«Sie erwartet also, dass ich für zwanzig Personen koche, aber selbst am Tisch bin ich unerwünscht» — sagte sie ruhig, beinahe sachlich

Grausam, wie sie jahrelang als Unsichtbare diente.
Geschichten

„Wohin du auch willst …“

„Spielt keine Rolle“, unterbrach Karoline ruhig. „Entscheidend ist, dass ich meinen Platz jetzt kenne. Und der ist ganz sicher nicht in eurer Familie.“
Sie erhob sich, trat ans Fenster. Draußen explodierten noch immer bunte Raketen am Himmel. „Ach ja – frohes neues Jahr. Mich hast du übrigens nicht einmal beglückwünscht.“

Sie beendete das Gespräch, legte das Telefon mit dem Display nach unten und rührte es nicht mehr an.

Moritz Baumann tauchte erst am Morgen des zweiten Januars wieder auf. Zerknittert sah er aus, die Haut fahl, die Augen leer.

„Meine Mutter liegt im Krankenhaus. Dehydrierung“, sagte er leise und starrte auf den Boden. „Ida redet kein Wort mit mir. Die Gäste sind über Nacht abgereist, ohne sich zu verabschieden. Es war… ein Desaster. Ein Neujahrsfest mit Nebenwirkungen.“

Karoline stand noch immer am Fenster, eine Tasse Kaffee in der Hand.

„Bitter“, meinte sie knapp.

„Findest du das wirklich normal?“ Er sah zu ihr auf.

„Und du findest es normal, zwölf Jahre lang seine eigene Frau wie Hauspersonal zu behandeln? Mich nicht einmal mit an euren Tisch zu lassen? Mich zwingen zu lassen, mein letztes Geld für Essen auszugeben – für Menschen, die mich offen verachten?“

Moritz schwieg.

„Weißt du, was das Absurde ist?“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Ich hätte dir verziehen. Wenn du auch nur ein einziges Mal auf meiner Seite gestanden hättest. Wenn du deiner Mutter einmal klargemacht hättest, dass ich deine Ehefrau bin und keine Köchin. Aber du hast geschwiegen. Zwölf Jahre lang.“

„Ich habe nicht gedacht, dass dir das so wichtig ist …“

„Genau das ist es“, entgegnete sie. „Du hast nicht gedacht. Nicht an mich.“
Sie nahm seine Jacke vom Haken und reichte sie ihm. „Fahr zu deiner Mutter. Sie braucht dich. Und ich werde mir in Ruhe überlegen, ob ich einen Mann brauche, der in mir nichts weiter sieht als eine Köchin.“

Moritz nahm die Jacke, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Wortlos zog er sich an und ging.

Karoline schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Die Stille in der Wohnung war beinahe überwältigend – aber sie drückte nicht. Sie fühlte sich leicht an, befreiend, als hätte Karoline endlich eine Last abgeworfen, die sie viel zu lange getragen hatte.

Draußen war es kalt, klar und hell. Ein neues Jahr hatte begonnen. Und diesmal gehörte es ihr allein.

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