Mit einem Anflug bitterer Ironie loggte ich mich in sein Postfach ein. Das Passwort kannte ich seit Jahren. Gleich oben fand ich die Bestätigung eines Reiseanbieters: Gutscheine, Flugtickets, die Reservierung im Paradise Island Resort & Spa. Alles fein säuberlich abgelegt, als wäre es ein harmloser Familienurlaub.
Ich griff zum Telefon und rief direkt im Hotel an. Englisch war nie ein Problem für mich gewesen, schließlich hatte ich jahrelang Verträge übersetzt.
— Good afternoon. This is Mrs. Lena Hartmann. I need to speak to the manager immediately.
Man stellte mich ohne Umwege durch.
— Hören Sie, es liegt ein gravierender Fehler vor, begann ich ruhig. Mein Ehemann, Raphael Wagner, hält sich derzeit bei Ihnen auf, Bungalow 105, gemeinsam mit einer anderen Frau. Das Problem ist jedoch ein anderes: Er hat diese Reise mit einer gestohlenen Firmenkreditkarte bezahlt. Als leitende Buchhalterin war ich gezwungen, die Transaktion sperren zu lassen und Anzeige zu erstatten. Interpol ist bereits informiert. Die Bank wird das Geld innerhalb der nächsten Stunde zurückziehen. Ich rate Ihnen dringend, die beiden umgehend auszuchecken, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden.
Am anderen Ende herrschte einen Moment lang Stille. Dann ein hörbares Räuspern.
— Oh… Ma’am, das ist äußerst ernst. Wir prüfen das sofort.
— Tun Sie das. Und richten Sie meinem Mann bitte etwas aus: Die Gratisnummer ist beendet. Grüße, Lena.
Keine sechzig Minuten später vibrierte mein Handy. Eine Push-Nachricht aus der Banking-App, zu der ich noch immer Zugriff hatte:
„Abbuchungsversuch über 2.000 $ abgelehnt.“ Das Hotel hatte versucht, den Betrag zu blocken.
Und dann ging es los.
Ein Anruf von Raphael. Ich ließ ihn ins Leere laufen.
Kurz darauf: Mila Schubert. Ebenfalls ignoriert.
Dann explodierte der Messenger.
Raphael: „Lena, was soll der Mist?! Die Karte geht nicht! Wir werden aus dem Zimmer geschmissen! Die wollen Bargeld! Spinnst du?! Ich hab kein Cash!“
Raphael: „Geh endlich ran, du Schlampe! Wir stehen mit Koffern am Strand! 40 Grad! Mila heult!“
Mila: „Lenchen, bist du beleidigt? Das ist alles ganz anders! Wir haben uns nur zufällig getroffen! Es lief nichts, wirklich! Mach uns nicht lächerlich! Bitte überweis Geld, wir kommen sonst nicht mal zum Flughafen. Wir sterben hier!“
Raphael: „Was soll der Scheiß mit dem Autoverkauf?! Vincent hat mich angerufen! Hast du ernsthaft meinen Geländewagen verkauft?! Das ist MEIN Auto! Ich bring dich um, wenn ich zurück bin!“
Ich las das alles und brach in schallendes Gelächter aus. Unkontrolliert, hysterisch, bis mir die Luft wegblieb.
Beleidigt?
Zufällig?
Im selben Bungalow?
Ich schickte nur ein einziges Bild zurück. Den Screenshot aus Milas Story.
Darunter schrieb ich:
„Glück liebt Stille. Genießt sie. Und viel Spaß beim Fußmarsch Richtung Dortmund. Das Auto wurde per Vollmacht verkauft, Erlös für ‚familiäre Zwecke‘ verwendet (Schmerzensgeld). Eure Sachen stehen bei Mama. Schlösser sind gewechselt. Klage ist eingereicht. Adiós, amigos.“
Drei Tage später stand Raphael wieder vor der Tür.
Er hatte sich Geld von Freunden leihen müssen, denen er vorher etwas von einer Dienstreise nach Dortmund erzählt hatte. Die Gesichter müssen unbezahlbar gewesen sein, als sie die Wahrheit erfuhren. Im Hotel hatte man sie fast einen ganzen Tag in der Lobby festgehalten, bis er irgendwen anflehte, ihm Krypto zu schicken.
Als er endlich auftauchte, war er wütend, verbrannt, die Haut voller Blasen, und völlig pleite. Sonnencreme war offenbar Luxus gewesen.
Er hämmerte gegen meine Tür.
— Mach auf! Das ist meine Wohnung! Ich verklag dich!
— Das ist eine gemeinsame Hypothek, und ich habe die Teilung beantragt, entgegnete ich ruhig hinter der gepanzerten Tür. Dein Anteil ist ein Schuldenberg bei der Bank. Wohnen wirst du hier nicht mehr.
Neben mir stand Ulrich Bergmann, mein Nachbar, mit verschränkten Armen.
— Verschwinden Sie, Raphael, sagte er kühl. Kein Theater. Sonst übernachten Sie zwei Wochen auf Staatskosten.
Raphael trat noch einmal gegen die Tür, spuckte auf den Boden und verschwand.
Die Scheidung wurde hässlich.
Das Auto versuchte er anzufechten, brüllte vor Gericht, ich hätte ihm sein Eigentum gestohlen.
Die Richterin blätterte durch die Unterlagen.
— Notarielle Vollmacht? Vorhanden. Gültig? Ja. Verkaufsrecht erteilt? Ebenfalls ja. Der Erlös ging in die Tilgung des Autokredits, 800.000? Korrekt. Und der Rest?
— Für den Haushalt, erklärte ich unschuldig. Lebensmittel, Nebenkosten… und Medikamente. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch.
Er konnte nichts Gegenteiliges beweisen. Keine Belege, nichts.
Mit meiner Schwester spreche ich nicht mehr.
Unsere Eltern versuchten zu vermitteln. Meine Mutter war fassungslos, mein Vater bekam Herzprobleme.
— Lena, das ist doch Mila! Sie ist jung, dumm, wusste es nicht besser! Raphael hat sie verführt! Vergib ihr! Sie haben sich getrennt, sie leidet!
— Ich habe keine Schwester mehr, sagte ich kalt. Die, die ich hatte, existiert für mich nicht. Diese Frau ist mir egal.
Mila übrigens trennte sich direkt nach der Landung von Raphael. Ein mittelloser Mann ohne Auto und Wohnung taugt nicht, soll sie gesagt haben. Inzwischen posiert sie mit einem neuen Gönner aus Dubai. Soll Gott ihr Richter sein.
Und ich?
Ich nahm die 200.000, die ich ihm nicht gegeben hatte, plus die drei Millionen aus dem Autoverkauf.
Und buchte eine Reise.
Auf die Malediven.
Ins gleiche Hotel.
Ins Nachbarbungalow. Teurer. Mit eigenem Pool.
Allein.
Ich liege jetzt auf einer Sonnenliege, trinke eine Piña Colada und schaue auf das türkisfarbene Wasser.
Es heilt wirklich.
Ich atme frei.
Ich bin unabhängig. Finanziell abgesichert. Und ich werde nie wieder zulassen, dass ein Mann entscheidet, ob ich mir Erholung „verdient“ habe oder nicht.
Ich habe mir alles verdient.
