«Das gehört mir» — sagte Adelaide klar und ohne Zögern

Dieser erbarmungslose Verrat ist zutiefst empörend.
Geschichten

„Sieben Millionen? Hervorragend! Dann kaufen wir Xaver Richter eine Wohnung, und für dich reicht doch ein kleines Einzimmerapartment völlig aus!“ erklärte mein Mann entschieden – ohne mich auch nur im Ansatz nach meiner Meinung zu fragen.

„Begreifst du eigentlich, dass das Verrat ist?“ Die Stimme von Erik Ludwig bebte, auch wenn er sichtbar versuchte, die Kontrolle zu behalten.

Adelaide Beck stand am Fenster und blickte hinaus in den Garten. Dort jagten zwei kleine Mädchen lachend einem Ball hinterher, so unbeschwert, als gehöre ihnen die ganze Welt. In ihrer Hand hielt sie das Telefon, doch sie sagte kein Wort.

„Adelaide…“ Erik trat näher und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Wir sind doch eine Familie. In einer Familie gibt es kein dein und mein Geld. Alles gehört allen. So war es bei meinen Eltern, und so sollte es auch bei uns sein.“

Langsam drehte Adelaide sich zu ihm um. In ihrem Blick lag nichts mehr von der früheren Wärme – nur tiefe Erschöpfung und etwas Stechendes, Scharfes, wie eine Nadel, die in weiche Wolle gehüllt ist.

„Bei meiner Großmutter war das anders, Erik“, sagte sie leise. „Sie lebte allein, entschied über alles selbst. Und vor allem: Sie respektierte sich selbst.“

Erik wich zurück, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst. Dann lachte er kurz auf, trocken und unangenehm.

„Ein toller Vergleich! Eine alte Frau mit ihren Marotten … Du weißt doch genau, dass Xaver Richter das Geld jetzt dringend braucht. Ohne Unterstützung hat er keine Chance, wieder auf die Beine zu kommen.“

Adelaide riss abrupt den Kopf hoch.

„Wie lange reden wir eigentlich noch über diesen Xaver?! Er ist ein erwachsener Mann! Kein Kind, das man ein Leben lang an der Hand führen muss!“

Erik seufzte schwer, ließ sich auf die Kante des Sofas fallen und starrte auf den Boden. Er widersprach nicht – und gerade dieses Schweigen brachte Adelaide am meisten auf. Es wirkte, als hätte er seine Entscheidung längst getroffen und warte nur noch darauf, dass sie selbst kapitulierte.

In der Stille war das monotone Tropfen des Wasserhahns aus der Küche zu hören. Jeder Tropfen zählte die Sekunden, hartnäckig, als würde er den Countdown zu einer Explosion markieren.

Die ersten Funken dieses Konflikts waren bereits aufgeflogen, als Erik Adelaide zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hatte. Die große Familie, zusammengehalten von der Gewohnheit, alles gemeinsam zu regeln, hatte sie freundlich empfangen – jedoch nicht als Gleichberechtigte, sondern eher als zusätzliche helfende Hand.

„Du bist eine geschickte Hausfrau, Liebes“, hatte die Schwiegermutter Victoria Bergmann gelächelt und ihr eine Schüssel mit Teig entgegengestreckt. „Pack ruhig mit an, junge Hände können wir immer gebrauchen.“

Adelaide hatte damals verlegen gelächelt und die Ärmel hochgekrempelt. Später spülte sie Berge von Geschirr, räumte den Tisch ab und hörte zu, wie man darüber sprach, dass Xaver schon wieder seine Arbeit verloren hatte, dass er in falsche Kreise geraten sei und man ihm unbedingt helfen müsse. Sie versuchte, dazuzugehören, doch tief in ihr wuchs ein seltsames Gefühl: als würde man sie ausnutzen, während jeder andere nur seine eigenen Probleme wälzte.

Erik hingegen blühte regelrecht auf. Er liebte dieses laute Nest, das nach gebratenen Zwiebeln roch und ständig vor Stimmen summte. Für ihn war es der Ort, an dem alle im gleichen Takt atmeten. Für Adelaide jedoch glich es einem Käfig, in den sie nie wirklich passte.

„Adelaide, bitte versteh mich“, setzte Erik erneut an, nun ruhiger, aber mit Nachdruck. „Wenn wir nur für uns eine Wohnung kaufen, dann verraten wir meine Familie. Xaver stünde ohne Dach über dem Kopf da. Das willst du doch nicht, oder?“

Sie sah ihn an und spürte plötzlich, wie etwas in ihr aufstieg – keine Tränen, sondern Lachen. Bitteres, kaum zu kontrollierendes Lachen.

„Auf der Straße?“ Sie verzog spöttisch den Mund. „Er lebt in einer Dreizimmerwohnung mit seinen Eltern. Isst jeden Tag das, was seine Mutter kocht. Er hat sogar ein eigenes Zimmer – ein eigenes, verstehst du?! Wo genau ist da bitte die Straße?“

Eriks Stirn legte sich in Falten, seine Augen blitzten auf.

„Du verstehst das nicht. Es geht ihm schlecht. Er leidet an Depressionen.“

Adelaide trat einen Schritt näher, so dicht, dass zwischen ihnen nur noch gespannte Luft blieb, wie eine straff gezogene Saite.

„Und glaubst du, mir geht es gut? Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie es mir wirklich geht? Was ich fühle? Ich bin auch ein Mensch, Erik. Ich bin nicht deine Mutter. Es ist nicht meine Aufgabe, dein Geschwisterkind dauerhaft zu bemuttern und mein eigenes Leben dabei aufzugeben.“

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