«Sie erwartet also, dass ich für zwanzig Personen koche, aber selbst am Tisch bin ich unerwünscht» — sagte sie ruhig, beinahe sachlich

Grausam, wie sie jahrelang als Unsichtbare diente.
Geschichten

Ohne jedes Zittern. In ihr hatte sich etwas geleert, zurück blieb nur eine klare, kühle Ruhe.

Als sie fertig war, zeigte die Uhr elf. Karoline Fuchs spülte die leeren Fläschchen aus, warf sie in den Müll, verknotete den Beutel sorgfältig und brachte ihn nach draußen in den Container. Jeder Handgriff wirkte überlegt, beinahe nüchtern.

Moritz Baumann kam gegen ein Uhr nachts nach Hause, deutlich angetrunken. Er ließ sich ins Bett fallen, stellte keine Fragen, verlor kein Wort. Karoline legte sich neben ihn. Der Schlaf kam schnell, traumlos, schwerelos.

Am Morgen des einunddreißigsten stand Moritz schon mit einem Fuß vor der Tür, hastig und ungeduldig.

„Beeil dich, wo ist das Essen? Meine Mutter will, dass wir alles bis zum Mittag rüberbringen, sie fangen bald an zu decken.“

Er riss die Taschen an sich, verstaute sie im Wagen, schlug den Kofferraum zu und rief im Weggehen:

„Ich fahr dann los! Kommst heute allein klar!“

Kein Glückwunsch, kein Blick zurück.

Karoline hob kurz die Hand. Das Auto verschwand um die Ecke.

Drinnen kochte sie sich Kaffee, schaltete den Fernseher ein und verbrachte den Tag reglos auf dem Sofa. Die Wohnung war still, fast friedlich. Ida Stein rief dreimal an und lud sie ein, doch Karoline sagte jedes Mal ab. Alleinsein fühlte sich richtig an.

Um Mitternacht stieß sie mit einem Glas Sekt gegen den Bildschirm, während der Bundespräsident die Neujahrsrede hielt. Danach setzte sie sich ans Fenster. Über der Stadt zerplatzten Feuerwerkskörper, grell, flüchtig, lautlos aus der Ferne.

Gegen zwei Uhr vibrierte das Telefon.

„WAS HAST DU DA REINGETAN?!“

Moritz schrie so heftig, dass sie den Hörer vom Ohr wegzog.

„Was ist denn passiert?“

„HIER IST DIE HÖLLE! Alle hocken auf dem Klo! Meine Mutter, meine Schwester, die Gäste! Die Kinder weinen, überall wird gespuckt, keiner kann weg! Der Mann meiner Schwester hat sich direkt am Tisch eingeschissen! Alles ist auseinandergefallen! Was hast du gemacht?!“

Karoline nahm einen ruhigen Schluck.

„Ich habe alles so zubereitet, wie Helga Neumann es wollte. Hausgemacht, mit Mühe. Offenbar verträgt euer Körper kein Essen von Außenstehenden mehr. Du hast doch immer gesagt, ihr bleibt lieber unter euch.“

„Du hast das absichtlich getan?“

Seine Stimme brach.

„Ich bin nur die Köchin, Moritz. Gut genug für die Küche, erinnerst du dich? Deine Mutter hat das bei unserer Hochzeit gesagt. Vor zwölf Jahren.“

Dann fügte Karoline ruhig hinzu, dass sie das Gespräch jetzt beenden werde.

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