„Meine Mutter meint, es wäre besser, wenn du diesmal zu Hause bleibst. Dieses Jahr soll es wirklich nur ein Fest im engsten Familienkreis sein.“
Moritz Baumann hob nicht einmal den Blick von seinem Smartphone. Karoline Fuchs erstarrte mitten in der Küche, das Putzlappen noch in der Hand. Der siebenundzwanzigste Dezember. Noch drei Tage bis Silvester. Und wieder einmal war sie aus der Familie gestrichen worden.
— Wie bitte? Ich soll zu Hause bleiben?
— Na ja, so ist es eben. Du passt doch da gar nicht richtig rein, oder? Mamas Wohnung ist schließlich nicht aus Gummi, — er sah kurz auf, sichtlich irritiert, als hätte sie etwas Absurdes gefragt. — Aber sie hat darum gebeten, dass du das Essen übernimmst. Hier, die Liste.
Er reichte ihr einen Zettel, vollgeschrieben mit der runden, vertrauten Handschrift von Helga Neumann. Karoline nahm das Blatt vorsichtig zwischen zwei Fingern.

Sülze. Drei verschiedene Salate. Gebackener Fisch. Fleisch- und Apfelpasteten. Aufschnitt aus feinen Delikatessen. Ganz unten ein Zusatz: „Und bitte alles hübsch anrichten, Karolinchen. Wir bekommen schließlich Gäste.“
Gäste. Für Gäste war Platz. Für sie nicht.
— Sie erwartet also, dass ich für zwanzig Personen koche, aber selbst am Tisch bin ich unerwünscht.
Es war keine Frage. Sie sagte es ruhig, beinahe sachlich, als würde sie den Klang der Worte prüfen.
— Genau. Du weißt doch, das ist ihr Kreis. Du würdest dich dort nur unwohl fühlen.
Zwölf Jahre Ehe. Zwölf Jahre lang hatte Karoline für diese Verwandtschaft zu jedem Anlass gekocht: Feiern, Geburtstage, Namenstage. Am Tisch hatte sie vielleicht drei Mal gesessen. Ansonsten: aufwärmen, servieren, abräumen, spülen.
— In Ordnung, sagte sie leise.
Moritz nickte kurz und vertiefte sich wieder in sein Handy.
Am neunundzwanzigsten stand Karoline im Supermarkt vor der Fleischtheke und starrte auf die Ware für die Sülze. Der Preis entsprach fast der Hälfte ihres Monatslohns — genau dem Geld, das sie für einen neuen Wintermantel zurückgelegt hatte. Sie legte das Fleisch in den Einkaufswagen. Dann Lachs, Avocados, Ananas für die Salate. Helga Neumann legte Wert darauf, dass alles „anständig“ aussah.
Zu Hause kochte sie, schnitt, mischte. Ihre Hände arbeiteten mechanisch, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. Am dreißigsten Dezember stand Karoline früh auf und ging wortlos zurück in die Küche, bereit, einfach weiterzumachen.
