„Lass uns nach Hause fahren“, hauchte sie.
Ich drehte mich zum Ausgang um.
— Elisabeth! — rief Alexander mir hinterher. — Ich bin immer noch dein Ehemann!
An der Tür blieb ich stehen, ohne mich umzusehen.
— Nicht mehr. Du weißt es nur noch nicht.
Wir gingen hinaus. Ich setzte Mathilda auf den Rücksitz, startete den Wagen, doch meine Finger zitterten so sehr, dass mir der Schlüssel beinahe aus der Hand glitt.
Als wir losfuhren, brach alles aus mir heraus. Die Tränen kamen plötzlich, ungehemmt. Mathilda sagte nichts, legte nur vorsichtig ihre kleine Hand auf meine Schulter.
— Mama … liebt Papa uns jetzt nicht mehr?
Ich rang einen Moment nach Luft.
— Er … hat einen großen Fehler gemacht, mein Schatz.
Das Handy klingelte nach einer Stunde. Dann erneut. Und noch einmal.
Ich ging nicht ran.
Zwei Tage später meldete sich Dorothea Stein.
— Elisabeth, was ist denn los? Alexander meldet sich nicht. Er wollte gestern bei mir vorbeikommen.
Ich erzählte ihr alles, ohne etwas zu beschönigen.
Am anderen Ende herrschte lange Stille.
— Also so ist das … — sagte sie schließlich leise. — Es tut mir leid. Ich wusste von nichts.
Eine Woche später stand Alexander vor unserer Tür. Blumen in der Hand, Schuld im Blick.
— Ich habe alles begriffen. Ich beende es mit ihr. Bitte gib mir noch eine Chance.
Ich sah ihn an — den Mann, den ich über zehn Jahre geliebt hatte — und spürte nichts. Keine Wut. Keine Trauer. Leere.
— Deine Entscheidung hast du längst getroffen, Alexander.
Er sank vor mir auf die Knie.
— Wegen Mathilda …
Ich schloss die Tür.
Einen Monat später reichte ich die Scheidung ein.
Valentina verschwand aus seinem Leben so abrupt, wie sie darin aufgetaucht war. Am Ende blieb er allein zurück.
Er schrieb mir Nachrichten, rief an, tauchte unangekündigt auf.
Ich lernte, mein Leben neu aufzubauen.
Manche Nächte lag ich wach und fragte mich, an welchem Punkt wir falsch abgebogen waren.
Manchmal glaubte ich noch immer, seine Schritte im Flur zu hören.
Manchmal wollte ich mir einreden, dass sich alles wieder zusammensetzen ließe.
Doch jeden Morgen sah ich Mathildas Zeichnungen an der Wand: darauf waren nur wir zwei, Hand in Hand, mit ehrlichen, offenen Lächeln.
Dann wusste ich, dass vor uns ein völlig anderes Leben lag.
Sechs Monate vergingen.
Der Herbst war lautlos in den Winter übergegangen, und irgendwann klopfte auch der Frühling zaghaft an unsere Fenster. Das Leben fand langsam, aber beharrlich eine neue Spur. Ich arbeitete weiterhin in der Klinik, übernahm Nachtschichten, kam erschöpft nach Hause, mit schmerzendem Rücken — doch nun kehrte ich nicht mehr in ein Haus voller Erwartungen zurück, sondern in einen Raum, in dem ich Schritt für Schritt wieder atmen lernte.
Mathilda hatte sich sehr verändert. Sie war stiller geworden, aufmerksamer, als hätte sie zu früh erwachsen werden müssen. Abends setzte sie sich oft schweigend neben mich aufs Sofa, lehnte sich an meine Schulter und sah Zeichentrickfilme, obwohl sie früher keine Minute stillsitzen konnte. Die Schuld nagte an mir, weil ich sie nicht vor dem Schmerz hatte schützen können, den der Verrat ihres Vaters gebracht hatte.
Wir begannen, eine Kinderpsychologin aufzusuchen. Anfangs sprach Mathilda kein Wort, zeichnete graue Häuser und einsame Figuren. Eines Tages jedoch malte sie mich mit riesigen Flügeln — und sich selbst, ganz klein darunter.
— Das bist du, Mama, — sagte sie ernst. — Du passt auf mich auf.
Ich verließ das Zimmer und brach weinend im Flur zusammen.
Alexander kam regelmäßig vorbei. Er brachte Geschenke, Bücher, Kuscheltiere. Mathilda nahm alles höflich an, blieb jedoch auf Abstand. Manchmal versuchte er, mit mir allein zu sprechen.
— Ich liebe dich immer noch, — sagte er leise. — Aus Dummheit habe ich alles zerstört. Lass mich wenigstens für unsere Tochter da sein.
Ich verbot ihm den Kontakt zu Mathilda nicht. Er war ihr Vater, egal wie schlecht er als Ehemann gewesen war. Doch nach jedem Besuch blieb ein schweres Gefühl zurück.
Eines Abends blieb er länger als sonst. Mathilda war bereits in ihrem Zimmer, und wir saßen uns in der Küche gegenüber.
— Elisabeth, — begann er und starrte auf die Tischplatte. — Valentina war schwanger. Sie hat das Kind vor einem Monat verloren. Danach ist sie endgültig weggegangen.
Ich schwieg.
— Jetzt bin ich völlig allein, — fügte er hinzu.
Ich sah ihm in die Augen.
— Du warst nicht allein, Alexander. Du hattest eine Familie. Du hast sie selbst aufgegeben.
Er senkte den Blick, und in der Küche wurde es still genug, um das leise Ticken der Uhr zu hören — eine Stille, die bereits ankündigte, dass es kein Zurück mehr geben würde.
