«Ab morgen werden die Gehälter aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pauschal um dreißig Prozent angehoben» — verkündet die Entwicklungsdirektorin überraschend in der Vorstandssitzung und löst Fassungslosigkeit und Hoffnung aus

Herzzerreißend mutige Verwandlung einer erschöpften Führungskraft.
Geschichten

Ich stehe vor dem Spiegel und halte meinem eigenen Blick stand. Katharina Bergmann, dreißig Jahre alt, Leiterin für strategische Entwicklung in einem großen IT-Unternehmen. Auf dem Papier: erfolgreich, durchsetzungsstark, selbstbewusst. In der Realität: erschöpft. Müde bis in die Knochen, von Jahren permanenter Anspannung und gespielter Stärke.

Doch heute bin ich nicht diese Frau. Heute bin ich einfach nur Katharina. Ein Mensch ohne Titel, ohne Glanz, ohne Schutzschicht. Ich lege meine teure Cartier-Uhr ab – einst ein Zeichen dafür, dass ich es geschafft hatte. Das Diamantringlicht verschwindet ebenfalls in der Schatulle. Stattdessen ziehe ich die ausgewaschenen Jeans meiner Schwester an, einen schlichten Pullover aus dem Supermarkt. Kein Make-up, kein Styling. Die Haare binde ich mir hastig zusammen. Mit jedem Handgriff verblasst das Bild der Topmanagerin. Zurück bleibt nur eine Frau.

Ab diesem Moment bin ich keine Führungskraft mehr. Ich bin Bewerberin. Anwärterin auf eine Sekretariatsstelle.

„Warum tust du dir das an?“ hatte Julia Weiß gestern kopfschüttelnd gefragt. „Du hast doch alles – Karriere, Geld, Anerkennung.“ Wie sollte ich ihr erklären, dass ich diese Dauerinszenierung nicht mehr ertrage? Dass Freundlichkeit oft nur eine Maske ist, die fällt, sobald ich den Raum verlasse? Dass meine Mitarbeiter vor mir geschniegelt auftreten und hinter meinem Rücken lästern, tricksen, täuschen?

Ich will sehen, was wirklich passiert. Ich will wissen, wie meine Firma funktioniert, wenn ich nicht diejenige bin, vor der man sich fürchtet.

Der Geruch des Gebäudes empfängt mich wie immer: frischer Kaffee, Papier, Druckertoner. Doch heute drücke ich keinen Knopf für den achtzehnten Stock. Mein Ziel ist der fünfte. Nach Absprache mit Alexander Huber aus der Personalabteilung komme ich als externe Bewerberin. Sein Gesichtsausdruck gestern war unbezahlbar, als ich ihn einweihte. Nach kurzem Zögern hatte er zugestimmt – aus Neugier oder Loyalität.

Im Büro von Laura Walter bleibe ich stehen.

„Katharina Bergmann?“ Sie mustert mich über den Brillenrand. „Bitte setzen Sie sich. Alexander Huber hat mich informiert.“
Ich nehme Platz, achte darauf, nicht zu aufrecht zu wirken. Unauffällig, durchschnittlich. Mein Magen zieht sich zusammen. Was, wenn sie misstrauisch wird? Was, wenn sie mich ablehnt?

„Haben Sie bereits als Sekretärin gearbeitet?“
„Ein wenig“, sage ich vorsichtig. „In einem kleineren Betrieb.“
„Warum interessieren Sie sich für unser Unternehmen?“
„Es ist groß, stabil“, antworte ich auswendig gelernt. „Ich suche Sicherheit.“

Sie nickt, notiert etwas in dem Lebenslauf, den ich komplett neu erfunden habe. Erklärt Aufgaben, Arbeitszeiten, Probezeit.

„Das Gehalt liegt bei zweitausendfünfhundert Euro. Ist das akzeptabel?“
Ein Betrag, den ich sonst an einem einzigen Geschäftsessen ausgebe. Trotzdem nicke ich ruhig.
„Ja. Das passt.“

Montag. Beginn eines anderen Lebens.

Mein Arbeitsplatz: ein schmaler Tisch direkt vor dem Büro von Daniel Hermann, Vertriebsleiter. Der Computer ist alt, der Stuhl knarrt bei jeder Bewegung.

„Katharina, bringen Sie mir bitte einen Kaffee“, sagt er, ohne aufzusehen.
„Gerne.“

Früher wurde mir der Kaffee gebracht. Jetzt halte ich die Tasse in der Hand. Ob meine Assistentinnen damals ähnlich empfunden haben?

In der Küche treffe ich Lea Hartmann aus der Buchhaltung.
„Du bist neu, oder? Wie heißt du?“
„Katharina.“
„Ich bin Lea. Keine Sorge, die meisten hier sind okay. Wenn was ist, sag Bescheid.“

So viel Wärme. So selbstverständlich. Wann hatte zuletzt jemand mit mir gesprochen, ohne Hintergedanken?

Schon vor der Mittagspause weiß ich: Das ist eine Parallelwelt. Eine, die ich bisher nie betreten habe.

Daniel Hermann ist hier nicht der souveräne Manager aus den Meetings. Er ist fahrig, laut, kleinlich. Wegen Kleinigkeiten fährt er seine Leute an. Klingelt das Telefon und jemand aus der Geschäftsleitung ist dran, wird seine Stimme plötzlich weich, fast unterwürfig.

„Katharina! Wo ist der Vertrag mit der Technosphäre?“ fährt er mich an, sichtlich genervt, und ich merke, dass dieser Ton hier offenbar zum Alltag gehört.

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