«Ich werde keinen Kredit aufnehmen» — sagte Dorothea leise, während Thomas ihr mit Scheidung drohte

Wie konntest du nur so rücksichtslos sein?
Geschichten

Er hatte nichts mehr vorzuweisen. Von seinem angeblich beeindruckenden Einkommen blieb am Monatsende kein Cent übrig. Alles war versickert – in schicken Lokalen mit Kollegen, im Unterhalt des Autos, in den endlosen „Notwendigkeiten“ seiner Mutter und der Schwester.

„Dann wird verkauft“, erklärte Dorothea ruhig, ohne zu zögern.

Thomas funkelte sie an, als wolle er sie mit Blicken durchbohren.

„Du warst schon immer eine Schlange. Du hast es nur gut getarnt.“

Dorothea begegnete seinem Hass überraschend gelassen. Zum ersten Mal seit der Scheidung lag ein Lächeln auf ihren Lippen.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Ich habe nur aufgehört, bequem zu sein.“

Die Wohnung erzielte einen hervorragenden Preis. Dorothea erwarb sich eine helle Zweizimmerwohnung im selben Viertel – ein Zuhause für sich und Amelie Lang. Konrad Otto studierte inzwischen an der Universität und lebte im Wohnheim, wusste aber genau: Seine Tür stand immer offen. Nach dem Kauf blieb sogar genug Geld für Renovierungen, und ein kleiner Betrag wanderte auf ein Sparkonto.

Thomas verschwand unmittelbar nach dem Gerichtstermin aus ihrem Leben. Erst eine Woche später meldete er sich, die Stimme hart und gereizt.

„Ich gehe in den Norden. Habe dort eine Stelle gefunden, doppelt so viel Gehalt. Ich bleibe dort.“

„In Ordnung“, antwortete Dorothea knapp. „Viel Erfolg.“

„Und die Kinder…“

„Die bleiben bei mir. Aber du kannst sie sehen. Wenn du möchtest.“

Er wollte es nicht. Drei Tage später war er weg. Keine Woche danach folgten ihm seine Mutter und Isabella Winter mit dem Neugeborenen. Kurz vor der Abreise rief die Schwiegermutter Dorothea an, außer sich vor Wut.

„Du hast unsere Familie zerstört! Wegen dir flieht mein Sohn ans Ende der Welt!“

Dorothea lachte trocken.

„Wegen mir? Nein. Wegen Ihnen. Sie haben ihn so erzogen – egoistisch, fordernd, immer auf Kosten anderer. Fahren Sie ruhig zu ihm. Leben Sie von seinem tollen Gehalt. Aber wissen Sie, was daran interessant ist?“

„Was?“, zischte die Frau.

„Im Norden ist alles teuer. Miete, Nebenkosten – ein Vielfaches von Hamburg. Lebensmittel ebenso. Und dazu: Kälte, Dunkelheit, monatelang. Und Langeweile. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“

Sie beendete das Gespräch und nahm nie wieder einen Anruf dieser Nummer an.

Ein halbes Jahr verging.

Dorothea stand morgens am Fenster ihrer neuen Wohnung, eine Tasse Kaffee in der Hand. Draußen lag der Frühling über der Stadt – laut, bunt, erfüllt vom Duft blühender Fliederbüsche. Amelie machte sich für die Schule fertig und summte leise vor sich hin. Konrad war am Wochenende zu Besuch gewesen und hatte eine junge Frau mitgebracht – Zoe Stein, Studentin, kluge Augen, offenes Lächeln.

„Mama, das ist Zoe“, hatte er gesagt.

Dorothea beobachtete, wie ihr Sohn sie ansah, und erkannte etwas Wichtiges: Respekt. Aufmerksamkeit. Gleichwertigkeit. Vielleicht hatte sie doch manches richtig gemacht.

Im Studio lief es besser denn je. Dorothea nahm zwei Schülerinnen aus dem College auf, junge Frauen mit großen Träumen vom eigenen Beruf als Nageldesignerinnen. Abends brachte sie ihnen geduldig alles bei – nicht nur Technik, sondern etwas viel Wertvolleres: den Glauben daran, unabhängig sein zu können. Auf eigenen Füßen zu stehen.

Und dann geschah etwas Unerwartetes. Vor zwei Tagen betrat Dorothea spontan eine Buchhandlung. Ohne Ziel, einfach aus Neugier. Sie hatte lange nichts mehr für sich selbst gekauft. Ein Gedichtband fiel ihr in die Hände. Sie schlug ihn auf und las zufällig:

„Ich hielt es für Leben.
Doch es war nur Aushalten.“

Mitten im Laden liefen ihr Tränen über das Gesicht. Still, unauffällig. Denn diese Zeilen erzählten ihre Geschichte. Ihr früheres Leben.

Sie kaufte das Buch, legte es zu Hause auf den Nachttisch.

Am Abend fragte Amelie leise:

„Mama, bist du glücklich?“

Dorothea dachte nach. Glücklich? Sie hatte keinen Mann. Aber auch niemanden mehr, der sie täglich kleinmachte. Die Wohnung war bescheiden, doch sie durfte die Wände streichen, wie sie wollte, Bilder aufhängen oder Gäste einladen – oder eben nicht. Kein teures Auto. Dafür die Freiheit, morgens aufzuwachen und zu wissen: Dieser Tag gehört mir.

„Weißt du, mein Schatz“, sagte sie und zog Amelie an sich, „ich weiß nicht, ob das Glück ist. Aber ich weiß, dass ich endlich lebe. Wirklich.“

Amelie schmiegte sich enger an sie.

In diesem Moment vibrierte das Handy. Eine Nachricht von Thomas. Die erste seit Monaten:
„Dorothea, ich lag falsch. Können wir reden?“

Dorothea sah kurz auf den Bildschirm. Dann löschte sie die Nachricht ungelesen.

Ein warmer Luftzug wehte durchs offene Fenster, spielte mit den Gardinen. Unten lachten Kinder, irgendwo lief Musik. Das Leben war da – laut, lebendig, einladend.

Dorothea dachte daran, wie schwer es ihr früher gefallen war, dieses eine Wort auszusprechen. Nein.

Und wie sehr es alles verändert hatte.

Sie trank den letzten Schluck Kaffee und lächelte. Nicht aus Gewohnheit, nicht aus Höflichkeit. Sondern einfach, weil es sich richtig anfühlte.

Und genau darin lag das Wunder.

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