„Bei ihm ist ein deutlicher Acetongeruch aus dem Mund festzustellen. Das erinnert an den Beginn einer diabetischen Ketoazidose.“ — sagte Clara zögernd und löste fassungsloses Schweigen sowie sofortiges Notfallhandeln aus

Spöttisch gedemütigt, dann überraschend bewundert.
Geschichten

Der spöttische Tonfall des Chefarztes hallte durch den Konferenzraum:
— Sollen wir vielleicht gleich auch die Putzkraft dazuholen? Wer weiß, womöglich stellt sie uns am Ende noch die richtige Diagnose.

Ein leises Kichern lief durch die Reihen der Mediziner. In dem weitläufigen Saal tagte ein eilig einberufenes Konsilium wegen eines äußerst kritischen Falls: Ein prominenter Großunternehmer war unerwartet ins Koma gefallen. Die erfahrensten Köpfe der Klinik zerbrachen sich seit Stunden den Kopf über die Ursache, doch bislang ohne greifbares Ergebnis. Der Klinikleiter, Alexander König, ein hochgewachsener Mann mit grauem Haar und angespanntem Blick, ging unruhig vor dem Rednerpult auf und ab. Er hatte diese Runde einberufen, weil der einflussreiche Patient dem Tod näherkam und sämtliche Untersuchungen ins Leere liefen.

Die Stimmung war gereizt. Der Ausbruch des Chefarztes war weniger Humor als Ausdruck blanker Hilflosigkeit, eine gezielte Spitze gegen seine Kollegen. Genau in diesem Moment blieb eine Frau im blauen Arbeitskittel zögernd in der Tür stehen. Clara Wehner, zuständig für die Reinigung, war gerade dabei gewesen, den Boden im Aufnahmebereich zu wischen, als sie plötzlich über Lautsprecher aufgefordert worden war, sich umgehend im Konferenzraum einzufinden.

Panik stieg in ihr auf. Hatte sie etwas übersehen? War irgendwo Schmutz geblieben, und nun wollte man sie zur Rede stellen? Johannes Albrecht, ein betagter Internist mit ruhiger Stimme, räusperte sich verlegen.

— Alexander, muss das jetzt wirklich sein?

Doch der Chefarzt winkte bereits einer jungen Krankenschwester zu, die nahe der Tür saß.

— Wenn sie schon da ist, soll sie auch hereinkommen. Hören wir uns doch an, was sie beizutragen hat, — sagte er mit frostigem Spott.

Clara Wehner spürte, wie ihre Hände feucht wurden. Zögerlich trat sie über die Schwelle, während dutzende Blicke sie musterten — neugierig, belustigt, herablassend. Ihr Herz raste. „Was mache ich hier bloß?“, schoss es ihr durch den Kopf. Die Wischstange hielt sie fest an sich gedrückt, fast wie einen Schutzschild. Noch nie hatte man sie zu einer ärztlichen Besprechung gerufen, und sie konnte sich keinen Grund dafür vorstellen.

— Nur zu, gute Frau, keine Scheu, — höhnte jemand aus der ersten Reihe. — Heute retten Sie offenbar die Medizin.

Ein gedämpftes Gelächter erfüllte den Raum. Nicht laut, aber deutlich genug, um jede Spitze spürbar zu machen. Die Luft schien schwerer zu werden, jede Bewegung fühlte sich plötzlich unpassend an. Clara senkte den Blick. Ihre Wangen brannten vor Scham. Es tat weh, so angesehen zu werden — dabei war sie nicht aus eigenem Antrieb hier. Man hatte sie gerufen, und nun behandelte man sie, als wäre sie fehl am Platz.

Was sollte sie schon sagen? Sie war keine Ärztin, hatte keine Fachbegriffe parat. In den Augen der Anwesenden war sie nichts weiter als eine Reinigungskraft. Doch ihr Leben hatte einmal anders ausgesehen, auch wenn das hier niemanden interessierte.

Unwillkürlich glitt ihr Blick zur Leinwand neben dem Pult. Dort flimmerten die Daten des Patienten: Herzfrequenz, Blutdruck, Laborwerte. Die Ärzte diskutierten hitzig, zeigten auf Zahlenkolonnen, doch der Kern des Problems blieb ungelöst. Es ging um Viktor Falkner, einen Milliardär und Industriegiganten. Man hatte ihn nach einem Zusammenbruch in seiner Villa eingeliefert. Seitdem lag er bewusstlos auf der Intensivstation, sein Zustand verschlechterte sich stetig. Unzählige Tests, Bildgebungen, Spezialuntersuchungen — nichts brachte Klarheit. Kein Herzinfarkt, kein Schlaganfall, keine eindeutige Infektion. Und dennoch schwand seine Kraft mit jeder Stunde.

Clara hatte diese Gespräche am Morgen beiläufig aufgeschnappt, als sie den Flur reinigte. Die Pflegekräfte flüsterten, dass bei einem Tod des Patienten Konsequenzen folgen würden. Köpfe würden rollen. Alexander König hatte die ganze Nacht telefoniert, Experten aus anderen Städten konsultiert. Schließlich hatte er beschlossen, alle Fachrichtungen zusammenzutrommeln. Und nun stand auch sie hier, unfreiwillig Teil dieses Dramas.

Mit übertriebener Höflichkeit machte der Chefarzt eine einladende Geste.

— Nun, Clara Wehner, so heißen Sie doch? Haben Sie irgendeine Idee, warum unser Patient im Sterben liegt? Vielleicht einen Hinweis aus der Alltagsweisheit?

Das süffisante Lächeln auf seinen Lippen entging niemandem. Wieder ging ein Raunen durch den Saal.

— Das ist doch absurd, — murmelte jemand kaum hörbar.

Jede Bemerkung traf wie ein kleiner Stich. Unsichtbar, aber schmerzhaft. Die Atmosphäre war drückend, beinahe feindselig. Clara stand da, als wäre sie von Blicken umstellt, in denen Spott, Gleichgültigkeit und leise Verachtung lagen. Sie schluckte mühsam. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Warum behandelten sie sie so? Sie hatte doch nichts falsch gemacht. Scham und Kränkung schnürten ihr die Kehle zu.

Und doch regte sich plötzlich etwas in ihr — ein stiller Trotz. Wenn man sie schon vorführte, dann würde sie wenigstens ein Wort sagen. Sie holte tief Luft und begann langsam, sich zu sammeln, bereit, den Mund zu öffnen und den ersten Satz auszusprechen.

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