«Das gehört mir» — sagte Adelaide klar und ohne Zögern

Dieser erbarmungslose Verrat ist zutiefst empörend.
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Erik Ludwig fuhr hoch, als hätte ihn jemand gestoßen. Sein Gesicht lief dunkelrot an, die Adern an seinem Hals traten hervor.

„Du bist undankbar!“, schleuderte er ihr entgegen. „Meine Familie hat dich aufgenommen, dir vertraut, und du… so zahlst du es uns zurück?“

In diesem Moment schrillte die Türklingel. Der Ton war scharf und aufdringlich, schnitt durch die stickige Spannung im Raum wie ein Messer durch Stoff. Adelaide Beck reagierte instinktiv schneller als alle anderen und eilte zur Tür.

Draußen stand ein Mann um die sechzig. Sein grauer Regenmantel war abgewetzt, in der Hand hielt er einen schlaff wirkenden Strauß Nelken, deren Blüten schon leicht die Köpfe senkten.

„Verzeihung“, begann er mit heiserer Stimme, „ich suche Adelaide Beck.“

Adelaide erstarrte. Der Fremde sah sie direkt an, in seinem Blick lag eine merkwürdige Mischung aus Unsicherheit und festem Willen.

„Ich… das bin ich“, brachte sie hervor.

„Dann ist das für Sie.“ Er reichte ihr die Blumen. „Von Ihrer Großmutter. Also… von einer ihrer Freundinnen. Sie hat mich gebeten, es Ihnen zu übergeben.“

Mechanisch nahm Adelaide den Strauß entgegen. Der Geruch war schwer, bitter, beinahe aschig, als hätten die Nelken zu viel Regen gesehen.

Erik blickte irritiert zwischen den beiden hin und her.

„Entschuldigen Sie“, fragte Adelaide und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, „wer sind Sie eigentlich?“

Der Mann räusperte sich. „Ich war… ein alter Bekannter Ihrer Großmutter. Wir haben viele Jahre zusammengearbeitet. Vom Tod habe ich erst gestern erfahren.“

Er zögerte kurz und fügte dann hinzu: „Außerdem habe ich noch etwas für Sie. Einen Umschlag. Sie wollte ausdrücklich, dass ich ihn persönlich übergebe.“

Adelaide nahm den Umschlag entgegen. Das Papier war abgegriffen, an einer Ecke leicht eingerissen. Die Handschrift darauf erkannte sie sofort: die festen, leicht nach rechts geneigten Buchstaben ihrer Großmutter. Ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr in den Ohren rauschte.

Erik beugte sich vor, als wolle er über ihre Schulter sehen. Adelaide presste den Umschlag reflexartig an ihre Brust.

„Das gehört mir“, sagte sie klar und ohne Zögern.

Zum ersten Mal während ihrer gesamten Ehe klang ihre Stimme so, dass Erik unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

Der Fremde verabschiedete sich leise und verschwand im Treppenhaus. Zurück blieb der Geruch von nassem Stoff und welken Nelken. Adelaide schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und glitt langsam an ihr hinunter, bis sie auf dem Boden saß.

Mit zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag. Darin lag ein gefaltetes Blatt Papier, beschrieben in der vertrauten Handschrift:

„Meine liebe Addy, ich weiß, dass das Geld für dich nicht nur ein Geschenk sein wird, sondern auch eine Prüfung. Steh für dich ein. Gib es nicht denen, die es gewohnt sind, vom Leben anderer zu leben. Vergiss nicht: Ich habe es dir hinterlassen, damit du dein eigenes Leben führst. In Liebe, deine Großmutter.“

Die Worte wirkten, als seien sie ins Papier eingebrannt.

Adelaide hob den Kopf. Erik stand vor ihr, die Stirn gerunzelt, das Gesicht angespannt, als würde er innerlich gegen etwas ankämpfen.

Später saß Adelaide in der Küche ihrer Mutter. Mit beiden Händen umklammerte sie eine Teetasse, als könne sie der Keramik noch einen letzten Rest Wärme entreißen. Draußen zog der Regen lange Spuren über die Fensterscheibe, vereinzelte Passanten hasteten unter Schirmen vorbei. Ihre Mutter stand neben ihr und schnitt schweigend Äpfel. Sie wirkte gefasst, doch in ihren Augen lag diese besondere Art von Sorge, die nur Eltern kennen, wenn ihre Kinder in einen Sturm geraten sind.

„Addy“, begann sie vorsichtig, „ich sehe, dass du stark bleibst. Aber das hier ist erst der Anfang. Erik und seine Familie werden das nicht einfach hinnehmen.“

Adelaide seufzte leise. „Mama, ich gehe nicht mehr zurück. Weder zu ihm noch zu seinen Eltern.“

„Das verstehe ich“, sagte ihre Mutter und nickte langsam. „Aber sie werden es nicht verstehen.“

Fast als wolle das Schicksal ihre Worte bestätigen, klingelte im Flur das Telefon. Adelaide warf einen Blick auf das Display: Erik. Sie stellte den Ton stumm und legte das Handy beiseite.

„Siehst du?“, sagte die Mutter und hob hilflos die Hände. „Du musst darauf vorbereitet sein.“

Zwei Tage später stand Erik plötzlich selbst vor der Tür. Sein Hemd war zerknittert, der Bart ungepflegt, in seinen Augen mischten sich Wut und Verzweiflung.

„Adelaide!“, hämmerte er gegen die Tür. „Dazu hast du kein Recht! Das ist nicht nur dein Geld!“

Sie öffnete nicht. Sie blieb dahinter stehen, hörte, wie seine Stimme lauter wurde, dann wieder brach, und spürte, wie sich in ihr Angst und Entschlossenheit gleichzeitig aufbäumten.

Nach einigen Minuten entfernte sich Erik. Doch er ließ einen Zettel zurück, den er unter der Tür hindurchgeschoben hatte, als letzte stumme Drohung, die schwer im Flur liegen blieb.

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