— …die Hälfte.
— Welche Hälfte bitte? Du hast doch alles bezahlt!
— Eben nicht. Sie hat exakt ihren Anteil übernommen. Für jede Überweisung gibt es Belege.
Einen Augenblick herrschte Stille, dann brach Adelaide Koch in schrilles Kreischen aus:
— Das war berechnend! Von Anfang an! Damit sie dir später alles wegnehmen kann!
— Schluss jetzt, Mama! Wegen dir ist meine Frau gegangen! Wegen deiner Überheblichkeit, deiner ständigen Gemeinheiten!
— Ich? Ich habe doch nur euer Bestes gewollt!
— Bei jedem Treffen hast du sie erniedrigt. Du hast sie als Bettlerin beschimpft, obwohl sie mehr verdient als Stella!
— Wage es ja nicht, dieses Niemand mit deiner Schwester zu vergleichen!
Konrad Braun beendete das Gespräch abrupt, indem er das Handy auflegte.
Zwei Wochen später klingelte sein Telefon erneut. Eine fremde Nummer.
— Guten Tag, Herr Braun. Mein Name ist Theo Heinrich. Ich vertrete rechtlich Ihre Ehefrau Helena Gross. Wir sollten uns wegen der Aufteilung des beweglichen und unbeweglichen Vermögens zusammensetzen.
— Reicht sie die Scheidung ein?
— Noch nicht. Vorerst möchte meine Mandantin das gemeinsame Eigentum trennen und ausziehen. Sollten Sie einer einvernehmlichen Regelung zustimmen, ließe sich ein Gerichtsverfahren möglicherweise vermeiden.
— Ich… ich müsste mit ihr sprechen.
— Frau Gross wünscht keinen direkten Kontakt. Sämtliche Fragen laufen über mich.
Konrad stimmte dem Treffen zu. Am vereinbarten Tag saß er im nüchternen Konferenzraum der Kanzlei. Helena war nicht erschienen. Nur ihr Anwalt wartete dort — ein junger Mann mit ruhigem Blick und scharfen Gesichtszügen.
— Kommen wir zur Sache — begann Heinrich. — Meine Mandantin ist bereit, Ihnen die Wohnung vollständig zu überlassen. Im Gegenzug erwartet sie eine finanzielle Ausgleichszahlung. Die Summe beläuft sich auf fünfzehn Millionen Euro.
— Fünfzehn Millionen?! Die Wohnung ist doch höchstens fünfundzwanzig wert!
— Korrekt. Ihr hälftiger Anteil entspräche zwölf Komma fünf. Die zusätzlichen zweieinhalb Millionen verstehen sich als Entschädigung für immaterielle Schäden — vier Jahre systematischer Demütigungen durch Ihre Mutter, die Sie weder verhindert noch unterbunden haben.
— Das ist Erpressung!
— Nein. Es ist ein Angebot. Lehnen Sie es ab, sehen wir uns vor Gericht wieder. Uns liegen Tonaufnahmen, Zeugenaussagen und schriftliche Nachrichten vor. Das Gericht könnte durchaus zu einer deutlich höheren Summe kommen.
— Welche Aufnahmen?
Heinrich entsperrte sein Smartphone und startete eine Audiodatei. Aus dem Lautsprecher drang die Stimme von Adelaide Koch, wie sie Helena als „Schmarotzerin“, „Aas“ und „armselige Kreatur“ beschimpfte.
— Woher stammt das? — fragte Konrad heiser.
— Frau Gross hat in den vergangenen zwei Jahren jedes Treffen mit Ihrer Mutter aufgezeichnet. Zu ihrem eigenen Schutz. Sie war vorbereitet.
Konrad unterschrieb. Alle Unterlagen. Ohne weitere Diskussion.
Einen Monat später wurde das Geld überwiesen. Helena Gross verzichtete offiziell auf ihren Anteil an der Wohnung.
Er versuchte danach herauszufinden, wo sie lebte, folgte alten Wegen, fragte Bekannte — doch es war, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Das Blumengeschäft existierte weiter, lief stabil, aber die Inhaberin ließ sich dort nicht mehr blicken. Zoe Schwarz regelte alles.
Und dann begannen die wirklichen Schwierigkeiten.
Das Finanzamt erschien unangekündigt. Bei der Prüfung stellte sich heraus, dass Adelaide Koch — die ihrem Sohn seit Jahren „bei der Buchhaltung half“ — über seine Firma hinweg graue Finanztransaktionen für Freundinnen abgewickelt hatte. Die Summen waren enorm.
— Was ist das?! — Konrad hielt ihr die Unterlagen vor die Nase.
— Mein Herz mag krank sein, aber mein Kopf funktioniert! — schrie sie. — Ich dachte, das fällt unter die kleinen Einnahmen deiner Firma!
Die Nachzahlung belief sich auf acht Millionen Euro. Zuzüglich Säumniszuschlägen. Zuzüglich der Gefahr eines Strafverfahrens.
Als Stella Wagner von dem Steuerdrama erfuhr, packte sie noch am selben Tag ihre Koffer und flog zu einer Freundin nach Miami. Ihre Kreditkartenschulden ließ sie Benedikt Kraus zurück.
— Mama, begreifst du überhaupt, dass ich im Gefängnis landen kann?! — Konrad fuhr sich verzweifelt durch die Haare.
— Hör auf zu übertreiben. Du zahlst die Strafe, und gut ist.
— Wovon denn? Fünfzehn Millionen an Helena, acht ans Finanzamt!
Ein halbes Jahr verschlang der gesamte bürokratische Albtraum. Konrad verkaufte sein Auto, nahm Kredite auf, verpfändete Firmenanteile. Adelaide Koch wurde auffällig stiller, rief seltener an — offenbar hatte sie begriffen, dass ihr Sohn keine goldene Gans mehr war.
Ein Jahr später, als das Gröbste überstanden schien, begegnete Konrad zufällig Zoe Schwarz vor einem Einkaufszentrum.
— Hallo — sagte er zögerlich.
— Hallo — antwortete sie kühl und wollte weitergehen.
— Zoe, bitte. Wie geht es Helena?
Zoe blieb stehen und musterte ihn von Kopf bis Fuß.
— Hervorragend. Sie ist glücklich.
— Könntest du ihr ausrichten… dass ich gern mit ihr sprechen würde? Mich treffen?
— Ich frage sie.
Eine Woche später saßen sie sich in einem kleinen Café gegenüber. Helena sah strahlend aus — erholt, gelassen. An ihrer Hand funkelte ein neuer Ring.
— Danke, dass du gekommen bist — begann Konrad. — Ich wollte mich entschuldigen. Für alles. Du hattest recht. Meine Mutter… sie ist unerträglich.
— Ich weiß das jetzt — sagte sie ruhig.
— Helena, vielleicht könnten wir es noch einmal versuchen? Ich habe viel begriffen. Ich habe mich geändert…
— Konrad — unterbrach sie ihn sanft —, wir leben in unterschiedlichen Welten. Du wirst immer deine Mutter wählen. Das ist kein Vorwurf, nur eine Tatsache. Ich brauche einen Mann, der hinter mir steht.
— Aber ich liebe dich!
— Ich dich nicht mehr. Es tut mir leid.
Sie deutete auf den Ring.
— Wir lassen uns einvernehmlich scheiden?
Konrad nickte. Es gab keine Alternative.
Einen Monat später unterschrieb er die Scheidungspapiere. Am selben Abend rief Adelaide Koch erneut an — es gebe „schon wieder Ärger“ mit der Hausverwaltung.
— Mama — sagte Konrad leise —, ich kann nicht mehr.
Zur selben Zeit stand Helena Gross im Standesamt und wartete mit den Unterlagen für ihre neue Ehe. Neben ihr hielt ein großer Mann mit warmem Blick ihre Hand — Henry Lorenz, Chirurg, der nie die Stimme erhob und ihr Blumengeschäft als ernsthafte Arbeit respektierte.
