«Ich werde keinen Kredit aufnehmen» — sagte Dorothea leise, während Thomas ihr mit Scheidung drohte

Wie konntest du nur so rücksichtslos sein?
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— Halt den Mund! Dorothea Wolf, reiz mich lieber nicht weiter, sonst passiert etwas! Meine Mutter und meine Schwester brauchen ein Auto, und du wirst es bezahlen! — zischte ihr Mann.

Die Worte von Thomas Krause blieben wie giftiger Dunst in der Küche hängen. Dorothea stand am Herd, ihm den Rücken zugewandt, und spürte, wie sich in ihr etwas veränderte. Kein scharfer Schmerz, kein inneres Zerreißen — vielmehr ein langsames Gefrieren, als würde ihr Inneres zu kalten Splittern erstarren. Bedächtig legte sie den Kochlöffel zur Seite. In dem Topf brodelte noch immer die Suppe, Dill und Knoblauch lagen in der Luft, draußen zog ein feiner Oktoberniesel über Hamburg. Und doch war gerade etwas Entscheidendes geschehen — ein lautloses Beben, das ihr Leben verschob.

— Wie bitte? — Sie drehte sich um. Ihre Stimme war ruhig, fast leise, aber fest.

Thomas saß breit auf dem Stuhl, halb liegend, den Blick auf sein Smartphone geheftet. Er würdigte sie keines Blickes. Zweiundvierzig Jahre alt, Abteilungsleiter in einem Handelsunternehmen, ein Anzug im Wert von mehreren Tausend Euro — und dieser überhebliche Ausdruck im Gesicht. Früher hatte sie in ihm Halt gesehen. Jetzt erkannte sie nur noch Anspruchsdenken.

— Du hast mich verstanden. Meine Mutter fährt seit drei Jahrzehnten mit dem Bus. Isabella Winter ist schwanger, sie braucht ebenfalls ein Auto. Du verwaltest das Geld, also kümmerst du dich darum.

Dorothea lächelte schief. Merkwürdig — alles bricht zusammen, und sie lächelt.

— Welches Geld meinst du, Thomas? Das, das ich im Studio verdiene? Sechzig Stunden pro Woche auf den Beinen, anspruchsvolle Kundinnen, Rückenschmerzen am Abend — das sind meine Einnahmen.

— Unsere, — erwiderte er und sah nun doch auf. Sein Blick war kühl, fremd. — Wir sind eine Familie. Oder hast du das vergessen?

Siebzehn Jahre Ehe. Zwei Kinder — Konrad Otto studierte bereits, Amelie Lang ging in die neunte Klasse. Eine Wohnung auf Kredit, den sie genauso mittrug wie er. Ihre Füße, Größe siebenunddreißig, abgelaufen zwischen Arbeit und Haushalt. Ihre Hände rochen nach Cremes und Lacken. Ihr Rücken schmerzte jeden Abend. Und er saß da und sagte schlicht: „Du wirst zahlen.“

— Vergessen habe ich nichts, — sagte Dorothea und schaltete den Herd aus. — Ich erinnere mich nur nicht daran, dass mich jemals jemand gefragt hätte, was ich brauche.

Thomas stand auf. Groß, kräftig — früher hatte sie sich neben ihm sicher gefühlt. Jetzt sah sie nur, wie er versuchte, mit seiner Statur Druck auszuüben.

— Jetzt geht das wieder los, — brummte er, ging zum Fenster und zündete sich eine Zigarette an, obwohl sie ihn oft gebeten hatte, das in der Wohnung zu lassen. — Deine endlosen Kränkungen. Meine Mutter ist nicht mehr jung, Isabella bekommt bald ihr Kind …

— Isabella ist achtundzwanzig, hat einen Ehemann — der soll sich kümmern! — In Dorothea kochte es plötzlich, etwas Heißes brach durch das Eis. — Und deiner Mutter überweise ich seit drei Jahren jeden Monat vierhundert Euro „für Medikamente“, obwohl sie fitter ist als ich!

— Wag es nicht, so über meine Mutter zu sprechen!

Das war der Punkt ohne Rückkehr. Dorothea spürte es sofort. Der Raum wirkte enger, die Luft schwerer, als hätte sich etwas unwiderruflich verschoben.

— Ich gehe jetzt, — sagte sie ruhig, zog die Schürze aus und hängte sie an den Haken neben der Tür. — Das Essen steht auf dem Herd. Wärm es dir selbst auf.

— Wohin willst du? — Thomas machte einen Schritt zur Tür, doch Dorothea hatte bereits die Jacke angezogen. Ihre Hände zitterten, dennoch schloss sie den Reißverschluss.

— Frische Luft. Nachdenken.

— Dorothea!

Sie drehte sich nicht um. Die Tür fiel ins Schloss, das Treppenhaus trug sie nach unten, und plötzlich war sie draußen — in der feuchten, dunklen Straße, die nach Herbst und unerwarteter Freiheit roch.

Sie ging zügig, ohne Ziel. Passierte den Supermarkt, in dem sie sonst freitags einkaufte. Lief an der Haltestelle vorbei, an der jeden Morgen Menschen mit ebenso müden Gesichtern warteten. Hamburg wirkte im Regen fremd, verschwommen, beinahe filmisch. Straßenlaternen spiegelten sich in Pfützen, Autos rauschten über nassen Asphalt, aus einem Café drang Musik nach draußen.

Vor dem Schaufenster eines Juweliers blieb sie stehen. Ketten, Armreifen, Ringe funkelten unter grellem Licht. Wann hatte sie zuletzt ein Geschenk bekommen? Zu ihrem Geburtstag hatte Thomas ihr einen Umschlag mit Geld hingelegt — „Kauf dir, was du willst.“ Sie hatte Sportschuhe für Amelie gekauft und einen neuen Rucksack für Konrad.

Ihr Handy vibrierte. Thomas. Dorothea drückte den Anruf weg.

Weitergehen. In ein Einkaufszentrum — dort war es warm, hell, anonym. Ein Ort, um einen Kaffee zu trinken und die Gedanken zu ordnen. Der Bus brachte sie schnell hin. Sie betrat die große Halle, erfüllt vom Geruch nach Popcorn und neuen Textilien, wo Menschen mit Tüten hasteten und lachten. Dorothea spürte, wie der Lärm sie einhüllte und ihr für einen Moment das Gefühl gab, Teil eines anderen, leichteren Lebens zu sein, eines Lebens, das nicht ihres gewesen war — schon sehr lange nicht mehr.

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