«Ich hole mir, was mir zusteht. Wenn es nicht gütlich geht, dann vor Gericht» — hastig auf einen Zettel gekritzelt und unter die Tür geschoben

Unerschütterlich mutig, zutiefst verraten und doch hoffnungsvoll.
Geschichten

Benedikt Braun sprang auf, so abrupt, dass der Stuhl hinter ihm scharrend zurückwich. Sein Gesicht lief dunkelrot an, die Adern an seinem Hals traten hervor.

— Undankbar bist du! — schleuderte er ihr entgegen. — Meine Familie hat dich aufgenommen, dir vertraut, dir alles geöffnet, und das ist dein Dank dafür?!

In diesem Moment durchschnitt das Klingeln die Luft. Der Ton war schrill und fordernd, als wolle jemand mit Gewalt den schweren Druck zerreißen, der sich im Raum ausgebreitet hatte. Anna Hartmann war die Erste, die reagierte. Fast hastig ging sie zur Tür und riss sie auf.

Davor stand ein Mann um die sechzig, hager, in einem abgetragenen Regenmantel. In der Hand hielt er einen kleinen Strauß Nelken, deren Blüten bereits leicht erschlafft wirkten.

— Verzeihung — sagte er mit rauer Stimme —, ich suche Anna Hartmann.

Anna erstarrte. Der Blick des Fremden ruhte fest auf ihr, darin lag eine seltsame Mischung aus Unsicherheit und unbeirrbarer Entschlossenheit.

— Ich… ich bin es — brachte sie hervor.

— Dann gehört das Ihnen — sagte er und reichte ihr die Blumen. — Von Ihrer Großmutter. Genauer gesagt von einer ihrer Freundinnen. Sie hat mich gebeten, es Ihnen zu übergeben.

Mechanisch nahm Anna den Strauß entgegen. Ein bitterer, fast aschiger Geruch stieg ihr in die Nase.

Benedikt starrte sie an, völlig überfordert von der Situation.

— Entschuldigen Sie — wandte sich Anna wieder an den Mann —, wer sind Sie?

— Ich war früher mit Ihrer Großmutter bekannt — antwortete er zögernd. — Wir haben viele Jahre zusammengearbeitet. Von ihrem Tod habe ich erst gestern erfahren.

Er räusperte sich verlegen und fügte leiser hinzu:

— Und… ich habe noch einen Umschlag. Sie wollte, dass ich ihn Ihnen persönlich gebe.

Anna nahm den Umschlag an sich. Das Papier war vergilbt und weich von den Jahren, darauf die vertraute Handschrift der Großmutter: klare, leicht nach rechts geneigte Buchstaben. Ihr Herz pochte so laut, dass sie meinte, jeder im Raum müsse es hören.

Benedikt machte einen Schritt näher und versuchte, über ihre Schulter zu schauen, doch Anna zog den Umschlag instinktiv an sich.

— Das ist für mich — sagte sie ruhig, aber unmissverständlich.

Zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit reichte dieser Tonfall aus, damit Benedikt einen Schritt zurückwich.

Der Fremde verabschiedete sich höflich und verschwand im Treppenhaus. Zurück blieb der Geruch von feuchtem Stoff und Nelken. Anna schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und rutschte langsam zu Boden.

Mit zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag. Darin lag ein gefaltetes Blatt Papier, beschrieben mit der Handschrift ihrer Großmutter:

„Mein liebes Annerl, ich weiß, dass das Geld für dich nicht nur ein Geschenk sein wird, sondern auch eine Prüfung. Steh für dich ein. Gib es nicht denen, die es gewohnt sind, von anderen zu leben. Vergiss nicht: Ich habe es dir hinterlassen, damit du dein eigenes Leben führst. In Liebe, deine Oma.“

Die Worte schienen sich in das Papier eingebrannt zu haben.

Anna hob den Kopf. Benedikt stand vor ihr, die Stirn gerunzelt, der Blick angespannt und fordernd.

Später saß Anna in der Küche ihrer Mutter. Mit beiden Händen umklammerte sie eine Teetasse, als könnte sie der Wärme noch den letzten Rest Trost entreißen. Draußen zog der Regen graue Linien über die Scheibe, vereinzelte Passanten hasteten unter Schirmen vorbei. Ihre Mutter schnitt schweigend Äpfel, bemüht, gefasst zu wirken, doch in ihren Augen lag jene Sorge, die Eltern haben, wenn ihre Kinder mitten in einen Sturm geraten sind.

— Anna, ich sehe, dass du stark bleibst — begann sie vorsichtig. — Aber das hier ist erst der Anfang. Benedikt und seine Familie werden das nicht einfach hinnehmen.

Anna atmete schwer aus.

— Mama, ich gehe da nicht mehr zurück. Weder zu ihm noch zu seinen Eltern.

— Das verstehe ich — sagte ihre Mutter und nickte langsam. — Aber sie werden es nicht verstehen wollen.

Als wollte das Schicksal ihre Worte bestätigen, klingelte im Flur das Telefon. Anna sah auf das Display: Benedikt. Sie stellte den Ton leise und legte das Handy beiseite.

— Siehst du? — Die Mutter hob hilflos die Hände. — Darauf musst du dich einstellen.

Zwei Tage später stand Benedikt persönlich vor der Tür. Das Hemd war zerknittert, das Gesicht ungepflegt, in seinen Augen kämpften Wut und Verzweiflung miteinander.

— Anna! — hämmerte er gegen das Holz. — Dazu hast du kein Recht! Das ist nicht nur dein Geld! …

Sie öffnete nicht. Sie blieb dahinter stehen, hörte, wie seine Stimme zwischen Schreien und brüchigem Flehen schwankte, und spürte, wie sich in ihr Angst und Entschlossenheit zugleich sammelten.

Nach einigen Minuten ging Benedikt. Zurück ließ er nur die Stille — und einen Zettel, den er unter der Tür hindurchgeschoben hatte.

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