Er verharrte so, die Hände vor dem Gesicht, als wolle er sich selbst auslöschen.
— Ich weiß das alles, — murmelte er schließlich. — Ich wollte nur, dass du es hörst.
Ich nickte. In mir regte sich weder Genugtuung noch Mitleid. Da war lediglich Leere, ein nüchternes Schweigen, das nichts mehr erwartete.
Zu Beginn des Sommers kam überraschend ein Angebot auf mich zu. Die leitende Pflegekraft ging in Elternzeit, und die Klinikleitung schlug mich als Nachfolgerin vor. Mehr Verantwortung, ein spürbar besseres Gehalt und vor allem: deutlich weniger Nachtdienste.
Ich rang lange mit mir. Zweifel nagten an mir, die Angst zu versagen saß tief. Am Ende sagte ich zu.
Ab diesem Zeitpunkt verschob sich vieles. Ich schlief wieder durch, stand morgens ohne bleierne Müdigkeit auf, kochte öfter selbst und verbrachte die Wochenenden mit Mathilda Beck im Freien. Wir kauften Fahrräder, fuhren am Fluss entlang, lachten, kleckerten Eis auf die Hände und warfen Brotstückchen zu den Enten.
Eines Tages wurde ein neuer Arzt eingestellt — ein Kardiologe namens Andreas Lehmann. Groß gewachsen, ruhig, mit einer sanften Art und Augen, in denen Erschöpfung und Wärme zugleich lagen. Nach einer anstrengenden Schicht half er mir, einen schweren Patienten zu verlegen.
— Danke, Elisabeth, — sagte er offen. — Allein hätte ich das nicht geschafft.
Zunächst blieb es bei einem Gruß auf dem Flur, später tranken wir gemeinsam Tee im Bereitschaftszimmer, sprachen über Serien, über Müdigkeit, über belanglose Dinge.
Er flirtete nicht. Er bohrte nicht nach. Er war einfach da.
Einmal brachte er mich nach Hause.
— Ihre Fenster strahlen richtig, — bemerkte er. — Man merkt, dass hier Leben ist.
Ich lächelte nur.
Eine Woche später überreichte er Mathilda ein Buch über ein Mädchen und ihren Hund.
— Für euch, — sagte er verlegen. — Wenn es in Ordnung ist.
Mathilda musterte ihn erst, dann mich.
— Danke, — sagte sie ernst. — Sie sind nett.
Er wurde rot.
Alles entwickelte sich behutsam. Ich hatte Angst, mich erneut zu binden, wieder enttäuscht zu werden. Doch bei Andreas war da Ruhe. Er wusste von meiner Tochter, von der Scheidung. Er stellte keine Forderungen.
Eines Abends fragte Mathilda:
— Mama, kommt Andreas wieder?
Ich hielt inne.
— Wieso?
— Bei ihm habe ich keine Angst.
Mir schnürte es die Kehle zu.
Alexander hingegen wurde immer angespannter. Er hatte erfahren, dass ich Kontakt zu einem Kollegen hatte.
— Hast du mich schon ersetzt? — schleuderte er mir entgegen.
— Ich ersetze niemanden, — sagte ich ruhig. — Ich lebe einfach.
Er schwieg lange.
— Ich habe euch beide verloren.
— Das hast du selbst entschieden.
Gegen Ende des Sommers starb Dorothea Stein. Ein Schlaganfall. Alexander rief mich mitten in der Nacht an.
— Jetzt bin ich völlig allein, — flüsterte er.
Ich fuhr zur Beerdigung. Nicht seinetwegen, sondern wegen der Frau, die trotz allem Mathildas Großmutter gewesen war.
Auf dem Friedhof wirkte Alexander gebeugt, gealtert, fremd.
— Verzeih mir, Elisabeth, — sagte er leise. — Ich habe alles zerstört.
Ich sah auf das Grab.
— Nicht nur die Ehe. Du hast das Vertrauen zerbrochen.
Er weinte.
Danach versuchte er nicht mehr, mich zurückzugewinnen. Er kam, um Mathilda abzuholen, ging mit ihr spazieren, ins Kino. Langsam begann sie, neben ihm wieder zu lachen.
Im Herbst schlug Andreas vor, zusammenzuziehen.
— Noch nicht, — antwortete ich ehrlich. — Ich brauche Zeit.
Er nickte.
— Ich warte.
Im Winter machte er mir einen Antrag. Ohne Ring, ohne große Worte.
— Ich liebe dich. Und Mathilda. Ihr seid meine Familie.
Ich weinte.
Im Frühling heirateten wir. Still. Zu dritt.
Mathilda hielt meine Hand.
— Mama, bist du jetzt wieder glücklich?
Ich zog sie an mich.
— Ja, mein Schatz.
Ein Jahr später kam unser Sohn zur Welt.
Andreas hielt meine Hand im Kreißsaal.
— Du bist die stärkste Frau, die ich kenne.
Alexander kam, um das Baby zu sehen.
— Er sieht dir ähnlich, — sagte er leise.
Ich nickte.
Wir lernten, höflich miteinander umzugehen.
Manchmal, nachts, denke ich noch an mein früheres Leben. An meine Naivität. An meinen Glauben.
Dann höre ich den Atem meiner Kinder und weiß: Es musste so kommen.
Mein Leben ist nicht zerbrochen.
Es hat neu begonnen.
