«Entweder du rufst sie an und sagst ihr die Wahrheit» — stellt Katharina ihm ein Ultimatum und verlässt entschlossen die Wohnung

Egoistische Ansprüche zerstören unsere lang ersehnte Ruhe.
Geschichten

Am Neujahrstag würden sie zurückkommen, hatte Katharina immer wieder gesagt und sich dabei eng an ihn geschmiegt. Dann gäbe es nur sie beide: winterliche Stille, verschneite Bäume, das Knistern des Kamins. Punkt zwölf ein Glas Sekt draußen auf der Veranda, der Atem als kleine Wolken in der kalten Luft. Fast wie in einem Film, hatte sie gelächelt.

Sie sprach so oft und so detailliert von diesen Tagen, dass Martin jedes einzelne Bild kannte. Wie sie am ersten Januar im Morgengrauen unter Decken gewickelt den Sonnenaufgang betrachten würden. Wie sie gemeinsam frühstückten, zum ersten Mal ganz in Ruhe, in der neuen Küche. Wie sie durch den Wald spazierten, in dem der Schnee sicher knietief liegen würde. Und wie sie danach stundenlang vor dem Kamin lägen, mit Büchern, einem Glas Wein, ohne Termine, ohne Eile.

„Wir brauchen diese Pause dringend“, hatte sie immer wieder betont. „Wir schuften das ganze Jahr wie Besessene. Du mit deinen zwei Jobs, ich mit meinen Projekten. Wann waren wir zuletzt wirklich nur wir zwei? Nicht zwischen Terminen, nicht im Vorbeigehen?“

Und jetzt das. Zwei Tage vor der Abfahrt.

„Ich habe sie nicht eingeladen und ich will sie auch nicht hier haben!“, fuhr Katharina plötzlich auf, ihre Stimme brach mitten im Satz. „Wenn sie kommen, feierst du Silvester ohne mich!“

„Kathi, bitte, übertreib doch nicht …“

„Nicht übertreiben?“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen. „Martin, ich habe ein halbes Jahr davon geträumt! Wir haben uns kaputtgearbeitet, nur damit wir zu den Feiertagen endlich fertig sind. Ich wollte diese Tage mit dir verbringen. Mit dir! Nicht mit deiner Verwandtschaft, die hier einfällt, alles leer frisst, Chaos hinterlässt und wieder verschwindet, während wir hinterher aufräumen dürfen!“

„Julia ist doch nicht so …“

„Julia ist genau so!“ Katharina schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hast du vergessen, wie sie letztes Jahr ‘nur kurz’ vorbeikommen wollte und dann zwei Wochen geblieben ist? Wie Tobias deinen Whisky geleert hat und dir dabei erklärte, du würdest zu viel arbeiten und hättest deine Familie vernachlässigt? Und wie ihre Kinder die Tasse kaputtgemacht haben, die ich dir zum Hochzeitstag geschenkt hatte – und Julia sich nicht einmal entschuldigt hat, sondern nur meinte, Kinder seien eben Kinder?“

Martin sagte nichts. Weil sie recht hatte. Julia war zwei Jahre älter als er und hatte sich schon immer benommen, als stünde ihr alles zu. Früher hatte sie ihm die besten Spielsachen weggenommen und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern genossen. Daran hatte sich auch im Erwachsenenleben nichts geändert. Nur die Rollen waren größer geworden: Er war nun der kostenlose Helfer, der ewige Geldverleiher ohne Rückzahlung und der bequeme Rückzugsort, wenn es ihr passte.

„Sie ist meine Schwester“, murmelte er schließlich kraftlos.

„Und das rechtfertigt alles?“ Katharina sah ihn an, mit einem Schmerz im Blick, der ihm regelrecht in den Magen fuhr. „Martin, ich verlange nichts Unmögliches. Drei Tage. Nur drei Tage mit dir. Allein. In dem Haus, das wir gemeinsam aufgebaut haben. Ist das zu viel?“

„Nein, natürlich nicht …“

„Dann ruf sie an. Jetzt sofort. Und sag ihr, dass sie nicht eingeladen sind und nicht kommen sollen.“

„Kathi, du weißt doch, was das für einen Streit gibt …“

„Dann soll es eben Streit geben.“ Sie verschränkte die Arme. „Weißt du was? Ich bin müde. Müde davon, immer ganz unten auf deiner Prioritätenliste zu stehen. Erst kommt die Arbeit, dann deine Mutter, dann Julia mit ihren Problemen – und irgendwo ganz am Ende, wenn überhaupt, ich. Deine Frau.“

„Das stimmt doch nicht!“

„Doch, genau so ist es!“ Sie trat ans Fenster und starrte hinaus in den dunklen Winterabend. „Erinnerst du dich an unsere Hochzeit? Du hast mir versprochen, dass ich an erster Stelle stehe. Dass wir ein Team sind, du und ich, gegen alles andere. Und was ist daraus geworden? Deine Mutter hat ständig etwas ‘Dringendes’, Julia steckt dauernd in einer Krise, und du lässt alles stehen und liegen, um zu ihnen zu rennen. Und ich? Ich warte. Immer.“

Martin trat zu ihr, hob die Arme, um sie zu umschließen, doch sie wich zurück.

„Lass das“, sagte sie leise. „Sag mir einfach ehrlich: Wie willst du dieses Neujahr verbringen? Mit mir oder mit ihnen?“

Er schwieg. In seinem Kopf überschlugen sich die Bilder: seine Mutter, die täglich anrief und gekränkt war, wenn er nicht kam; Julia, die sofort einen Aufstand machen würde; Tobias mit seinen spitzen Bemerkungen über „Pantoffelhelden“. Und dann die anderen Bilder: Katharina, wie sie die Wände im Haus gestrichen hatte. Katharina, lachend vor dem Kamin. Katharina, die von diesem einen, perfekten Jahreswechsel geträumt hatte, den sie sich verdient hatten.

„Mit dir“, brachte er schließlich hervor. „Natürlich mit dir.“

„Dann zeig es mir.“ Sie drehte sich zu ihm um, in ihren Augen lagen Hoffnung und Angst zugleich, und ihm stockte der Atem. „Ruf Julia an. Jetzt. Und sag ihr, dass sie nicht kommen kann.“

„Kathi …“

„Das ist ein Ultimatum, Martin“, sagte sie ruhig, richtete sich auf – und in diesem Moment erkannte er in ihrem Blick jene Entschlossenheit, die keinen Rückzug mehr zuließ.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber