…obwohl ich mir innerlich längst nicht mehr sicher war, ob ich diese Worte noch glauben konnte.
In einer Nacht, nach einer besonders zermürbenden Schicht, hielt ich es nicht länger aus. Ich griff erneut zum Telefon und wählte Alexanders Nummer. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis das Freizeichen verstummte. Dann meldete sich eine fremde Frauenstimme.
— Hallo?
Mir wurde schlagartig kalt, bis in die Fingerspitzen.
— Entschuldigen Sie bitte … ist Alexander Hartmann dort?
Ein kurzes Zögern.
— Er ist gerade unter der Dusche. Wer möchte ihn sprechen?
Ich legte auf, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Mein Herz raste, als würde es mir gleich die Brust sprengen. Ich saß auf dem Bettrand, das Handy fest umklammert, unfähig zu begreifen, was eben passiert war. In meinem Kopf überschlugen sich Erklärungen: eine Pflegekraft, eine Nachbarin, vielleicht eine entfernte Verwandte. Doch der Tonfall dieser Frau – ruhig, selbstverständlich, beinahe beiläufig – passte zu keiner dieser Versionen.
Etwa eine halbe Stunde später rief Alexander zurück.
— Elisabeth, du hast angerufen? Mein Handy lag im anderen Zimmer.
— Wer war am Telefon? — fragte ich leise.
— Wahrscheinlich eine falsche Verbindung. Hier spinnt der Empfang manchmal.
Er sprach hastig, angespannt, als wolle er das Gespräch möglichst schnell beenden. Ich hakte nicht nach. Sagte nur, dass ich erschöpft sei, und beendete den Anruf.
In dieser Nacht fand ich kaum Schlaf. Gedanken jagten einander, die Unruhe lastete schwer auf mir, und doch klammerte ich mich verzweifelt an die Hoffnung, dass es für alles eine vernünftige Erklärung geben müsse.
Eine weitere Woche verstrich. Alexander meldete sich gar nicht mehr.
Und dann traf ich eine Entscheidung.
Ich nahm mir frei, packte Mathilda einen kleinen Rucksack und erzählte ihr, wir würden ihre Großmutter besuchen. Meine Tochter war begeistert, plapperte während der Fahrt ununterbrochen und malte sich aus, wie sehr Papa sich über unsere Überraschung freuen würde.
Das Haus von Dorothea Stein empfing uns mit bedrückender Stille. Im Hof stand ein fremdes Auto. Das Gartentor war nicht verschlossen. Ich klopfte – keine Antwort. Als ich die Tür vorsichtig aufstieß, gab sie nach.
In diesem Moment hörte ich Stimmen.
— Du hast doch gesagt, sie kommt nicht, — zischte eine Frau gereizt.
— Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie einfach alles stehen und liegen lässt und mit dem Kind hier auftaucht, — antwortete Alexander.
— Willst du ihr überhaupt irgendetwas erklären?
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Mathilda hielt meine Hand und verstand nichts.
— Später. Jetzt ist es ungünstig, — murmelte er. — Meine Mutter ist noch im Haus.
— Welche Mutter? — spottete die Frau. — Die ist seit zwei Wochen im Sanatorium.
Vor meinen Augen wurde es schwarz.
Ich drückte die Tür ganz auf und trat in den Flur. Alexander stand am Küchentisch. Neben ihm eine große, dunkelhaarige Frau Mitte dreißig, im Bademantel, völlig selbstverständlich in diesem Raum.
Er wurde aschfahl.
— Elisabeth … du bist hier?
Ich schwieg. Mathilda schmiegte sich an mich.
— Papa? — fragte sie zaghaft.
Die Frau nahm langsam ein Handtuch vom Haken, als befände sie sich in einer schlechten Fernsehserie.
— Also das bist du, — sagte sie mit kühler Ironie. — Deine sogenannte „Übergangslösung“?
Alexander fuhr sich verzweifelt durch die Haare.
— Das sieht nicht so aus, wie du denkst …
Seltsamerweise breitete sich in mir eine ungewohnte Ruhe aus.
— Wo ist Dorothea Stein? — fragte ich sachlich.
Er senkte den Blick.
— In einer Reha-Klinik. Es gab eine Verschlechterung, aber jetzt geht es ihr stabil.
— Warum hast du mich angelogen?
— Ich … wusste nicht, wie ich es sagen soll.
— Und sie? — Ich deutete auf die Frau.
— Valentina Vogel, — antwortete sie selbst. — Wir sind seit einem Jahr zusammen.
Seit einem Jahr.
Ich schrie nicht. Ich weinte nicht. Ich hob Mathilda auf den Arm.
— Du bist nicht zu deiner Mutter gefahren, — sagte ich ruhig. — Du bist zu ihr gegangen.
Alexander machte einen Schritt auf mich zu.
— Elisabeth, bitte. Es ist kompliziert. Ich war überfordert. Du warst immer arbeiten, immer müde, wir haben uns verloren …
Ich lächelte bitter.
— Und du dachtest, der richtige Weg wäre, eine andere Frau zu haben und deine siebenjährige Tochter ohne ein Wort zurückzulassen?
Valentina verschränkte die Arme.
— Er wollte es dir sagen. Er hat nur keinen passenden Moment gefunden.
— Natürlich, — erwiderte ich leise. — Sehr anständig.
Mathilda zitterte in meinen Armen.
— Mama, ich will nach Hause …
