„… und die Shorts?“ fragte ich schließlich, als mir in der Seitentasche des Koffers diese eindeutig sommerlichen Teile in die Hände fielen.
Raphael Wagner zögerte kaum merklich, fing sich jedoch sofort wieder.
— Ach, die. Im Hotel gibt es wohl ein Schwimmbad. Beheizt. Und eine Sauna. Nach Feierabend wollen wir uns ein bisschen aufwärmen, wenn wir den ganzen Tag in der Kälte waren.
Es klang plausibel. Zumindest wollte ich es glauben. Also nickte ich nur.
Kurz darauf war er weg. Mit dem großen, grauen Rollkoffer, der nicht nur Kleidung enthielt, sondern auch mein Erspartes — und all die Pläne, die ich mir für unseren gemeinsamen Urlaub ausgemalt hatte.
Die Tür fiel ins Schloss.
Stille breitete sich aus.
Ich blieb allein zurück. In einer stickigen, staubigen Stadt, in der der Frühling nur im Kalender existierte, während draußen grauer Matsch und trüber Himmel dominierten.
Meine Tage liefen danach wie auf Autopilot. Morgens ins Büro, Zahlen, Tabellen, Routinen. Abends zurück in die leere Wohnung, Essen aufwärmen, Serien über fremde, perfekte Leben schauen.
Die Einsamkeit saß tief. Sie tat körperlich weh.
Schließlich beschloss ich, meine Schwester anzurufen — Mila Schubert.
Mila war mein komplettes Gegenteil. Ich: dunkelhaarig, ruhig, häuslich, Buchhalterin. Sie: eine strahlende Blondine, Model, Influencerin, ständig unterwegs, Partys, Affären, Hotels. Fünf Jahre jünger als ich — und doch benahm sie sich, als wäre sie nie älter als siebzehn geworden.
Wir standen uns nie besonders nahe. Zu verschieden unsere Welten. Aber sie war meine Schwester. Ich liebte sie, half ihr finanziell während ihres Studiums, zog sie mehr als einmal aus unangenehmen Situationen heraus.
Ich wählte ihre Nummer.
„Der gewünschte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar oder befindet sich außerhalb des Mobilfunknetzes.“
Seltsam. Mila war sonst immer online. Ihr Telefon schien mit ihr verwachsen. Alle paar Minuten neue Storys: „Ich esse Salat“, „Im Taxi“, „Neuer Lippenstift“.
Ich öffnete ihre Social-Media-Seite. Der letzte Beitrag war eine Woche alt — exakt der Tag, an dem Raphael abgereist war.
Ein Foto eines pinkfarbenen, glamourösen Koffers. Darunter die Bildunterschrift:
„Vorbereitung auf die Reise meines Lebens! Ratet mal wohin? Tipp: heiß! Geheime Mission! Trip Dream Secret“
Na gut. Jung, frei, unterwegs. Vielleicht hatte sie ein neuer Verehrer eingeladen. Dubai oder irgend so etwas.
Eine weitere Woche verging.
Raphael meldete sich selten. Alle zwei Tage vielleicht. „Viel zu tun, Meetings, schlechter Empfang.“
Seine Stimme klang dabei merkwürdig. Fröhlich. Aufgedreht. Kein bisschen erschöpft. Und im Hintergrund … Geräusche. Kein Büro, kein Wind, kein industrielles Dröhnen.
Eher ein sanftes, gleichmäßiges Rauschen.
Brandung?
Dazu Musik. Rhythmisch. Irgendwie lateinamerikanisch.
— Raphael, was läuft da für Musik? Wo bist du gerade?
— Wie bitte? Ach das … Radio im Auto! Wir fahren zur Anlage, der Fahrer hört sowas.
— Und dieses Rauschen?
— Wind! Ich hab dir doch gesagt, hier pfeift es ohne Ende! Lena, ich muss Schluss machen, die Verbindung bricht ab!
Piep. Piep. Piep.
Am Freitagabend fand ich keinen Schlaf. Eine namenlose Unruhe nagte an mir.
Ich saß in der Küche mit einer Tasse längst kalten Tees und scrollte gedankenlos durch die Timeline einer verbotenen Plattform — natürlich über VPN.
Essen. Katzen. Kinder ehemaliger Klassenkameraden. Nichts.
Dann plötzlich —
Eine Benachrichtigung blitzte oben auf. Verschwand wieder.
„Mila Schubert hat dich auf einem Foto markiert.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mila?
Ich klickte auf die Glocke.
Das Bild lud quälend langsam. Der Internetempfang spielte verrückt.
Zuerst ein stechendes Blau. Himmel.
Dann Türkis. Wasser.
Dann blendend weißer Sand.
Und schließlich Menschen.
Ein Strand. Genau der Strand aus den Prospekten meines Reiseveranstalters. Malediven. Ich erkannte alles sofort: die geneigte Palme, den Steg in der Ferne. Das war das Hotel „Paradise Island“. Ich konnte es im Schlaf beschreiben.
Vorne, auf einer gestreiften Liege, lag Mila. In einem roten Mikro-Bikini, der kaum mehr als ein Versprechen war. Riesige Sonnenbrille, Cocktailglas mit Schirmchen in der Hand. Tief gebräunt, glücklich, strahlend.
Und neben ihr …
Neben ihr saß ein Mann, den Arm um ihre Taille gelegt. Eine behaarte Hand. Am Handgelenk eine auffällige Casio-Uhr — mein Geschenk von vor fünf Jahren.
Er trug genau die Shorts mit Palmenmuster.
Raphael Wagner.
Mein Ehemann.
Der angeblich in Dortmund auf irgendeiner Anlage fror und für einen Konzern Überstunden schob.
Er lächelte. So, wie er mich seit Jahren nicht mehr angelächelt hatte. Offen, verliebt, unverschämt glücklich. Sein Blick auf sie war der eines Katers vor einer Schüssel Sahne.
Die Bildunterschrift:
„Glück liebt die Stille … aber ich kann es nicht für mich behalten! Mein Liebster hat mir ein Märchen geschenkt! Mein Tiger! Mein Held! Danke für dieses Paradies! Maldives Love MyMan Vacation SisterSorryNotSorry“
Der Hashtag brannte sich ein.
SisterSorryNotSorry.
Und sie hatte mich markiert. Direkt auf Raphaels Gesicht.
Nicht aus Versehen.
Absichtlich.
Um mir den Rest zu geben. Um zu sagen: Ich habe gewonnen. Ich bin jünger. Ich bin schöner. Und du bist nur die langweilige Frau, die das alles bezahlt.
Mir wurde schwindelig. Der Raum schwankte.
Mein Mann.
Meine Schwester.
Und alles finanziert mit meinem Geld.
Mit diesen zweihunderttausend Euro — und vermutlich noch mehr, denn die Malediven sind kein günstiger Ort — die ich drei Jahre lang zusammengespart hatte, indem ich mir selbst sogar neue Strumpfhosen verkniff.
Sie hatten mir nicht nur Geld genommen.
Sie hatten mir meinen Traum gestohlen.
