…und doch trage ich innerlich jemand anderen in mir. Nicht mehr die Frau von vor einer Woche.
Ich fahre zum Firmensitz, lasse das Auto in der Tiefgarage stehen und nehme den Aufzug nach oben. Achtzehnter Stock. Mein Büro empfängt mich mit Glas, Stahl und Stille.
„Sophie Otto“, sage ich zu meiner Assistentin, kaum dass ich den Mantel abgelegt habe, „bitte laden Sie alle Abteilungsleiter zu einer Besprechung ein. In einer Stunde.“
Sie nickt, greift zum Telefon. Die Kette der Anrufe beginnt.
Eine Stunde später.
Der Konferenzraum ist voll. Ich sitze am Kopf des Tisches. Alles wirkt vertraut – und doch ist es anders. Ich sehe nicht mehr Titel oder Positionen, sondern Gesichter. Daniel Hermann nestelt auffällig an seiner Krawatte, als ahne er, dass etwas Unangenehmes in der Luft liegt.
„Ich möchte heute nicht über Zahlen sprechen“, beginne ich ruhig. „Nicht über Quartalsziele oder Marktanteile. Sondern über Menschen. Über Fairness. Und darüber, was es heißt, ein Unternehmen zu sein – und keine seelenlose Geldmaschine.“
Niemand sagt ein Wort.
„Ab morgen“, fahre ich fort, „werden die Gehälter aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pauschal um dreißig Prozent angehoben.“
Ein kollektives Einatmen. Ein Stift fällt klirrend zu Boden, jemand räuspert sich hektisch.
„Für die Führungsebene hingegen“, ergänze ich ohne Zögern, „gilt eine Kürzung von zwanzig Prozent. Diese Mittel gleichen die Erhöhung aus.“
„Frau Bergmann“, meldet sich der Finanzchef vorsichtig, „der Etat—“
„—trägt das“, unterbreche ich. „Und falls nicht, streichen wir überteuerte Firmenfeiern, Dienstwagenflotten und sogenannte Repräsentationskosten in Sternerestaurants.“
Mein Blick bleibt an Daniel Hermann hängen. Seine Gesichtsfarbe wechselt.
„Daniel“, sage ich sachlich, „wie läuft es aktuell in Ihrem Bereich?“
„Ähm… stabil“, murmelt er.
„Und der Vorgang mit Philipp Stein? Die verspätete Auslieferung?“
Er springt fast vom Stuhl. „Woher wissen Sie das?“
„Spielt keine Rolle“, antworte ich. „Wichtig ist: Ihre Leute leisten hervorragende Arbeit. Und dennoch behandeln Sie sie respektlos. Das endet heute.“
Stille. Schwer, drückend.
„Außerdem“, füge ich hinzu, „schaffen wir sämtliche Strafabzüge wegen Verspätungen ab. Entscheidend ist das Ergebnis – und der Umgang miteinander.“
Die Sitzung löst sich auf. Manche verlassen den Raum fassungslos, andere vorsichtig hoffnungsvoll.
Am Abend gehe ich hinunter in den fünften Stock, in die Buchhaltung. Ich klopfe an und trete ein.
„Lea Hartmann, hätten Sie kurz Zeit?“
„Ja… natürlich“, sagt sie unsicher.
„Mein Name ist Katharina Bergmann. Ich bin die Entwicklungsdirektorin.“
Sie wird kreidebleich und hält sich am Tischrand fest.
„Keine Angst“, beruhige ich sie. „Ich bin nicht hier, um zu kontrollieren. Ich bin hier, um Danke zu sagen. Und um mich zu entschuldigen.“
„Wofür?“
„Für Ihre Ehrlichkeit. Dafür, dass Sie mir den Spiegel vorgehalten haben. Dafür, dass Sie mir gezeigt haben, wer ich geworden war.“
Ich setze mich auf den bekannten, leicht wackelnden Stuhl – denselben, auf dem ich damals als einfache Katharina gesessen habe.
„Ich kam nicht wegen Zahlen“, sage ich leise. „Ich kam, um Wahrheit zu sehen. Und sie war schwerer zu ertragen, als ich erwartet hatte.“
Lea schweigt. Tränen stehen ihr in den Augen.
„Ab jetzt“, verspreche ich, „wird sich alles ändern.“
An der Tür drehe ich mich noch einmal um.
„Und Lea… danke für den Kaffee. Für die Freundlichkeit. Für das Bonbon. Das bleibt.“
Zu Hause.
Ich sitze in der Küche, halte eine Tasse Tee in den Händen. Billig, aus dem Beutel. Kein Porzellan, kein Ritual.
Meine Gedanken kreisen nicht um Gewinnmargen oder Strategiepapiere. Sie gehören den Menschen.
Das Unternehmen hat sich in diesen Tagen kaum verändert.
Ich schon.
Ich habe verstanden: Menschen sind kein „Personal“. Keine „Kostenstelle“. Kein „Humankapital“.
Sie sind der Kern.
Jeder trägt seine eigene Last, seine Angst, seinen Traum.
Meine Aufgabe ist nicht, sie auszupressen.
Sondern Räume zu schaffen, in denen sie Luft holen können. Mit Würde arbeiten. Leben.
Wo Anna König ihre letzte Süßigkeit nicht teilen muss, weil jemand zusammenbricht.
Wo Luisa Böhm nicht weinend auf der Toilette sitzt, aus Angst vor dem nächsten Anruf.
Wo Lea nicht bis Mitternacht bleibt, weil „es dringend ist“.
Morgen beginnt etwas Neues.
Nicht als Direktorin.
Sondern als Mensch.
Und Katharina – die einfache, verletzliche, echte Katharina – geht diesen Weg mit mir.
Sie war nie eine Rolle.
Sie war mein wahres Gesicht.
Das, was ich immer hätte sein sollen.
