch und deutete wortlos auf einen Ledersessel. Sein Sohn, noch immer schwer atmend, ließ sich mit sichtbar quälender Anstrengung in den gegenüberliegenden Stuhl sinken. Jeder Muskel in seinem Gesicht zuckte. Die Maskerade war vorbei. Der Vorhang gefallen.
Richard Hartmann schob die Mappe zur Seite. „Setz dich, Marlene. Fürchte dich nicht. Niemand bringt dich um und niemand sperrt dich in einen Keller“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Das hier ist kein billiger Thriller. Unsere Realität ist nüchterner. Und gefährlicher.“
Schweigend nahm ich Platz, den Blick nicht von ihm lösend.
„Mein Sohn“, er nickte in Jonas’ Richtung, „ist nicht der, für den wir ihn ausgegeben haben. Es gab einen Unfall. Einen echten. Mit echten, schweren Verletzungen. Aber seine schlimmste Wunde sitzt nicht im Rücken. Nicht in den Beinen.“ Er tippte sich an die Schläfe. „Sondern hier. Und bei jemand anderem.“
Er zog ein Foto aus der Mappe und legte es vor mich. Darauf war Jonas zu sehen, wie ich ihn nie gekannt hatte: sonnengebräunt, lachend, voller Leben, den Arm um eine zierliche, dunkelhaarige Frau mit tiefen, wachen Augen.
„Elena Karsch. Seine Verlobte. Seine große Liebe. Sie saß am Steuer in jener Nacht. Sie starb noch am Unfallort. Jonas überlebte. Durch ein Wunder. Und genau dieses Wunder wurde zu seinem Fluch.“
Er ließ mir einen Moment, um den Schlag zu verarbeiten.
„Elena Karlschs Vater – Konrad Faber. Früher mein Geschäftspartner, heute mein erbittertster Gegner. Er ist überzeugt, dass Jonas gefahren ist. Dass er für den Tod seiner Tochter verantwortlich ist. Seine Rache kennt keine Grenzen. Er führt einen kompromisslosen Wirtschaftskrieg gegen uns, will unseren Ruf, unser Unternehmen, unser Vermögen zerstören. Doch das reicht ihm nicht. Er will Blut. Er glaubt fest daran, dass Jonas seine Lähmung nur vortäuscht, um sich der Verantwortung zu entziehen. Und sollte er auch nur den leisesten Verdacht hegen, dass Jonas wieder zu Kräften kommt…“ Richard Hartmann fuhr sich schwer über das Gesicht. „Dann lässt er ihn töten. Ohne Zögern. Ein Auftragsmord ist für ihn kein Bild, sondern Realität.“
Mein Blick wanderte zwischen Vater und Sohn hin und her. Jonas starrte verbissen ins dunkle Fenster, die Fäuste so fest geballt, dass es aussah, als würden die Knochen gleich unter der Haut brechen.
