«Das gehört mir» — sagte Adelaide klar und ohne Zögern

Dieser erbarmungslose Verrat ist zutiefst empörend.
Geschichten

Unter der Tür hindurch lag der Zettel wie ein drohender Schatten. Darauf stand in hastig hingeworfenen Buchstaben:
„Ich werde mir holen, was mir zusteht. Wenn es nicht gütlich geht, dann eben vor Gericht.“

Am folgenden Tag tauchte Victoria Bergmann, ihre Schwiegermutter, in der Wohnung auf. Sie klopfte nicht einmal an – sie besaß immer noch einen Schlüssel und nutzte ihn mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre ihr der Ort. Adelaides Mutter wollte Einspruch erheben, doch die ältere Frau marschierte bereits ins Zimmer, mit der Haltung einer Eigentümerin, die keinerlei Widerrede erwartet.

„Adelaide“, begann sie mit ihrer hohen, rauen Stimme, „du begreifst einfach nicht, was Familie bedeutet. Familie besteht nicht nur aus Mann und Frau. Familie sind wir alle. So war es immer: Wir haben zusammengehalten, uns gegenseitig getragen. Es ist deine Pflicht, Xaver zu unterstützen. Tust du es nicht, wird Gott dich dafür zur Rechenschaft ziehen.“

Adelaide erhob sich abrupt. Ihre Geduld war aufgebraucht.

„Victoria Bergmann, dieses Geld gehört mir“, sagte sie ruhig, aber fest. „Meine Großmutter hat es mir hinterlassen. Nicht Ihrem Sohn, nicht Xaver Richter – sondern mir allein.“

Die Schwiegermutter verzog das Gesicht und zog die Augenbrauen zusammen.

„Vermögen ist eine Prüfung“, erwiderte sie kalt. „Und du bist daran gescheitert. Du bist genauso geizig geworden wie dein Vater – Gott hab ihn selig.“

Die Worte trafen Adelaide wie ein Messerstich. Für einen Moment glaubte sie, sie würde aufspringen und der Frau entgegentreten, doch ihre Mutter stellte sich schnell zwischen sie beide.

„Es reicht“, sagte sie mit harter Stimme. „In dieser Wohnung bestimme ich. Verschwinden Sie.“

Victoria Bergmann warf die Hände in die Luft, schrie etwas von Undankbarkeit und Flüchen und schlug schließlich die Tür hinter sich zu. Der Knall ließ den Putz von der Decke rieseln.

Am Abend begann Adelaide, ihre Sachen in eine neue Tasche zu packen. Sie hatte beschlossen, in eine kleine Mietwohnung zu ziehen, um ihre Mutter nicht weiter in diesen Albtraum hineinzuziehen. Während sie Kleidung zusammenlegte, vibrierte ihr Handy erneut. Eine unbekannte Nummer.

„Hallo?“, meldete sie sich vorsichtig.

„Spreche ich mit Adelaide Beck?“ Eine junge, helle Frauenstimme antwortete. „Mein Name ist Andrea Otto. Sie kennen mich nicht. Ich wohne neben Xaver.“

Adelaide richtete sich auf, sofort angespannt.
„Was wollen Sie von mir?“

„Ich wollte Sie warnen“, sagte die Frau leise. „Heute Abend saß er mit ein paar Freunden vor dem Haus. Er hat laut darüber gesprochen, wie man Ihnen das Geld ‚abnehmen‘ könnte. Er meinte, er kenne jemanden, der dabei helfen kann. Es klang ernst.“

Adelaide bedankte sich, beendete das Gespräch und setzte sich schwer auf das Sofa. Ihr Herz raste. Sie wusste, dass Xaver nicht nur bequem war. Er hatte immer nach Abkürzungen gesucht – und wenn jemand Gewalt als Lösung anbot, würde er kaum zögern.

Am nächsten Tag suchte Adelaide einen Anwalt auf, den ihr ein Kollege empfohlen hatte. Das Büro roch nach altem Papier und Kaffee, die Regale waren bis zur Decke mit Büchern gefüllt. Der Mann, Mitte vierzig, mit Brille und ruhigem Blick, hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen.

„Das Erbe ist eindeutig Ihr persönliches Eigentum“, erklärte er, während er die Unterlagen durchging. „Aber Ihre Verwandten werden versuchen, emotionalen Druck auszuüben. Möglich ist auch ein Gang vor Gericht, mit dem Argument familiärer Verpflichtungen. Rechtlich haben sie kaum Chancen – doch psychisch wird es belastend.“

Adelaide senkte den Kopf.
„Ich bin müde“, murmelte sie. „Aber ich werde nicht nachgeben.“

Der Anwalt nickte zustimmend.
„Das ist richtig. Und noch etwas“, fügte er hinzu und lächelte plötzlich. „Hören Sie auf, sich nur zu verteidigen. Es reicht nicht, Opfer zu sein. Sie müssen selbst handeln.“

Diese Worte setzten sich in ihrem Inneren fest.

Am Abend nahm Adelaide erneut den Umschlag ihrer Großmutter zur Hand. Sie las die Zeilen laut, fast wie ein Gebet:
„Gib es nicht denen, die gelernt haben, von anderen zu leben. Vergiss nicht: Ich habe es dir hinterlassen, damit du dein eigenes Leben führst.“

Unwillkürlich dachte sie an den merkwürdigen Mann mit den Nelken. An sein Gesicht, seinen Blick. Er hatte etwas verschwiegen, das spürte sie. Ein unausgesprochenes Geheimnis lag in der Luft.

Am nächsten Morgen fasste sie einen Entschluss: Sie würde ihn suchen.

Sie ging durch die alten Straßen der Stadt, dort, wo ihre Großmutter einst gelebt hatte. In einem kleinen Hinterhof, hinter einem heruntergekommenen Haus, saß eine alte Frau auf einer Bank. Adelaide trat näher und fragte vorsichtig:

„Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, wer dieser Mann gewesen sein könnte … er war bei mir, sagte, er habe meine Großmutter gekannt.“

Die Frau kniff die Augen zusammen.
„Groß, graue Haare, Mantel? Das war bestimmt Ulrich Koch.“

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