„… über vierzig“, brachte sie stockend zu Ende, noch immer unsicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.
Johannes Albrecht schüttelte ruhig den Kopf. Seine Stimme blieb warm, beinahe ermutigend. „Zu spät ist es nur dann, wenn man aufgibt. Solange der Wunsch da ist, gibt es Wege. Wenn Sie wollen, unterstütze ich Sie. Es gibt hier am Haus Abendkurse, eine solide Ausbildung, auch für Quereinsteiger.“
Clara Wehner blinzelte mehrmals. „Im Ernst?“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Sie meinen das wirklich?“
„Ganz und gar“, erwiderte er mit einem schmalen Lächeln. „So ein Talent sollte nicht dauerhaft mit dem Wischmopp versteckt werden.“
Sie lachte, obwohl ihr die Tränen in die Augen stiegen. Gleichzeitig breitete sich eine ungewohnte Wärme in ihrer Brust aus. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte sie das Gefühl, nicht bloß geduldet zu sein, sondern gebraucht zu werden.
Am selben Abend stabilisierte sich der Zustand des vermögenden Unternehmers vollständig. Die Vermutung bestätigte sich, alle Maßnahmen griffen. Viktor Falkner wurde aus dem Koma geholt – sein Leben war gerettet. Bereits am nächsten Morgen summte das gesamte Krankenhaus vor aufgeregten Gesprächen. Die Geschichte, dass ausgerechnet eine Reinigungskraft den entscheidenden Hinweis geliefert hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer über alle Stationen hinweg.
Als Clara Wehner ihren Dienst antrat, merkte sie sofort, dass etwas anders war. Niemand hastete wortlos an ihr vorbei, niemand sah durch sie hindurch. Kolleginnen aus dem Servicebereich grüßten sie zuerst, ungewohnt freundlich, mit ehrlicher Anerkennung im Tonfall. Selbst Mara Seidel aus der Wäscherei, sonst stets redselig und laut, schenkte ihr nur ein kurzes Nicken – aber eines, das von Herzen kam. Auch in der Teeküche der Pflege blieb sie nicht unbeachtet. Ein paar bestätigende Blicke, ein betont freundliches „Guten Morgen“. Die Stimmung wirkte gedämpfter, respektvoller, fast feierlich.
In einem der Flure wurde sie schließlich von Alexander König eingeholt. Der Klinikdirektor, sonst stets unter Zeitdruck, verlangsamte plötzlich den Schritt und musterte sie aufmerksam.
„Guten Tag, Frau Wehner“, sagte er ruhig, ohne Distanz, dafür mit echtem Respekt. „Ich wollte mich noch einmal persönlich bedanken für Ihr umsichtiges Handeln gestern. Und falls Sie irgendetwas brauchen – zögern Sie nicht, ja?“
Sie nickte, noch immer ungläubig. Dass der Chefarzt sie so ansprach, war schon kaum fassbar. Doch dann reichte er ihr die Hand. Eine schlichte Geste – und doch etwas, das es hier noch nie gegeben hatte.
„Das haben Sie großartig gemacht“, fügte Alexander König hinzu und ging weiter, zurück in seinen durchgetakteten Alltag.
Clara blieb am Fenster stehen und sah in den grauen Innenhof, wo seine Gestalt bereits zwischen den Gebäuden verschwand. Wie immer ging er aufrecht, zielstrebig. Für sie jedoch bedeuteten diese wenigen Worte mehr als jede Auszeichnung. Schweigend ließ sie die vergangenen vierundzwanzig Stunden Revue passieren.
In ihr war es seltsam hell und ruhig. Keine überschwängliche Freude, kein Rausch – eher ein stilles Aufatmen. Als hätte man ihr eine Last von den Schultern genommen, die sie jahrelang getragen hatte. Es fühlte sich an wie eine leise Bestätigung: Du bist nicht zufällig hier. Du zählst.
Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf: die Besprechung, das kurze Zögern, dann ihr Einwurf. Die gespannte Stille danach. Und nun diese Blicke, der neue Tonfall, das ehrliche Lächeln. Noch am Vortag war sie für alle lediglich Teil der Kulisse gewesen. Jetzt sah man sie als jemanden, der gehandelt hatte, der Verantwortung übernommen hatte – und geholfen hatte, ein Leben zu retten.
Alles hatte mit einem aufmerksamen Moment begonnen. Einem Mutanfall. Einer einzigen Entscheidung. Jemand hatte an sie geglaubt – und damit hatte sich auch ihr eigener Blick auf sich selbst verändert.
Im Fensterglas erkannte sie ihr Spiegelbild: ein müdes Gesicht, feine Fältchen, das Haar unter der Haube verborgen. Und doch lag etwas Neues in ihren Augen. Wachheit. Hoffnung. Sie lächelte zaghaft, aber entschlossen. Warum eigentlich nicht? Warum nicht noch einmal etwas wagen? Solange man lebt, ist Veränderung möglich.
„Vielleicht… vielleicht wirklich eine Ausbildung“, murmelte sie leise. „Warum nicht Pflege?“
Noch einen Moment stand sie dort, nahm die ungewohnte Ruhe in sich auf. Dann richtete sie den Rücken, strich den Arbeitskittel glatt und machte sich wieder auf den Weg. Sie hatte wieder Ziele. Und das veränderte alles.
