„Welches Schreiben?“, platzte es aus Andreas heraus.
Ingrid Keller beugte sich alarmiert nach vorn, als ahnte sie Unheil. Der Gerichtsdiener reichte den Umschlag weiter. Richter Tobias Reinhardt öffnete ihn, überflog die erste Seite – und hielt abrupt inne. Seine Augenbrauen wanderten nach oben. Er las weiter, Zeile um Zeile.
Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes.
Der Richter lachte laut auf. Kein höfliches Schmunzeln, sondern ein echtes, verblüfftes Lachen, das durch den Saal hallte und alle Blicke auf sich zog.
Das selbstzufriedene Grinsen auf Andreas’ Gesicht erstarrte.
„Was ist daran bitte lustig?“, fuhr er den Richter an.
Tobias Reinhardt legte den Kopf leicht schief, noch immer mit einem kaum verhohlenen Lächeln, und murmelte mehr zu sich selbst als zu den Anwesenden:
„Oh … das hier wird ja immer spannender.“
Andreas’ Gesicht verlor jede Farbe. Helenas zuvor eiserne Sicherheit bekam sichtbare Risse. Auch Ingrids spöttischer Ausdruck war wie weggewischt.
Sie ahnten noch nicht, was dieses Schreiben bedeutete.
Dabei hatte dieser Brief – Wochen zuvor verfasst, ordnungsgemäß eingereicht und juristisch einwandfrei – ihr ganzes sorgfältig konstruiertes Spiel bereits beendet. Und die Verhandlung hatte gerade erst begonnen.
Der Richter räusperte sich und fixierte Andreas mit einem durchdringenden Blick.
„Herr Keller, bevor wir fortfahren, habe ich einige Fragen an Sie.“
Unruhig rückte Andreas auf seinem Stuhl hin und her.
„Selbstverständlich, Herr Vorsitzender.“
Tobias Reinhardt klopfte mit dem Finger auf die Unterlagen.
„Sie haben mehrfach erklärt, dass die Keller Tech Solutions vollständig vor der Ehe gegründet wurde und Ihre Ehefrau keinerlei Beitrag geleistet hat. Ist das korrekt?“
„Ja“, antwortete Andreas zu hastig. „Absolut korrekt.“
Der Richter nickte langsam und schlug eine weitere Seite auf.
„Interessant. Denn diesem Schreiben zufolge – einschließlich der beigefügten Belege – verfügt Ihre Ehefrau über eine Gründervereinbarung, die sechs Monate nach der Hochzeit unterzeichnet wurde und ihr vierzig Prozent der Unternehmensanteile zusichert.“
Helena erstarrte.
„Das… das kann nicht sein.“
„Doch, das ist es“, entgegnete der Richter ruhig. „Notariell beglaubigt, ordnungsgemäß hinterlegt und bestätigt durch Ihren ehemaligen Finanzdirektor.“
Andreas sprang auf.
„Diese Vereinbarung hätte niemals wirksam werden dürfen!“
Richter Reinhardt hob warnend die Hand.
„Setzen Sie sich, Herr Keller.“
Eine schwere, fast greifbare Stille senkte sich über den Saal.
Der Richter fuhr fort, mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß, und leitete zu weiteren Punkten über, die im Schreiben detailliert aufgeführt waren und den Umfang der gemeinsamen finanziellen Verflechtungen offenlegten.
