Keines dieser Elemente war ordnungsgemäß gemeldet worden.
Ingrid Keller sog scharf die Luft ein, sichtlich erschüttert.
„Andreas … wovon spricht er da überhaupt?“
Helena Vogt beugte sich vor, ihre Stimme kaum mehr als ein panisches Flüstern.
„Du hast doch gesagt, alles sei abgesichert …“
Andreas Keller öffnete den Mund, als wolle er widersprechen, doch es kam kein Laut über seine Lippen.
Richter Tobias Reinhardt ließ ihm keine Atempause.
„Darüber hinaus enthält das Schreiben Chatverläufe, E-Mails sowie dokumentierte Geldbewegungen. Sie belegen, dass Firmenmittel eingesetzt wurden, um Frau Vogt während der bestehenden Ehe zu unterstützen. Das stellt eine zweckwidrige Verwendung ehelicher Vermögenswerte dar.“
Helenas Gesicht verlor jede Farbe.
„Er hat mir versichert, er sei längst geschieden …“
Mit einem dumpfen Knall schlug Andreas beide Hände auf die Tischplatte.
„Das ist eine Falle!“
„Nein“, entgegnete der Richter ruhig, beinahe sachlich. „Das sind belegbare Tatsachen.“
Zum ersten Mal hob er den Blick und sah direkt zu mir.
„Frau Keller hat diese Entwicklung vorausgesehen. Sie hat dem Gericht die Unterlagen Wochen vor dem heutigen Termin zukommen lassen, damit jeder einzelne Punkt unabhängig überprüft werden konnte.“
Der Anwalt von Andreas beugte sich hastig zu ihm hinüber und flüsterte fieberhaft, doch der Moment war verpasst.
Richter Reinhardt atmete schwer aus.
„Herr Keller, Ihre Ehefrau verfügt nicht nur über einen rechtmäßigen Anspruch. Ihr Verhalten kann zudem Anlass für weitergehende Untersuchungen liefern.“
Ingrid sank langsam auf ihren Stuhl zurück, wie betäubt. In Helenas Augen spiegelte sich nackte Angst.
Andreas wandte sich mir schließlich zu. Kein Anflug von Überheblichkeit mehr – nur Unsicherheit. Und in diesem Augenblick begriff er etwas, das ihm jahrelang entgangen war.
Ich war nicht hier, um zu bitten.
Ich war hier, weil ich vorbereitet war.
Der Sitzungssaal wirkte nicht länger kühl. Er fühlte sich schwer an, aufgeladen mit den Folgen dessen, was nun ausgesprochen wurde.
Mit präziser, fast chirurgischer Klarheit verkündete Richter Reinhardt seine Entscheidung.
„Auf Grundlage der vorliegenden Beweise erkennt das Gericht Frau Keller als rechtmäßige Miteigentümerin der Keller Tech Solutions an. Ihr Anteil in Höhe von vierzig Prozent bleibt bestehen.“
Andreas stammelte kaum hörbar:
„Nein … das kann nicht sein …“
„Sämtliche während der Ehe erworbenen Immobilien gelten als gemeinschaftliches Vermögen“, fuhr der Richter fort. „Sie werden entsprechend aufgeteilt. Zusätzlich ordnet das Gericht aufgrund des Missbrauchs von Unternehmensmitteln eine forensische Sonderprüfung an.“
Helena sprang zitternd auf.
„Andreas, du hast doch gesagt—“
„Setzen Sie sich“, unterbrach Richter Reinhardt scharf. „Beide.“
Ingrid presste eine Hand vor den Mund, ihre Augen glänzten ungläubig.
„Das … das ist unmöglich …“
Der Richter griff nach dem Hammer, und der Saal hielt den Atem an.
