— Lena Hartmann, hör endlich auf! Du bist doch eine vernünftige Frau, eine Buchhalterin. Rechne es dir selbst aus. Zahlen kannst du lesen. Der Autokredit frisst jeden Monat dreißigtausend Euro. Die Hypothek liegt bei vierzigtausend. Und dann noch die Baustelle bei meiner Mutter auf dem Land — weitere zwanzigtausend monatlich. Das Dach ist undicht, das muss dringend neu gemacht werden, sonst verrottet das ganze Haus. Welches Meer bitte? Welche Malediven? Das können wir uns schlicht nicht leisten. Sollen wir am Ende Luft und Liebe essen?
Raphael Wagner lief dabei rastlos durch unsere winzige Küche. Seine Hände flogen nervös durch die Luft, er riss Schranktüren auf und knallte sie wieder zu, ließ Geschirr klirren, füllte ein Glas mit Wasser, nur um es Sekunden später wieder auszuschütten. Meinen Blick mied er konsequent, als stünde ihm eine Betriebsprüferin gegenüber und nicht seine Ehefrau.
Ich saß zusammengesunken am Tisch und starrte auf den geöffneten Browser auf dem Laptop. Die Seite des Reiseveranstalters leuchtete mir entgegen: türkisfarbenes Wasser, puderweißer Sand, Palmen, die sich über kleine Bungalows beugten. Es war nicht einfach nur ein Bild. Es war ein Versprechen. Eine Sehnsucht, an die ich mich seit drei Jahren klammerte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.
— Raphael, — sagte ich leise und zwang meine Stimme zur Ruhe, — ich habe doch gespart. Ganz bewusst. Ich habe meine Prämien nicht angerührt, habe mir jeden Mittag Essen von zu Hause mitgenommen und nachts zusätzlich gearbeitet. Ich habe die Bilanzen von drei GmbHs nebenbei gemacht, während du geschlafen hast. Auf einem separaten Konto liegen dreihunderttausend Euro. Das reicht. Ich habe alles durchgerechnet. Das Auto kann warten, und das Dach bei deiner Mutter fällt in zwei Wochen auch nicht in sich zusammen. Der Schiefer hält noch. Wir brauchen diese Auszeit. Wir waren seit fünf Jahren nicht mehr richtig im Urlaub — seit wir die Hypothek aufgenommen haben. Du bist ständig gereizt, explodierst wegen Kleinigkeiten. Ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch, mir zuckt schon das Augenlid. Wir müssen Zeit zu zweit haben. Uns wieder daran erinnern, dass wir Mann und Frau sind und nicht bloß zwei Mitbewohner, die gemeinsam Schulden abbezahlen.
— Es geht nicht nur ums Geld! — fuhr er mich an. Die Tasse in seiner Hand klirrte auf der Untertasse. — Bei mir im Job brennt die Hütte! Die Übergabe des Projekts steht an, der Generalunternehmer macht Druck. Mein Chef lässt mich nicht einfach verschwinden. Ich kann nicht abhauen und mir den Bauch in der Sonne wärmen, während die Deadlines platzen! Dann bin ich meinen Job los — und mit ihm kannst du Urlaub und Hypothek gleich vergessen!

— Aber du hast doch erst letzte Woche gesagt, es sei ruhig bei euch … dass das Projekt abgeschlossen ist …
— Die Lage hat sich geändert! — schnitt er mir das Wort ab, das Gesicht gerötet. — Der Auftraggeber hat neue Anforderungen gestellt. Alles muss umgebaut werden. Punkt, Lena. Thema erledigt. Dieses Jahr gibt es kein Meer. Zu den Feiertagen fahren wir zu meiner Mutter aufs Land, helfen im Garten, das Gewächshaus braucht Reparaturen, grillen ein bisschen. Frische Luft, Natur, Wald in der Nähe. Ist das etwa kein Erholungsprogramm?
— Ich will nicht auf den Hof deiner Mutter … — flüsterte ich, während mir heiße Tränen über die Wangen liefen. — Dort erhole ich mich nicht. Dort arbeite ich eine zweite Schicht: jäten, graben, kochen für deine gesamte Verwandtschaft. Ich will ans Meer. Ich will liegen und einfach nichts tun.
— Was du willst, ist mir egal! — Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass alles bebte. — Egoistin! Immer nur „ich will, ich will“. Und übrigens: Ich habe demnächst eine Dienstreise. Dringend. Nach Dortmund. Zwei Wochen. Bohrstellen kontrollieren. Anordnung von oben. Also bleib du zu Hause und mach keinen Aufstand. Und noch etwas: Von deinem „Malediven“-Konto brauche ich Geld. Für Flug und Hotel.
— Wofür? — fragte ich fassungslos. — Dienstreisen zahlt doch normalerweise die Firma.
— Die Firma erstattet das hinterher. Gegen Belege. Aber vorstrecken muss ich selbst. Die Hotels dort sind teuer, vier Sterne, dazu repräsentative Ausgaben, Abendessen mit Partnern. Ich kann doch nicht vor dem Vorstand von Gazprom mit Instantnudeln sitzen. Man muss einen gewissen Standard halten.
— Wie viel? — Meine Stimme klang fremd, leer.
— Zweihundert. Zweihunderttausend Euro.
— Zweihunderttausend?! — Mir stockte der Atem. — Raphael, das sind zwei Drittel meiner Ersparnisse! Das ist mein Urlaubsgeld!
— Ich zahle es dir zurück! Habe ich doch gesagt! Nach zwei Wochen ist alles wieder da, jeder Cent, plus Spesen. Vertraust du deinem eigenen Mann etwa nicht? Deinem nächsten Menschen?
Er sah mich so vorwurfsvoll, so verletzt an, dass mich das schlechte Gewissen überrollte.
Stimmt. Er fährt ja arbeiten. In die Kälte. Für uns. Und ich nerve mit Sandstränden.
Ich überwies ihm das Geld. Zweihunderttausend Euro. Mit zitternden Fingern klickte ich auf „Senden“.
Ich glaubte ihm. Zehn Jahre waren wir zusammen. Er war immer mein Rückhalt, meine Stütze. Manchmal schroff, ja, sparsam auch — aber verlässlich. Er hatte mich nie wirklich im Stich gelassen.
Am nächsten Tag reiste er ab.
Ich packte seinen Koffer.
— Vermiss mich nicht zu sehr, Leni! — sagte er gut gelaunt, zog den Mantel an und roch nach teurem Dior Sauvage, den ich ihm zu Neujahr geschenkt hatte, indem ich bei mir selbst gespart hatte. — Ich melde mich. Aber du kennst Dortmund … schlechter Empfang, Industrieanlagen, alles weit auseinander. Also wundere dich nicht, wenn ich mal nicht erreichbar bin.
— Pass auf dich auf, — sagte ich und rückte seinen Schal zurecht. — Zieh dich warm an. Dort kann es noch schneien.
— Klar. Thermowäsche habe ich eingepackt.
Ich nickte — und blieb dann irritiert stehen, als ich im Koffer zwischen Hemden und Pullovern plötzlich Badehose und leichte Shorts entdeckte, die so gar nicht zu einer Dienstreise passten.
