Um sechs Uhr morgens war Karoline Fuchs wieder auf den Beinen und machte einfach weiter. Irgendwann bemerkte sie überrascht, dass kein Ärger mehr in ihr war. Kein Aufbegehren, kein inneres Zittern. Sie erledigte Aufgaben, nichts weiter, als würde sie eine endlose Liste abhaken.
Gegen Mittag stand ihre Schwester Ida Stein in der Küche. Ihr Blick glitt über den Tisch, der mit Dosen und Schüsseln vollgestellt war, und sie pfiff leise durch die Zähne.
„Willst du heimlich ein Catering aufziehen?“
„Nein. Das ist für Moritz’ Familie. Für Silvester.“
„Und du?“
„Ich bleibe hier. Allein. Eingeladen hat mich niemand, aber das Essen wollten sie haben.“
Ida ließ sich auf einen Hocker sinken und schwieg lange, zu lange. Schließlich hob sie den Kopf.
„Ich wollte dir das eigentlich nie sagen. Erinnerst du dich an eure Hochzeit? Damals habe ich zufällig gehört, wie Helga Neumann mit einer Freundin vor der Toilette geredet hat. Sie meinte: ‚Unser Moritz hat sich ein schlichtes Ding angelacht. Na ja, wenigstens kann sie kochen. Für die Küche reicht’s.‘“
Karoline hielt inne. Das Messer schwebte über dem Brett.
„Zwölf Jahre hast du das für dich behalten?“
„Ich dachte, es geht mich nichts an. Tut mir leid“, murmelte Ida und rieb sich über den Nasenrücken. „Aber wenn ich das hier sehe, wird mir schlecht. Du willst ihnen wirklich alles bringen und selbst allein ins neue Jahr gehen?“
„Ja.“
Ida ging, die Tür fiel hart ins Schloss.
Um sieben Uhr abends klingelte das Telefon. Helga Neumanns Stimme klang zuckersüß.
„Karolinchen, ich dachte gerade, vielleicht könntest du noch Garnelen besorgen. Und roten Kaviar. Es ist doch Silvester, die Gäste sind anspruchsvoll. Moritz gibt dir das Geld später.“
Später. Irgendwann. In zwölf Jahren hatte Moritz Baumann ihr keinen einzigen Euro für die Einkäufe der Familienfeste zurückgegeben.
„In Ordnung, Helga Neumann. Ich kümmere mich darum.“
Karoline legte auf, setzte sich auf das Sofa und starrte minutenlang ins Leere. Dann erhob sie sich, zog die Jacke an und ging hinaus. In der Apotheke an der Ecke kaufte sie zwei Fläschchen eines starken Abführmittels, geschmack- und geruchlos.
Zu Hause öffnete sie die erste Dose mit dem Sülzfleisch, ließ ein paar Tropfen in die Brühe fallen und rührte mit dem Löffel um. Deckel zu. Die nächste Schüssel: Hering unter dem Pelzmantel, wieder einige Tropfen in die Mayonnaise. Danach Olivier-Salat, Mimosa, die Sauce zum Fisch. Ihre Hände arbeiteten gleichmäßig und ruhig, als folgten sie einem fremden Takt.
