«Ich hole mir, was mir zusteht. Wenn es nicht gütlich geht, dann vor Gericht» — hastig auf einen Zettel gekritzelt und unter die Tür geschoben

Unerschütterlich mutig, zutiefst verraten und doch hoffnungsvoll.
Geschichten

— Sieben Millionen? Hervorragend! Dann kaufen wir für Severin Sommer eine ordentliche Wohnung, und für dich reicht ein kleines Studio völlig aus! — erklärte mein Mann mit fester Stimme, ohne auch nur im Ansatz meine Meinung einzuholen.

— Begreifst du eigentlich, dass das Verrat ist? — Benedikt Braun’ Stimme zitterte, auch wenn er sich sichtlich bemühte, die Kontrolle zu behalten.

Anna Hartmann stand am Fenster und blickte in den Garten hinaus. Dort jagten zwei kleine Mädchen lachend einem Ball hinterher, so unbeschwert, als gehöre ihnen die ganze Welt. In Annas Hand lag ihr Telefon, doch sie sagte kein Wort.

— Anna… — Benedikt trat näher, legte ihr die Hand auf die Schulter. — Wir sind doch eine Familie. In einer Familie gibt es kein dein Geld und mein Geld. Alles gehört allen. So war es bei meinen Eltern, und so sollte es auch bei uns sein.

Langsam drehte Anna sich zu ihm um. In ihren Augen lag keine Spur der früheren Sanftheit mehr — nur Erschöpfung und etwas Hartes, Stechendes, wie eine Nadel, die man in einen Wollhandschuh gesteckt hat.

— Bei meiner Großmutter war das anders, Benedikt — sagte sie leise. — Sie lebte allein, traf ihre eigenen Entscheidungen und hatte Respekt vor sich selbst.

Benedikt wich zurück, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst. Dann lachte er trocken, unbehaglich.

— Netter Vergleich! Eine alte Frau mit ihren Marotten… Du weißt genau, dass Severin jetzt das Geld braucht. Ohne Hilfe kommt er nie wieder auf die Beine.

Anna riss abrupt den Kopf hoch.

— Wie lange wollen wir eigentlich noch über diesen Severin reden?! Er ist ein erwachsener Mann! Kein Kind, das man sein ganzes Leben hinter sich herziehen muss!

Benedikt atmete schwer aus, setzte sich an den Rand des Sofas und starrte auf den Boden. Er widersprach nicht — und genau das machte Anna rasend. Es wirkte, als hätte er seine Entscheidung längst gefällt und warte nur darauf, dass sie endlich kapitulierte.

In der Stille war das monotone Tropfen des Wasserhahns aus der Küche zu hören. Jeder einzelne Tropfen zählte die Sekunden, hartnäckig, wie ein Countdown vor einer Explosion.

Die ersten Funken dieses Konflikts waren bereits damals aufgeglimmt, als Benedikt Anna zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hatte. Die große Familie, zusammengehalten durch die Gewohnheit, alles gemeinsam zu regeln, hatte sie freundlich aufgenommen — allerdings nicht als Gleichgestellte, sondern eher als zusätzliche helfende Hand.

„Du bist eine tüchtige junge Frau, Annchen“, hatte Wilma Roth gelächelt, während sie ihr eine Schüssel mit Teig hinhielt. „Pack ruhig mit an, frische Hände werden immer gebraucht.“

Anna hatte verlegen gelächelt und die Ärmel hochgekrempelt. Später stand sie stundenlang am Spülbecken, räumte den Tisch ab und hörte zu, wie sie darüber redeten, dass Severin schon wieder seine Arbeit verloren hatte, dass er in falsche Kreise geraten sei und man ihm unbedingt helfen müsse. Sie bemühte sich, dazuzugehören, doch tief in ihr wuchs ein seltsames Gefühl: als würde man sie benutzen, während jeder andere nur seine eigenen Probleme wälzte.

Benedikt hingegen strahlte. Er liebte dieses Nest — laut, nach gebratenen Zwiebeln riechend, ständig voller Stimmen. Für ihn war es der Ort, an dem alle gemeinsam atmeten. Für Anna jedoch fühlte es sich an wie ein Käfig, in den sie nie gepasst hatte.

— Anna, versuch doch zu verstehen, — setzte Benedikt erneut an, diesmal ruhiger, aber mit Nachdruck. — Wenn wir nur für uns eine Wohnung kaufen, verraten wir meine Familie. Severin hätte dann nichts. Du willst doch nicht, dass er auf der Straße landet, oder?

Anna sah ihn an, und plötzlich spürte sie, wie etwas in ihr hochstieg — keine Tränen, sondern Lachen. Bitteres, schneidendes Lachen.

— Auf der Straße? — verzog sie den Mund. — Er lebt mit seinen Eltern in einer Dreizimmerwohnung. Er isst, was seine Mutter kocht. Er hat ein eigenes Zimmer — ein eigenes, verstehst du?! Wo genau ist da die Straße?

Benedikt zog die Augenbrauen zusammen, sein Blick wurde hart.

— Du verstehst das nicht. Es geht ihm schlecht. Er hat Depressionen.

Anna trat näher, so nah, dass zwischen ihnen nur noch gespannte Luft blieb, wie eine straff gezogene Saite.

— Und glaubst du, mir geht es leicht? Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie es mir wirklich geht? Was ich fühle? Ich bin auch ein Mensch, Benedikt. Nicht deine Mutter. Es ist nicht meine Aufgabe, deinen Bruder zu bemuttern — und genau in diesem Moment lag unausgesprochen zwischen ihnen, dass diese Auseinandersetzung noch lange nicht ihr Ende gefunden hatte.

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