Nur wenige Minuten später vibrierte das Smartphone erneut. Eine Nachricht von seiner Mutter erschien auf dem Display:
„Julia hat mir alles erzählt. Ich bin zutiefst enttäuscht von dir. So viel Härte hätte ich von meinem eigenen Sohn nie erwartet.“
Martin las die Zeilen, ohne dass sich etwas in ihm regte. Kein Zorn, kein Rechtfertigungsdrang. Er legte das Handy beiseite, als wäre es ein fremder Gegenstand, und trat ans Fenster. Draußen fiel lautlos der Schnee. Große, träge Flocken sanken auf die ruhigen Straßen herab und hüllten die Stadt in ein weißes Schweigen. Irgendwo, rund vierzig Kilometer entfernt, stand das Haus, in dem sie die Feiertage verbringen wollten. Ihr Haus. Warm, still, auf sie wartend.
Hinter ihm öffnete sich die Tür. Martin drehte sich um und sah Katharina Vogt im Türrahmen stehen. Ihre Augen waren gerötet, die Lippen presste sie nervös zusammen.
„Ich habe es gehört“, sagte sie leise. „Deinen Anruf. Du hast geschrien.“
Er nickte.
„Ich habe sie angerufen“, antwortete er ruhig. „Und ich habe klar gesagt, dass sie nicht kommen werden.“
Katharina machte ein paar unsichere Schritte auf ihn zu, blieb stehen, als würde sie zögern – dann überwand sie sich plötzlich, stürzte vor und schlang die Arme um ihn. So fest, dass Martin ihr Zittern spürte.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie an seine Brust. „Dass ich dich in diese Lage gebracht habe. Ich weiß, wie schwer es für dich ist, gegen deine Familie zu stehen.“
Er legte die Hand auf ihren Hinterkopf, strich ihr sanft durchs Haar.
„Du bist meine Familie“, sagte er leise, aber bestimmt. „Die wichtigste. Und das hätte ich viel früher zeigen müssen. Viel früher.“
Sie blieben eine Weile so stehen, eng umschlungen, während draußen der Schnee weiterfiel. Das Telefon meldete sich erneut mit kurzen Tönen – wahrscheinlich schrieb Julia Reimann wütende Nachrichten, und seine Mutter verfasste lange Vorwürfe. Martin schenkte dem keine Beachtung.
„Wir feiern also wirklich allein Silvester?“, fragte Katharina schließlich und sah mit verweinten Augen zu ihm auf.
Er lächelte, küsste sie auf die Stirn.
„Ja. Du und ich. Kaminfeuer, Schnee, Ruhe. Genau so, wie du es dir immer gewünscht hast.“
„Du weißt, dass es jahrelangen Streit geben wird?“
„Mag sein“, erwiderte er gelassen. „Aber dafür haben wir zum ersten Mal seit Monaten echte Erholung. Gemeinsam. In unserem Haus.“
Katharina lächelte durch die Tränen hindurch und umarmte ihn noch ein wenig fester.
Zwei Tage später standen sie auf der Veranda ihres Ferienhauses, in Decken gehüllt, und blickten in den klaren Nachthimmel. Die Sterne funkelten kalt und nah, es waren nur noch fünf Minuten bis Mitternacht. Drinnen knisterte der Kamin, auf dem Tisch warteten gefüllte Sektgläser, im Ofen brutzelte das Hähnchen. Die Luft war erfüllt vom Duft der Tanne, die sie am Vortag geschmückt hatten, von Mandarinen und warmem Wachs der Kerzen.
„Bist du glücklich?“, fragte Martin und zog seine Frau enger an sich.
„Mehr, als ich sagen kann“, antwortete sie und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Manchmal denke ich… Wenn du Julia damals nicht angerufen hättest. Wenn sie doch gekommen wären…“
„Sind sie nicht“, unterbrach er sie ruhig. „Und sie werden es auch nicht. Das hier ist unser Ort. Nur unserer.“
In der Ferne begannen die Glocken das neue Jahr einzuläuten. Katharina wandte sich ihm zu, ihr Gesicht wurde vom warmen Licht aus den Fenstern erhellt.
„Frohes neues Jahr, mein Liebster.“
„Frohes neues Jahr, mein Sonnenschein.“
Sie stießen an und tranken den Sekt draußen in der frostigen Nacht, unter dem offenen Himmel. Danach gingen sie ins Haus zurück – in die Wärme, in die Geborgenheit, in eine Welt, die für diesen Moment nur aus ihnen beiden bestand.
Und es war der schönste Jahreswechsel ihres Lebens.
