«Du … stirbst» — presste Jonas keuchend und drohend hervor, als Marlene ihn beim Aufstehen im Arbeitszimmer erwischte

Zynisch benutzt, gedemütigt, trotzdem unerschütterlich entschlossen.
Geschichten

Der eisige Herbstregen prasselte mit erbarmungsloser Wucht auf das verbeulte Dach meines alten Kleinwagens, als wolle er das dünne Blech durchschlagen und mich mitsamt meiner Verzweiflung in die grauen, reißenden Wasserläufe auf dem Asphalt spülen. Jeder einzelne Tropfen klang wie ein schwerer Hammerschlag auf den Amboss meines Lebens – dumpf, hart und gnadenlos. Ich war gerade erst aus der klinisch sauberen, nach Angst und unausgesprochenem Todesurteil riechenden Hölle des Krankenhauses geflohen. Dort hatte mir ein überarbeiteter Arzt mit müden, leeren Augen zum wiederholten Mal mitgeteilt, dass er meine Mutter nicht operieren würde. Die Summe, die er nannte, war nicht einfach hoch. Sie war ein Hohn. Eine kalte, zynische Erinnerung daran, wo mein Platz war: ganz unten, im Dreck, weit entfernt von denen, für die solche Beträge kaum mehr bedeuteten als Kleingeld für einen spontanen Wochenendtrip.

In diesem einen Jahr, in dem ich verzweifelt gegen die Krankheit meiner Mutter angekämpft hatte, war ich selbst verschwunden. Übrig geblieben war eine ausgezehrte Hülle, die drei Jobs gleichzeitig stemmte, von Schulden erdrückt wurde und selbst bei Krediten nur noch abgewiesen wurde. Hoffnungslosigkeit war zu meinem ständigen Begleiter geworden. Sie hatte einen eigenen Geschmack – metallisch, bitter, wie rostiges Eisen auf der Zunge, das sich weder mit Essen noch mit Tränen vertreiben ließ.

Genau in diesem Moment völliger innerer Leere, als ich schluchzend fast mit der Stirn auf dem Lenkrad lag, begann mein Handy zu klingeln. Gabriele Henning. Meine Tante. Unermüdlich, aufdringlich, immer zur Stelle, wenn sich irgendwo eine Gelegenheit witterte. Ihre scharfe, geschäftige Stimme schnitt mir ins Ohr.

„Hör mir zu, Marlene Vogt, hör auf zu heulen“, fuhr sie mich an, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, etwas zu sagen. „Ich werfe dir gerade einen Rettungsring zu, also greif zu. Die Familie Hartmann. Reich bis zum Abwinken, eine ganz andere Welt als unser armseliger Alltag. Die haben einen Sohn … nun ja, schwerbehindert. Nach einem schlimmen Unfall. Sitzt im Rollstuhl, spricht kaum noch. Sie suchen jemanden, der sich kümmert. Jung, belastbar, ordentliches Auftreten. Aber nicht nur eine Pflegerin. Eine Ehefrau. Rein formal, verstehst du? Für den äußeren Schein, für die Pflege, damit alles in der Familie bleibt. Sie zahlen hervorragend. Wirklich hervorragend. Denk darüber nach.“

Es klang nicht nach einem Angebot. Es klang nach einem Handel mit meiner Seele. Doch der Teufel, der mir diesen Pakt schmackhaft machte, hielt das Leben meiner Mutter in seiner offenen Hand. Und was hatte mir ein sogenannt ehrliches Leben bisher gebracht? Armut, Demütigungen und die reale Aussicht auf ein stilles, armseliges Begräbnis für den wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Sieben Tage lang schwankte ich zwischen Abscheu und Angst. Doch die Furcht, meine Mutter zu verlieren, erstickte jeden moralischen Widerstand. Und so stand ich kurze Zeit später mitten im Wohnzimmer der Hartmanns und fühlte mich winzig wie ein Insekt auf dem spiegelglatten Marmorboden. Die Luft war kühl, beinahe steril, sie roch nach Geld und emotionaler Kälte. Hohe Säulen aus Stein, funkelnde Kristalllüster, deren Glanz in den Augen schmerzte, und überall Porträts würdevoller, hochmütiger Vorfahren, deren gemalte Blicke mich zu durchbohren schienen, als taxierten sie meinen Wert. Und dort, im Zentrum dieses frostigen Luxus, direkt vor der riesigen Fensterfront, hinter der derselbe Regen tobte wie vorhin, saß er: Jonas Hartmann.

Er war an einen Rollstuhl gefesselt, sein Körper wirkte selbst unter der teuren Kleidung schmal und kraftlos. Doch sein Gesicht war erschütternd schön: markante Wangenknochen, dunkle Brauen, dichtes Haar. Nur lebte darin nichts. Es war reglos wie eine antike Marmorskulptur. Sein Blick – leer, glasig – ruhte auf dem durchnässten Park, auf den schwankenden Bäumen, als sähe er hindurch, weit weg, in eine Welt, zu der wir keinen Zugang hatten.

Sein Vater, Richard Hartmann, ein großer Mann mit grauem Haar und einem Anzug, der wie maßgeschneidert wirkte, musterte mich mit einem einzigen, schnellen, aber messerscharfen Blick. Ich kam mir vor wie eine Ware, die gerade begutachtet wurde.

„Die Bedingungen dürften Ihnen bekannt sein“, sagte er ruhig, mit einer Stimme so kalt und fest wie polierter Stahl. „Sie heiraten meinen Sohn – juristisch. Sie kümmern sich um ihn, sind ständig anwesend und sorgen für sein Wohlergehen. Es gibt keinerlei eheliche oder intime Pflichten, abgesehen von dem, was nach außen sichtbar ist. Sie sind Betreuungsperson und Krankenschwester, versehen mit dem rechtlichen Status einer Ehefrau. Nach einem Jahr erhalten Sie eine beträchtliche Summe auf Ihrem Konto und sind vollkommen frei. Der erste Monat gilt als Probezeit. Sollten Sie scheitern, werden Sie für diesen Monat bezahlt und gehen.“

Ich brachte kein Wort hervor, nickte nur stumm und ballte die Hände so fest, dass meine Fingernägel in die Haut schnitten. Mein Blick suchte Jonas’ Augen, auf der verzweifelten Suche nach einem Funken, irgendeinem Zeichen von Bewusstsein. Nichts. Er wirkte wie ein kostspieliges Ausstellungsstück, ein lebendiges Möbelstück in diesem Haus.

Die Hochzeit war leise, emotionslos und fühlte sich an wie eine schlecht gespielte Szene in einem Theaterstück, das niemand sehen wollte. Man wies mir ein großes, aber seelenloses Zimmer zu, direkt neben seinen Räumen. Mein Alltag zerfiel in eine ermüdende Endlosschleife: Füttern mit dem Löffel, entwürdigende Pflegerituale, schweigsame Spaziergänge durch den Park, Vorlesen für einen Ehemann, der unbeweglich und scheinbar gleichgültig blieb. Lebenszeichen waren selten: ein leises Stöhnen im Schlaf, ein unkontrolliertes Zucken eines Fingers. Ich gewöhnte mich an sein Schweigen, an diesen leeren Blick. Und doch begann ich, Mitleid zu empfinden. Für diesen jungen, attraktiven Mann, der in einem Körper gefangen war, der ihm nicht mehr gehorchte. Ich sprach mit ihm, erzählte von meinen Sorgen, von der Krankheit meiner Mutter, schüttete ihm mein Herz aus – wie einem Tagebuch, das niemals antworten würde.

Doch nach etwa einem Monat veränderte sich etwas. Die Wirklichkeit bekam feine Risse.

Eines Abends brachte ich ihm das Abendessen und blieb mit dem Absatz am Rand eines dicken Perserteppichs hängen. Ich verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe gestürzt. In genau diesem Moment kam aus Jonas’ Brust kein gewohntes, unartikuliertes Geräusch, sondern ein klarer, kurzer Atemstoß – eindeutig, menschlich, voller unverstellter Angst. Ich erstarrte und starrte ihn an. Sein Gesicht blieb reglos. „Einbildung“, redete ich mir ein, während mein Herz raste.

Am nächsten Morgen fehlte meine Lieblingshaarspange, das einzige farbige Detail in diesem monochromen Leben. Ich durchsuchte mein Zimmer, fand sie nirgends. Am Abend, als ich Jonas fürs Schlafen vorbereitete, entdeckte ich sie auf seinem Nachttisch. Auf der Seite, die ich nie betrat. Sorgfältig abgelegt, fast zärtlich. Ich schob es auf meine Erschöpfung und meine eigene Zerstreutheit.

Dann war da das Buch. Ich hatte ihm „Der Kirschgarten“ vorgelesen, als ein Anruf aus dem Krankenhaus kam – neue Untersuchungsergebnisse meiner Mutter. Um die Seiten nicht zu knicken, legte ich das Buch hastig in die Schublade seines Schreibtisches. Am nächsten Morgen lag es auf dem Frühstückstisch. Offen genau an der Stelle, an der ich aufgehört hatte. Als Lesezeichen diente ein eleganter, steinerner Schlüsselanhänger in Form einer Eidechse, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Meine Hand begann unkontrolliert zu zittern. Das war bereits zu viel, um es einfach als Zufall abzutun, und ein beklemmendes Gefühl kündigte an, dass die kommenden Tage Antworten bereithalten würden.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber