…für das „Management“. Und diese Menschen hier quetschen sich jeden Morgen über eine Stunde lang in volle U-Bahnen, nur um am Monatsende einen Lohn zu bekommen, der gerade so für Miete und Lebensmittel reicht.
„Und was hast du früher gemacht?“, hakt Lea Hartmann weiter nach.
„Ach, alles Mögliche“, weiche ich aus. „Hier und da gearbeitet.“
„Und wie lange bist du schon bei uns?“
„Ich bin seit vier Jahren hier“, sagt Lea. „Luisa seit drei. Christina sogar schon sieben.“
„Und?“, frage ich vorsichtig. „Bist du zufrieden mit der Arbeit?“
Die Frauen tauschen Blicke aus. Niemand sagt sofort etwas. Die Luft wird schwer.
„Na ja… Arbeit ist Arbeit“, meint Luisa Böhm schließlich und wägt jedes Wort ab. „Aber das Management… Die da oben… die haben keine Ahnung, wie wir leben.“
„Was meinst du damit?“
„Zum Beispiel war neulich so eine Direktorin bei uns“, sagt Luisa und verzieht das Gesicht. „Entwicklung oder so. Bergmann hieß sie. Eiskalt. Ist durchgelaufen, hat uns angeschaut, als wären wir Einrichtungsgegenstände, und war wieder weg.“
Mir stockt der Atem. Mein Name. Mein anderes Ich.
„Und was genau hat euch gestört?“, frage ich und zwinge meine Stimme zur Ruhe.
„Alles!“, platzt es aus Luisa heraus. „Die sitzen in Büros mit Glasfassade, verdienen ein Vermögen, und wir bekommen Brosamen. Aber verlangen sollen wir trotzdem totale Identifikation und Begeisterung!“
Ich sitze da wie betäubt. Jedes ihrer Worte trifft.
„Und vor Kurzem haben sie sich selbst die Gehälter um dreißig Prozent erhöht“, wirft Christina Krause ein. „Uns erzählen sie was von Krise und Geduld.“
„Woher wisst ihr das?“, frage ich leise.
„Louisa Braun aus der Personalabteilung hat sich verplappert“, sagt Christina. „Aus Versehen natürlich. Wir haben nachgerechnet… Ein Monatsgehalt von denen entspricht fast unserem Jahreseinkommen.“
Mir fehlen die Worte. Die Scham brennt. Nicht für die Firma. Für mich selbst.
Freitagabend. Feierabend.
Daniel Hermann brüllt wie immer ins Telefon, bis sich sein Ton schlagartig ändert, als jemand „Wichtiges“ anruft.
„Katharina! Bleib noch eine Stunde“, ruft er mir zu. „Die Unterlagen müssen sortiert werden.“
Ich bleibe. Das Büro leert sich. Nur Anna König, die Reinigungskraft, zieht langsam den Mopp über den Boden und summt leise eine alte Melodie.
Ich sitze über Papieren. Und erinnere mich.
Ich sehe mich selbst vor einem Monat, wie ich dem Vertrieb eine Prämie gestrichen habe – Kostensenkung, Optimierung. Am nächsten Tag habe ich mir ein neues Auto gekauft.
Ich erinnere mich daran, wie ich vor einem halben Jahr Luna Schäfer aus der Buchhaltung entlassen habe. Drei Verspätungen. Keine Fragen. Kein Interesse an Gründen. Es war mir egal.
„Kindchen, warum schaust du so traurig?“, fragt Anna König und bleibt neben mir stehen.
„Ach… müde“, sage ich.
„Müde…“, seufzt sie. „So jung und schon müde. Weißt du was?“
Sie zieht ein altes Karamellbonbon aus der Tasche, in Papier gewickelt.
„Nimm. Zucker hilft. Und manchmal wird davon sogar die Seele ein bisschen wärmer.“
Ich nehme es, wickele es aus, lege es mir in den Mund. Süß. Unerträglich süß. Und genau da laufen mir die Tränen. Still. Ohne Schluchzen.
„Danke, Anna.“
„Ach was. Wir halten hier zusammen“, sagt sie ruhig. „Wenn es dem Management egal ist, dann bleiben wir wenigstens Menschen.“
In diesem Moment begreife ich es.
All die Jahre habe ich keine Firma aufgebaut, sondern eine Fassade. Effizienz, Wachstum, Gewinn – es sah beeindruckend aus. Aber es war leer. Weil ich die Menschen vergessen hatte. Diejenigen, die nicht für Boni kommen, sondern für ihre Kinder, für Brot, für ein bisschen Sicherheit.
Ich war keine Führungskraft. Ich war Teil eines Systems, das zerdrückt.
Montag. Eine neue Woche.
Ich gehe zu Laura Walter ins Büro.
„Laura Walter, ich kündige.“
Sie blinzelt überrascht. „Wie bitte? Sie sind doch erst seit einer Woche hier…“
„Ich habe etwas Besseres gefunden.“
Es ist nicht ganz wahr. Und doch keine Lüge. Denn diese neue Arbeit bin ich selbst. Die Frau, die ich schon lange hätte sein sollen.
Laura zuckt mit den Schultern und erledigt die Formalitäten.
Mittwoch.
Ich stehe zu Hause vor dem Spiegel. Die Frisur sitzt. Das Make-up ist dezent. Ich ziehe einen strengen Anzug an. Diamanten. Die Uhr. Ich bin wieder Katharina Bergmann. Entwicklungsdirektorin.
