— Dein Mann wird seinen Geburtstag auch ohne dich feiern, erklärte die Schwiegermutter in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Du fährst stattdessen los und holst meine Tochter ab.
Helena Gross hob langsam den Kopf von den bunt gemusterten Geschenkboxen, die sie sorgfältig auf dem Tisch arrangiert hatte. Im Türrahmen stand Adelaide Koch, geschniegelt und geschniegelt, in ein teures, dunkelrotes Kleid gehüllt, als käme sie direkt von einem gesellschaftlichen Empfang.
— Entschuldigung, WIE bitte? — Helena legte das Seidenband beiseite, mit dem sie gerade das Hauptgeschenk für Konrad hatte binden wollen.
— Bist du schwerhörig? Meine Stella landet heute Abend aus Dubai. Du fährst zum Flughafen, nimmst sie in Empfang, bringst sie nach Hause und hilfst ihr beim Auspacken. Konrad überlebt einen Abend auch ohne deine kindischen Überraschungen.
Helena richtete sich langsam auf. In vier Jahren Ehe hatte sie viele Spitzen von Adelaide Koch ertragen müssen — doch diese Forderung übertraf alles bisher Dagewesene.

— Adelaide Koch, morgen wird Konrad fünfunddreißig. Ich plane diese Feier seit einem halben Jahr. Ich habe einen Tisch in seinem Lieblingsrestaurant reserviert, seine Freunde eingeladen, die er seit Jahren nicht gesehen hat …
— Du sagst alles ab, unterbrach die Schwiegermutter sie mit einer wegwerfenden Handbewegung, an der mehrere schwere Goldringe funkelten. — Stella ist wichtiger als dein Unsinn. Sie war drei Monate nicht zu Hause. Wir fehlen ihr.
— Ich bin weder Chauffeurin noch Dienstmädchen! — entgegnete Helena scharf. — Stella hat einen Ehemann. Soll Benedikt Kraus sie abholen!
Adelaide Koch verengte die Augen. Ihre dunkelrot geschminkten Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
— Benedikt ist beschäftigt. Wichtige geschäftliche Angelegenheiten. Und du? Was trägst du bitte Sinnvolles bei? Du sitzt zu Hause und verprasst das Geld meines Sohnes für belanglosen Kram. Sei wenigstens ein einziges Mal nützlich für diese Familie.
— Ich arbeite! — Helena ballte die Hände. — Ich habe mein eigenes Blumenatelier. Zwölf Angestellte!
— Du verkaufst Blümchen, — schnaubte Adelaide Koch. — Das ist keine Arbeit, sondern ein Zeitvertreib für gelangweilte Ehefrauen. Richtige Arbeit ist das, was Männer tun, wenn sie Verträge über Millionen abschließen. So wie mein verstorbener Mann. Oder jetzt Konrad.
Helena spürte, wie sich ihre Finger zu Fäusten schlossen. In ihrer Brust wogte heiße, würgende Empörung.
— Weiß Konrad überhaupt von dieser „Bitte“?
— Konrad hat keine Zeit für weibliche Albernheiten. Er ist in Dortmund bei wichtigen Verhandlungen und kommt erst morgen gegen Mittag zurück. Bis dahin hast du Stella längst nach Hause gebracht und bist wieder hier. Vielleicht kochst du sogar etwas zu seinem Geburtstag — obwohl man bei deinen Kochkünsten besser liefern lässt.
— Ich fahre nicht, sagte Helena ruhig, aber fest.
Adelaide Koch trat näher. Der Duft teuren französischen Parfüms mischte sich mit blanker Überheblichkeit.
— Hör gut zu, Mädchen. Du wohnst in einer Wohnung, die MEIN Sohn gekauft hat. Du fährst ein Auto, das MEIN Sohn dir geschenkt hat. Du trägst Schmuck, den …
— Es reicht! — Helena sprang auf. — Ich bin keine Goldgräberin! Ich habe mein eigenes Unternehmen, mein eigenes Geld! Und die Wohnung haben wir gemeinsam gekauft — ich habe die Hälfte bezahlt!
— Ach bitte, verschone mich. Mit deinen kümmerlichen Einnahmen aus Gänseblümchen? Konrad hat dir das nur aus Mitleid erlaubt, damit du dich nicht wie ein Schmarotzer fühlst. In Wahrheit bist du genau das.
Die Worte trafen schmerzhaft genau. Helena wusste, dass es eine Lüge war — ihr Atelier lief hervorragend, und sie hatte ihren Anteil an der Wohnung ehrlich bezahlt. Doch Adelaide Koch besaß ein unheimliches Talent dafür, Tatsachen zu verdrehen, bis sie ihr selbst nützten.
— Wissen Sie was? Machen Sie es ohne mich. Stella kann ein Taxi nehmen. Oder holen Sie sie ab, wenn sie Ihnen so wichtig ist.
— Ich? — Die Schwiegermutter legte empört eine Hand auf die Brust. — Mein Herz ist krank. Die Ärzte haben mir Aufregung und weite Fahrten strikt verboten. Der Flughafen ist eine Tortur für meine Gesundheit.
— Aber alle zwei Monate nach Monaco zu fliegen, ist offenbar kein Problem, — rutschte Helena heraus.
Adelaide Koch lief purpurrot an.
— Wie wagst du es! Undankbares Ding! Wir haben dich, eine mittellose Provinzlerin, in unsere Familie aufgenommen, und du …
— Ich komme aus Starnberg, nicht vom Kuhdorf! — fiel Helena ihr ins Wort. — Ich habe einen Abschluss, ein eigenes Unternehmen und …
— SCHWEIG! — brüllte Adelaide Koch. — Um sieben Uhr abends bist du am Terminal drei. Stella landet um halb acht aus Dubai. Und wage es ja nicht, zu spät zu kommen!
Damit drehte sie sich abrupt um, stürmte hinaus und knallte die Tür so laut zu, dass die Wände erzitterten.
Helena sank auf das Sofa. Ihre Hände zitterten vor Wut und Demütigung. Sie griff nach ihrem Handy und wählte Konrads Nummer. Endloses Klingeln, dann die automatische Ansage: Der gewünschte Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar.
Die nächsten Stunden lief Helena rastlos durch die Wohnung. Einerseits weigerte sie sich innerlich, erneut den Manipulationen der Schwiegermutter nachzugeben. Andererseits wusste sie nur zu gut, dass eine offene Weigerung einen handfesten Skandal nach sich ziehen würde — einen, der Konrads Geburtstag endgültig ruinieren könnte.
Gegen fünf Uhr nachmittags vibrierte das Handy endlich. Auf dem Display erschien der Name ihres Mannes.
— Konrad! Gott sei Dank, dass du anrufst! Hier ist …
— Hallo, Helena. Hör zu — Mama hat gesagt, dass du Stella vom Flughafen abholst. Danke dir, dass du das übernimmst. Ich weiß, ihr habt kein leichtes Verhältnis, aber das ist wichtig.
Helena erstarrte.
— Das heißt … du wusstest davon? Und hast mir nichts gesagt?
— Sie hat mich erst vor einer Stunde angerufen. Ich dachte, ihr hättet das schon geklärt. Wo liegt das Problem?
— Das Problem ist, dass morgen dein Geburtstag ist! Ich habe alles organisiert: Restaurant, Gäste, alles!
— Ach, Helena, lass uns das auf das Wochenende verschieben. Es ist doch egal, wann wir feiern. Stella ist selten hier, sie braucht Unterstützung. Mit Benedikt gibt es wohl wieder Schwierigkeiten.
— Mit ihm gibt es immer Schwierigkeiten! Und warum soll ich alles stehen und liegen lassen und zum Flughafen hetzen?
— Weil du meine Frau bist und zur Familie gehörst, — Konrads Stimme wurde kühl und hart. — Mach bitte keine Szene daraus.
