„Ulrich Koch“, bestätigte die Alte schließlich. „Früher hat er mit Ihrer Großmutter in der Bibliothek gearbeitet. Dann war er plötzlich verschwunden. Und nun taucht er wieder auf. Ein eigenartiger Mensch – aber im Grunde ein guter, sagen die Leute.“
Adelaide bedankte sich leise und setzte ihren Weg fort, während ihr die Worte noch lange im Kopf nachhallten.
Am selben Abend klopfte es an ihrer Wohnungstür. Als sie öffnete, stand der Mann aus dem Hinterhof vor ihr. Sein Mantel wirkte abgetragen, sein Blick unsicher.
„Verzeihen Sie die Störung“, sagte er stockend. „Ich wollte Ihnen noch etwas geben. Vorhin fehlte mir der Mut.“
Er griff in die Innentasche und zog ein kleines Notizbuch hervor, in Leder gebunden, die Kanten weich vom Alter.
„Das Tagebuch Ihrer Großmutter“, erklärte er. „Sie wollte, dass es ausschließlich in Ihre Hände gelangt.“
Adelaide nahm das Heft entgegen. Ihr Herz schlug schneller.
„Warum ausgerechnet ich?“
Ulrich Koch hielt ihrem Blick stand.
„Weil darin Dinge stehen, die Ihr Leben in eine andere Richtung lenken können.“
Später saß Adelaide auf ihrem Bett, das Tagebuch aufgeschlagen. Das Leder fühlte sich rau an, es roch nach Staub und zugleich nach etwas Vertrautem, Warmem. Schon auf der ersten Seite erkannte sie die Handschrift ihrer Großmutter:
Wenn du diese Zeilen liest, bin ich nicht mehr da. Doch du sollst wissen: Das Geld, das ich dir hinterlassen habe, war kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Geheimnisses, das ich mein Leben lang bewahrt habe. Es stammt weder aus meiner Rente noch aus Ersparnissen. Ich erhielt es von einem Menschen, den ich liebte – und von dem niemand erfahren durfte. Nun liegt es an dir. Nutze es klüger, als ich es je konnte.
Ein Frösteln lief Adelaide über den Rücken. Ulrich hatte geschwiegen, doch offenbar hatte er die Wahrheit immer gekannt.
Noch am selben Abend meldete sich Xaver Richter. Seine Stimme klang heiser, doch die alte Überheblichkeit schwang mit.
„Adi, sei vernünftig“, sagte er. „Kauf mir eine Wohnung. Für dich bleibt genug übrig. Und sonst … na ja, das Leben ist lang. Auf der Straße kann viel passieren.“
Adelaide erstarrte. Das war keine Andeutung mehr, sondern eine offene Drohung.
„Du bist mir nichts mehr“, antwortete sie kühl und legte auf.
Das Telefon klingelte sofort wieder. Einmal, zweimal. Dann erschien eine Nachricht:
Du wirst es bereuen.
Am nächsten Tag traf sie Ulrich in einem alten Teehaus nahe der Bibliothek. Er umklammerte seine Tasse, schwarzer Tee, seine Finger zitterten leicht.
„Ihre Großmutter hatte Angst“, sagte er leise. „Angst, dass die Familie Ihres Mannes sie zerreißen würde. Deshalb schrieb sie diese Zeilen.“
„Warum haben Sie all die Jahre geschwiegen?“
Er sah auf. „Weil ich Teil dieser Geschichte war. Ich war derjenige, von dem das Geld stammte.“
Adelaide fühlte, wie ihr der Atem stockte.
„Sie…?“
„Ja. Ich habe Ihre Großmutter geliebt. Zusammen sein konnten wir nie. Aber ich habe ihr geholfen, so gut ich konnte. Das Geld war mein Dank – dafür, dass sie niemals zerbrochen ist. Jetzt gehört es Ihnen. Lassen Sie nicht zu, dass man es Ihnen nimmt.“
Adelaide nickte. Scham, Bitterkeit und eine neu erwachte Stärke vermischten sich in ihr.
Eine Woche später stand Erik Ludwig vor Gericht. Die Verhandlungen waren zermürbend, voller Vorwürfe und Geschrei. Victoria Bergmann inszenierte sich als Opfer und behauptete unter Tränen, Adelaide habe „die ganze Familie zerstört“. Xaver saß mit aufgedunsenen Augen da und versuchte, Mitleid zu erheischen.
Doch das Urteil fiel klar aus.
„Das Erbe ist nicht teilbar“, erklärte der Richter. „Das Vermögen verbleibt vollständig bei Adelaide Beck.“
Xaver stürmte aus dem Saal und schlug die Tür hinter sich zu, dass es hallte. Erik blieb sitzen, die Hände zu Fäusten geballt. Victoria weinte und fluchte.
Adelaide hingegen spürte zum ersten Mal seit Langem, wie sich ihre Lungen mit freier Luft füllten.
Sie kaufte eine Wohnung in einem Neubau. Hell, großzügig, mit Fenstern zum Innenhof, wo morgens Kinder Fußball spielten. Im Wohnzimmer stand ein Sofa, in der Küche ein großer Tisch – einer, auf dem nicht nur Geschirr, sondern auch Zukunftspläne Platz hatten.
Ulrich rief gelegentlich an, erkundigte sich nach ihr. Manchmal trafen sie sich auf einer Bank neben der Bibliothek und schwiegen gemeinsam.
Erik Ludwigs Familie verschwand aus ihrem Leben wie ein lärmender Traum, der verblasst. Nur selten hörte sie im Schlaf die Stimme der Großmutter:
„Leb dein eigenes Leben, mein Mädchen.“
Und Adelaide tat genau das.
