«Ich hole mir, was mir zusteht. Wenn es nicht gütlich geht, dann vor Gericht» — hastig auf einen Zettel gekritzelt und unter die Tür geschoben

Unerschütterlich mutig, zutiefst verraten und doch hoffnungsvoll.
Geschichten

Unter der Tür lag der Zettel. Anna hob ihn auf, entfaltete das Papier und las nur einen einzigen Satz, hastig hingekritzelt, aber unmissverständlich:
„Ich hole mir, was mir zusteht. Wenn es nicht gütlich geht, dann vor Gericht.“

Am folgenden Vormittag stand Wilma Roth in der Wohnung. Wie immer kam sie ohne Ankündigung herein – irgendwoher hatte sie stets einen Schlüssel. Annas Mutter versuchte noch, sie aufzuhalten, doch Wilma schob sich an ihr vorbei, als gehöre ihr jeder Quadratmeter dieser Räume.

— Anna Hartmann, — begann sie mit ihrer hohen, rauen Stimme, — du verstehst das Wesentliche nicht. Familie besteht nicht nur aus Mann und Frau. Familie sind wir alle. So war es immer. Wir haben zusammengehalten, uns gegenseitig getragen. Es ist deine Pflicht, Severin zu unterstützen. Wer sich dem verweigert, den straft Gott.

Anna erhob sich langsam. Ihre Geduld war erschöpft.

— Wilma Roth, dieses Geld gehört mir. Meine Großmutter hat es mir vermacht. Nicht Ihrem Sohn, nicht Severin Sommer, sondern mir allein.

Die Schwiegermutter zog die Augenbrauen zusammen.

— Geld ist eine Prüfung. Und du bist daran gescheitert. Du bist genauso geizig geworden wie dein Vater — Gott hab ihn selig.

Die Worte trafen Anna wie ein Schlag. Für einen Moment spannte sich ihr Körper an, als wolle sie auf Wilma losgehen, doch ihre Mutter stellte sich sofort dazwischen.

— Schluss jetzt! — sagte sie fest. — In dieser Wohnung entscheide ich, wer bleibt. Verschwinden Sie.

Wilma Roth riss die Hände hoch, schrie etwas von Undankbarkeit und Flüchen und schlug die Tür so heftig hinter sich zu, dass feiner Putz von der Decke rieselte.

Am Abend packte Anna ihre Sachen in eine neue Tasche. Sie hatte beschlossen auszuziehen, um ihre Mutter nicht weiter in diesen Albtraum hineinzuziehen. Gerade als sie einen Reißverschluss schloss, vibrierte ihr Handy. Unbekannte Nummer.

— Hallo? — meldete sie sich vorsichtig.

— Spreche ich mit Anna Hartmann? — fragte eine junge Frau mit heller Stimme. — Mein Name ist Beatrice Richter. Wir kennen uns nicht. Ich wohne im selben Haus wie Severin.

Anna richtete sich auf.

— Was wollen Sie von mir?

— Ich wollte Sie warnen. Heute Abend saß er mit Freunden vor dem Haus. Sie haben laut darüber geredet, wie man Ihnen das Geld „abnehmen“ könnte. Severin meinte, er kenne jemanden, der dabei helfen kann. Es klang… ernst.

Anna bedankte sich knapp, legte auf und setzte sich schwer auf das Sofa. Ihr Herz raste. Sie wusste, dass Severin nicht nur bequem war. Er suchte stets den einfachsten Ausweg — und wenn jemand Gewalt vorschlug, würde er kaum zögern.

Am nächsten Tag suchte Anna einen Anwalt auf, den eine Kollegin empfohlen hatte. Das Büro roch nach Papier und Kaffee, die Regale bogen sich unter alten Akten. Der Mann, Mitte vierzig, mit Brille und konzentriertem Blick, hörte ihr aufmerksam zu.

— Das Erbe ist eindeutig Ihr persönliches Eigentum, — erklärte er nach Durchsicht der Unterlagen. — Allerdings werden sie versuchen, emotionalen Druck aufzubauen. Möglich ist auch eine Klage mit der Begründung familiärer Verpflichtungen. Juristisch hätten sie kaum Chancen, aber Ihre Nerven werden sie strapazieren.

Anna senkte den Blick.

— Ich bin müde. Aber ich gebe nichts ab.

Der Anwalt nickte zustimmend.

— Das ist richtig. Und noch etwas — er lächelte kurz —: Hören Sie auf, nur zu reagieren. Verteidigung allein reicht nicht. Sie müssen handeln.

Diese Worte setzten sich in Annas Gedanken fest.

Am Abend nahm sie erneut den Umschlag ihrer Großmutter zur Hand und las die Zeilen laut, fast wie ein Gebet:
„Gib nichts denen, die es gewohnt sind, von anderen zu leben. Vergiss nicht: Ich habe dir diese Freiheit hinterlassen, damit du dein eigenes Leben führst.“

Dabei dachte Anna an den merkwürdigen Mann mit den Nelken. An sein Gesicht, seinen Blick. Er hatte etwas verschwiegen, dessen war sie sicher. Da lag ein Geheimnis in der Luft.

Am nächsten Morgen fasste sie einen Entschluss und machte sich auf die Suche nach ihm.

Sie ging durch die alten Straßen der Stadt, dort, wo ihre Großmutter einst gewohnt hatte. In einem kleinen Hinterhof, verborgen hinter einem heruntergekommenen Haus, saß eine alte Frau auf einer Bank. Anna trat näher.

— Entschuldigen Sie, — fragte sie, — wissen Sie vielleicht, wer dieser Mann war… er hat mich besucht und sagte, er habe meine Großmutter gekannt.

Die alte Frau kniff die Augen zusammen.

— Groß, graue Haare, ein Mantel? — fragte sie langsam. — Das müsste wohl Andreas Simon gewesen sein.

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