Ich schlucke jede Erwiderung hinunter und tue, was er verlangt. Der angeblich verschwundene Vertrag liegt dort, wo er schon vor einer Stunde gelegen hat: offen, gut sichtbar, kein bisschen versteckt. Ich nehme die Mappe, bringe sie zurück.
„Na also, geht doch“, sagt Daniel Hermann zufrieden, als hätte er persönlich ein Problem gelöst. Ein selbstgefälliges Grinsen huscht über sein Gesicht.
In mir kocht es. Am liebsten würde ich ihm entgegenschleudern, wer ich wirklich bin, würde gern sehen, wie ihm die Gesichtszüge entgleisen. Doch ich beherrsche mich. Noch ist nicht der richtige Moment.
„Kommst du mit essen?“ Lea Hartmann steckt den Kopf zur Tür herein. „Die Kantine ist okay. Und bezahlbar.“
Ich nicke, obwohl mir innerlich alles fremd vorkommt. Ich bin andere Mittagspausen gewohnt: Restaurants, Lieferdienste, Essen am Schreibtisch aus Porzellan statt Plastik. Jetzt also Kantine im Erdgeschoss. Schlange stehen. Tabletts. Der schwere Geruch von Eintopf, gebratenen Zwiebeln und Rote-Bete-Suppe liegt in der Luft.
„Was soll ich nehmen?“ frage ich leise.
„Heute ist der Borschtsch richtig gut“, sagt Lea. „Und die Frikadellen sind frisch. Nimm das Menü, das lohnt sich. Zweihundertfünfzig…“
Zweihundertfünfzig Eurocent in meiner Wahrnehmung – für mich kaum der Rede wert. Für Katharina Bergmann hier im Büro fast ein Zehntel dessen, was sie am Tag verdient.
Wir setzen uns zu Luisa Böhm und Christina Krause. Der Tisch füllt sich mit Gesprächen, die ich sonst nur aus Berichten kenne: Kinder, Schulstart, steigende Preise, Rechnungen, bei denen man rechnen muss, was man zuerst bezahlt.
„Mein Sohn kommt jetzt in die erste Klasse“, seufzt Luisa. „Allein die Hefte, der Ranzen … und das Gehalt bleibt seit Jahren gleich.“
„Und unsere Prämie wurde schon wieder gekürzt“, wirft Christina ein. „Angeblich Zielverfehlung.“
„Welche Zielverfehlung?“ rutscht es mir heraus. „Ihr übererfüllt die Zahlen doch jeden Monat.“
Sofort spüre ich die Blicke.
„Woher weißt du das?“ Christina runzelt die Stirn.
„Ach … hab ich mal aufgeschnappt“, murmele ich. Beinahe hätte ich zu viel gesagt. Ein Fehler hier könnte alles auffliegen lassen.
Nach dem Essen klingelt das Telefon.
„Vertriebsabteilung, Katharina Bergmann, guten Tag.“
„Kann ich bitte Daniel Hermann sprechen?“
„Er ist in einer Besprechung. Soll ich etwas ausrichten?“
„Ja. Philipp Stein hat angerufen. Es geht um eine Lieferung. Wann ist er wieder erreichbar?“
„In etwa einer Stunde.“
„Gut, dann melde ich mich noch einmal.“
Ich notiere mir den Namen. Philipp Stein ist einer der wichtigsten Kunden des Unternehmens. Normalerweise hätte Daniel sofort abheben müssen. Stattdessen sitzt er in einem Meeting über Berichte, die problemlos hätten warten können.
Eine halbe Stunde später stürmt er zurück ins Büro.
„Gab es Anrufe?“
„Ja. Philipp Stein wollte, dass Sie zurückrufen.“
„Wann?“
„Vor ungefähr dreißig Minuten.“
„Warum sagst du das erst jetzt?!“
„Sie hatten gesagt, ich soll Sie im Meeting nicht stören.“
Er greift hastig zum Telefon, wählt. Besetzt.
„Schon wieder besetzt!“ Er läuft auf und ab. „Wegen dir verliere ich am Ende noch den Kunden!“
Ich sage nichts. Kein „Er meldet sich schon“. Kein „Beruhigen Sie sich“. Ich beobachte nur.
Und plötzlich begreife ich es. Daniel Hermann ist nicht einfach ein cholerischer Chef. Er hat Angst. Angst vor Fehlern, Angst vor dem Versagen, Angst vor der nächsten Abmahnung, vor dem Absturz. Nicht Bosheit treibt ihn an, sondern Panik. Er steckt fest – genau wie viele hier.
Zum ersten Mal sehe ich ihn nicht nur als lästigen Vorgesetzten, sondern als jemanden, der zwischen Erwartungen von oben und Druck von unten zerquetscht wird. Und überraschenderweise empfinde ich so etwas wie Mitleid.
Dienstag. Mittwoch. Donnerstag.
Mit jedem Tag fällt eine weitere Schicht der Fassade.
Ich sehe Lea spätabends noch am Rechner sitzen, weit nach neun, obwohl das Büro längst leer ist. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil man ihr die Arbeit von drei Personen aufgeladen hat. Die Prämie wurde trotzdem gestrichen – „aus Kostengründen“.
Ich sehe, wie Luisa sich auf der Toilette einschließt und sich hastig die Tränen aus dem Gesicht wischt, nachdem ein Kunde sie zwanzig Minuten lang angeschrien hat. Der Fehler lag im Lager, doch den Ärger bekam sie ab.
Ich sehe, wie Christina jeden Morgen ihren Thermosbecher mitbringt. Nicht, weil sie keinen Kaffee mag, sondern weil der Automat fünfzig Cent kostet. Zwei Kinder, jeder Euro zählt.
„Sag mal, Katharina, wo wohnst du eigentlich?“ fragt Lea beim Freitagsessen.
„In der Nähe von der Autowerkstraße“, antworte ich.
„Ist das nicht ewig weit?“
„Geht“, sage ich. „Knapp über eine Stunde.“
Es ist gelogen, und mir fällt es kaum auf. So sehr bin ich an mein anderes Leben gewöhnt. In Wahrheit trennen mich zehn Minuten vom Büro. Ein Fahrer wartet unten. Mein Parkplatz trägt meinen Namen.
