„…hier wird endlich Ordnung einkehren!“, tobte er weiter. „Meine Mutter wird sich darum kümmern, dass die Kinder anständig erzogen werden und nicht so verwöhnt, wie du es zugelassen hast. Konrad hängt den halben Tag an der Uni herum, Amelie treibt sich mit diesen Freundinnen herum …“
„Es reicht“, unterbrach Dorothea ihn und hob die Hand. Ihre Stimme war leise, aber fest. „Hör auf. Einfach nur hör auf.“
„Nein, es reicht eben nicht!“, brüllte Thomas inzwischen völlig außer sich. „Du gehst morgen zur Bank, hast du mich verstanden?! Oder du packst deine Sachen und verschwindest!“
In diesem Moment öffnete sich die Tür zu Amelies Zimmer einen Spalt breit. Das Gesicht der Tochter war kreidebleich, die Augen rot vom Weinen.
„Mama?“
Dorothea atmete einmal tief durch und zwang sich zur Ruhe. „Alles ist gut, mein Schatz. Geh bitte schlafen.“
„Gar nichts ist gut!“, schrie Thomas und wandte sich zur Tür. „Amelie, komm her! Du sollst hören, was für eine Mutter du hast! Gierig, selbstsüchtig …“
„Halt sofort den Mund!“, Dorothea trat schützend zwischen ihn und das Zimmer. „Wage es nicht, die Kinder da hineinzuziehen. Niemals.“
Amelie schluchzte leise und schlug die Tür zu. Kurz darauf drang laute Musik durch die Wand – sie hatte sie absichtlich aufgedreht, um die Stimmen nicht mehr hören zu müssen.
Thomas stand schwer atmend da. Dorothea sah ihn an und erkannte ihn zum ersten Mal seit vielen Jahren wirklich. Ohne die Maske des fürsorglichen Ehemanns, ohne gespielte Zuneigung. Vor ihr stand ein egozentrischer Mensch, der gewohnt war, alles zu nehmen und nichts zurückzugeben.
„Also gut“, sagte sie langsam und sprach jedes Wort bewusst aus. „Zur Bank gehe ich nicht. Einen Kredit nehme ich nicht auf. Und ich kaufe deiner Mutter kein Auto.“
„Dann lassen wir uns scheiden!“, fauchte er. „Und du stehst am Ende mit leeren Händen da!“
„Das werden wir sehen“, entgegnete Dorothea ruhig. Sie ging ins Schlafzimmer, zog eine Reisetasche aus dem Schrank und begann, Kleidung hineinzulegen.
„Was soll das?“, fragte Thomas, der ihr folgte.
„Ich tue das, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen“, antwortete sie. „Ich gehe. Für ein paar Tage. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“
„Dorothea!“, in seiner Stimme lag plötzlich etwas Neues – Unsicherheit, vielleicht sogar Angst. „Meinst du das ernst?“
„Vollkommen.“
„Und wohin willst du? Du hast doch niemanden!“
Sie schloss den Reißverschluss der Tasche. Es stimmte. Ihre Eltern waren längst tot, enge Freundschaften hatte sie nie gepflegt – Arbeit, Haushalt, Kinder hatten ihr Leben bestimmt. Doch im Augenblick spielte das keine Rolle.
„Ich finde schon einen Platz. Notfalls ein Hotel.“
„Wovon willst du das bezahlen?“, höhnte er. „Von deinem mickrigen Gehalt?“
„Von meinem“, sagte sie ruhig, nahm ihr Handy und die Tasche. „Von dem Geld, das ich ehrlich verdiene.“
An der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. „Und noch etwas, Thomas: Diese Wohnung gehört nicht nur dir. Siebzehn Jahre lang habe ich die Hypothek genauso bezahlt wie du. Ich habe alle Überweisungen, alle Belege. Versuch also nicht, mir Angst zu machen. Und die Kinder nimmt dir niemand weg – du bist von morgens bis abends arbeiten. Wer soll sich kümmern? Deine Mutter?“
Dann ging sie.
Treppenhaus. Haustür. Straße. Die Nacht empfing sie mit kühler Luft und ungewohnter Stille. Dorothea blieb stehen und atmete tief ein.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte sie wirklich Angst. Und zugleich fühlte sie sich seltsam leicht – als hätte sie eine tonnenschwere Last von ihren Schultern abgeworfen.
Der Scheidungsprozess zog sich über drei Monate hin. Thomas versuchte, die Wohnung für sich zu erstreiten und behauptete, er habe den Großteil der finanziellen Last getragen. Er brachte sogar seine Mutter als Zeugin mit. Diese weinte vor Gericht, schwor hoch und heilig, Dorothea habe nie gearbeitet, sei nur zu Hause gesessen und habe das Geld ihres Mannes ausgegeben.
Doch Dorotheas Anwältin – eine ältere Frau mit durchdringendem Blick und eiserner Haltung – legte dem Richter einen dicken Stapel Unterlagen vor. Kontoauszüge aus siebzehn Jahren. Jede einzelne Hypothekenrate: fünfzig zu fünfzig. Rechnungen für Nebenkosten: von Dorothea bezahlt. Quittungen für Lebensmittel, Kleidung der Kinder, Medikamente – ebenfalls Dorothea. Sogar der berüchtigte Anzug für dreißigtausend Euro, mit dem Thomas im Büro Eindruck schinden wollte, war von ihrer Karte beglichen worden.
„Euer Ehren“, sagte die Anwältin ruhig, aber mit Nachdruck, „hier steht keine Hausfrau, die vom Einkommen ihres Mannes abhängig war. Vor Ihnen steht eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Ehemann die Familie finanziert, die Kinder großgezogen und dabei jahrelang psychischen Druck ertragen hat. Die Unterlagen belegen eindeutig: Ihr steht die Hälfte des gemeinsam erworbenen Eigentums zu.“
Der Richter, ein älterer Mann mit grauen Augenbrauen, studierte die Dokumente lange. Schließlich sah er Thomas über den Brillenrand hinweg an.
„Haben Sie Einwände? Belege, die diese Zahlen widerlegen?“
Thomas schwieg. Neben ihm saß seine Mutter, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst.
Das Urteil war eindeutig: Die Wohnung wird hälftig geteilt. Thomas kann entweder Dorotheas Anteil auszahlen oder die Immobilie verkaufen und den Erlös entsprechend aufteilen.
Auszahlen konnte er nicht. Das Geld, wie sich bald zeigte, war längst verschwunden.
