Sicherlich Andreas Simon. Früher hatte er gemeinsam mit deiner Großmutter in der Stadtbibliothek gearbeitet. Irgendwann war er plötzlich verschwunden, einfach fort. Und nun taucht er wieder auf. Ein eigenartiger Mensch, sagen alle. Aber im Grunde gutherzig.
Anna Hartmann bedankte sich höflich, verabschiedete sich und setzte ihren Weg fort, noch immer in Gedanken versunken.
Am selben Abend klopfte es an ihrer Wohnungstür. Als sie öffnete, stand genau der Mann davor, von dem sie eben noch gesprochen hatten.
— Verzeihen Sie, — sagte er leise. — Ich wollte Ihnen noch etwas überreichen. Vorhin fehlte mir der Mut.
Er griff in die Manteltasche und zog ein kleines Notizbuch hervor, in dunkles, abgenutztes Leder gebunden.
— Das ist das Tagebuch Ihrer Großmutter. Sie hat mir aufgetragen, dass es ausschließlich in Ihre Hände gelangen soll.
Anna nahm das Büchlein entgegen, und ihr Herz schlug schneller.
— Warum ausgerechnet ich?
Der Mann sah ihr direkt in die Augen.
— Weil sich darin Dinge befinden, die alles verändern können.
Später saß Anna auf der Bettkante, das Tagebuch auf den Knien. Der Einband fühlte sich rau an, verstaubt, und dennoch lag ein warmer, vertrauter Geruch in der Luft — etwas aus längst vergangenen Zeiten. Sie schlug die erste Seite auf und erkannte sofort die Handschrift ihrer Großmutter:
„Sollten diese Zeilen dich erreichen, bin ich nicht mehr da. Doch eines musst du wissen: Das Geld, das ich dir hinterlassen habe, war kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines alten Geheimnisses, das ich mein Leben lang bewahrt habe. Es stammt weder aus meiner Rente noch aus Ersparnissen. Ich erhielt es von jemandem, den ich liebte, über den jedoch niemand etwas erfahren durfte. Nun liegt es an dir. Nutze es so, dass du meine Fehler nicht wiederholst.“
Ein kalter Schauer lief Anna über den Rücken. Andreas Simon hatte geschwiegen, doch die Wahrheit hatte er schon lange gekannt.
Noch am selben Abend meldete sich Severin Sommer telefonisch. Seine Stimme klang rau, doch der altbekannte Spott schwang unverkennbar mit.
— Anna, sei vernünftig. Kauf mir eine Wohnung. Dir bleibt ja trotzdem genug. Und sonst… du weißt ja, das Leben ist lang. Auf der Straße kann viel passieren.
Anna zuckte zusammen. Das war keine Anspielung mehr, sondern eine klare Drohung — erst verschleiert, nun offen.
— Du bedeutest mir nichts, — entgegnete sie kühl und legte auf.
Das Telefon klingelte sofort erneut. Und noch einmal. Schließlich erschien eine Nachricht auf dem Display:
„Du wirst es bereuen.“
Am nächsten Tag traf sie Andreas Simon in einem alten Teehaus unweit der Bibliothek. Er trank schwarzen Tee, seine Hände zitterten leicht.
— Ihre Großmutter hatte Angst, — sagte er. — Sie fürchtete, die Familie Ihres Mannes würde sie zerreißen. Deshalb schrieb sie diese Worte.
— Und warum haben Sie all die Jahre geschwiegen? — fragte Anna.
— Weil ich selbst Teil dieser Geschichte war. — Er hob den Blick. — Ich war der Mann, von dem das Geld stammte.
Anna erstarrte.
— Sie…?
— Ja. Ich habe deine Großmutter geliebt. Gemeinsam sein konnten wir nie. Aber ich habe ihr geholfen, so gut ich konnte. Das Geld war mein Dank. Dafür, dass sie niemals zerbrochen ist. Jetzt gehört es dir. Lass nicht zu, dass es dir jemand nimmt.
Anna nickte. In ihr mischten sich Scham, Bitterkeit und eine neue, ungeahnte Stärke.
Eine Woche später stand Benedikt Braun vor Gericht. Die Verhandlungen waren zermürbend — voller Anschuldigungen, lauter Stimmen und gespielter Empörung. Wilma Roth inszenierte sich als Opfer, sprach davon, Anna habe „die ganze Familie zerstört“. Severin Sommer saß mit geschwollenen Augen da und blickte den Richter mitleidheischend an.
Doch das Gesetz war eindeutig auf Annas Seite. Der Richter erklärte unmissverständlich:
— Das Erbe ist unteilbar. Das Vermögen verbleibt vollständig bei Anna Hartmann.
Severin stürmte aus dem Saal und schlug die Tür so heftig zu, dass es widerhallte. Benedikt saß regungslos da, die Fäuste geballt. Seine Mutter weinte, fluchte, doch es half nichts.
Anna hingegen spürte zum ersten Mal seit langer Zeit, wie sie wieder frei atmen konnte.
Sie kaufte sich eine Wohnung in einem Neubau. Großzügig geschnitten, lichtdurchflutet, die Fenster zum ruhigen Innenhof gerichtet, wo morgens Kinder Fußball spielten. Im Wohnzimmer stand ein Sofa, in der Küche ein großer Tisch — einer, auf dem nicht nur Teller Platz fanden, sondern auch Zukunftspläne.
Andreas Simon rief gelegentlich an, erkundigte sich nach ihrem Befinden. Manchmal trafen sie sich auf einer Bank neben der Bibliothek und saßen schweigend nebeneinander.
Die Familie von Benedikt Braun verschwand aus ihrem Leben wie ein lärmender Traum, der sich langsam auflöst. Nur selten hörte Anna im Schlaf die Stimme ihrer Großmutter:
„Lebe dein eigenes Leben, mein Mädchen.“
Und Anna lebte.
