«Emilia Hartmann kommt jetzt mit mir» — entgegnete ich leise und führte meine Tochter aus der Villa heraus

Eiskalte Manipulation, mutiger Widerstand — zutiefst ergreifend.
Geschichten

…ihr gesamtes Eigentum wird gerade veräußert. Innerhalb von 72 Stunden wollen sie nach Kecskemét übersiedeln. Emilia Hartmann war der Preis dafür, dass Dominik Brauns Name reingewaschen wurde – und Beatrice Wagner hat ihr dafür stillschweigend den Erbanteil überschrieben. Sehen Sie im Tresor nach, im Arbeitszimmer im Keller. A.

Ich las die Zeilen immer wieder. Anfangs waren es bloß Buchstaben, dann formten sie Sätze – und schließlich ein grausames Gesamtbild, kalt, präzise, unerbittlich. Das dumpfe Gewicht, das mir seit Stunden auf den Magen gedrückt hatte, löste sich und breitete sich wie Eiswasser in meinem Körper aus. Das hier war keine spontane Grausamkeit. Das war kalkuliert. Ein langfristig angelegtes Szenario. Psychologischer Krieg: Demütigungen, blaue Flecken, systematischer seelischer Druck – nichts davon war Selbstzweck. All das war Kulisse, Nebelwand. Währenddessen wandelten sie im Hintergrund ihr gesamtes Leben in Bargeld um, um anderswo unbelastet neu zu beginnen. Mein Auftauchen hatte sie nicht nur überrascht – es hatte ihren Zeitplan zerstört, den Fluchtmechanismus zu früh ausgelöst.

„72 Stunden.“ Diese Worte begannen auf dem Bildschirm zu pulsieren, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt. Wie ein lautloser Taktgeber zählten sie die verbleibende Zeit bis zur Katastrophe herunter. Ich klappte den Laptop zu. Gefühle waren jetzt Luxus. Angst ebenfalls. Es gab nur noch Zeit – und sie lief – und einen Plan, der umgesetzt werden musste.

Am nächsten Tag suchte ich Wilma Gross erneut auf. Der Vorwand war bewusst banal, fast lächerlich. Ich rief sie von einer neuen Nummer aus an und erklärte mit reumütigem Tonfall, ich hätte vermutlich einen meiner Handschuhe bei ihr vergessen. Einen von beiden. Weiches Leder, teuer, ein Geschenk, an dem mir besonders viel lag.

– Ach, mein liebes Kind, selbstverständlich! – rief sie geschäftig ins Telefon. – Komm nur vorbei, wir suchen gemeinsam. Mein Krautstrudel ist gerade fertig geworden.

Ihre Stimme war noch süßlicher als am Vortag. Sie wusste inzwischen, dass ich mit Beatrice gesprochen hatte. Und sie spielte ihre Rolle nun mit doppeltem Eifer.

Als ich ihre Wohnung betrat, vermischte sich der schwere Duft des Strudels mit dem vertrauten, stechenden Geruch ihrer Beruhigungstropfen. Wilma führte mich ins Wohnzimmer, und wir begannen demonstrativ, den Boden rund um das Sofa abzusuchen.

– Was für ein Pech … – seufzte ich und ging in die Knie. – Ich habe sie kaum getragen. Fast neu.

– Vielleicht ist er unter das Sofa gerutscht? – schlug sie hilfsbereit vor.

Genau darauf hatte ich gewartet. Während sie sich ächzend auf der einen Seite hinunterbeugte, tastete ich auf der anderen Seite scheinbar suchend herum. Meine Finger glitten unter ein Zierkissen – und berührten das kleine, kalte Rechteck. Das Diktiergerät. Ich schloss die Hand darum. Im selben Moment zog ich auch den Handschuh hervor, der die ganze Zeit in meiner Manteltasche gelegen hatte.

– Da ist er ja! – rief ich erleichtert. – Er hatte sich am Sofafuß verklemmt. Wilma, Sie sind meine Rettung.

Ich blieb nicht zum Essen. Ich erklärte, ein dringender Termin warte. In ihren Augen flackerte unverhohlene Erleichterung auf. Im Taxi zurück zum Hotel steckte ich mir den Kopfhörer ins Ohr und startete die Aufnahme. Zuerst hörte man nur Rauschen, dann das Rascheln von Stoff – vermutlich setzte sie sich. Danach das Klicken von Tasten, das Wählen einer Nummer, und schließlich ihre Stimme, nun ohne Zuckerguss, trocken und geschäftsmäßig:

– Beatrice Wagner? Hier ist Wilma. Sie war bei mir.

– Ja, Helena. – Beatrices Stimme klang scharf, gereizt. Ich drehte lauter. – Und? Weiß sie etwas?

– Nein. Ganz sicher nicht. Ich habe ihr erzählt, wie glücklich Emilia ist, wie sehr man sich um sie kümmert. Sie hat es geschluckt. Sie sieht aus wie ein ausgelaugtes Arbeitstier, aber klug genug zum Durchschauen ist sie nicht.

Eine kurze Pause, dann wurde Wilmas Tonfall wieder schmeichelnd.

– Beatrice, ich wollte nur wegen der Zahlung zum Monatsende nachfragen … ja, ja, ist angekommen, vielen Dank. Alles vollständig. Wenn Sie weg sind, wird sie gar nicht mehr reagieren können. Viel Erfolg in Kecskemét.

Die Aufnahme endete. Draußen glitten die Straßen Budapests vorbei. In mir war nichts als kalte Klarheit. Das hier war mehr als Verrat. Es war ein Vertrag. Wilma hatte nicht die Rolle der gutgläubigen Freundin gespielt, sondern die einer bezahlten Komplizin. Und ich hielt nun einen direkten Beweis für die Verschwörung in der Hand.

Kaum hatte ich das Telefon verstaut, klingelte es erneut. Raphael Kraus, der Wirtschaftsprüfer.

– Frau Neumann, guten Tag. – Seine Stimme war nüchtern wie ein Quartalsbericht. – Ich habe die erste Analyse abgeschlossen. Die Information bestätigt sich. Die Wohnung in der Innenstadt wurde vor sechs Monaten verkauft.

– An wen? – fragte ich, obwohl ich es längst ahnte.

– Formal an eine geschlossene Aktiengesellschaft namens „VestaKapital“. Gegründet drei Tage vor dem Kauf. Einzige Eigentümerin und Geschäftsführerin: Beatrice Wagner.

– Und der Erlös?

– Noch am selben Tag wurde der vollständige Kaufbetrag vom Firmenkonto auf Beatrices Privatkonto bei der Hellenic Bank, Filiale Limassol, überwiesen. Die Konstruktion ist auffällig – sofern man weiß, wo man hinsieht.

Ich bedankte mich und legte auf. Das Bild wurde schärfer, Minute für Minute. Sie hatten nicht nur meine Tochter misshandelt. Sie hatten uns beide systematisch entkernt. Emilia ihrer Freiheit und Würde beraubt. Mich um den einzigen nennenswerten Besitz gebracht – das Resultat von fünfzehn Jahren Arbeit. Meine Rückkehr hatte lediglich den letzten Akt ihres Plans beschleunigt.

Als ich mich dem Hotel näherte, klingelte das Telefon erneut. Isabella Vogt, die Anwältin.

– Frau Neumann – begann sie ohne Einleitung –, ich habe die Unterlagen aus dem Grundbuchamt erhalten. Es gibt Neuigkeiten. Und die gehen weit über einen familiären Streit hinaus.

– Ich höre.

– Erstens: Die Unterschrift Ihrer Tochter unter dem Kaufvertrag ist eine plumpe Fälschung. Nicht einmal der Versuch einer Imitation. Ein Faksimile. Ihre Tochter hat diese Dokumente mit hoher Wahrscheinlichkeit nie gesehen. Aber das ist nicht das Schwerwiegendste. – Ihre Stimme wurde härter. – Beatrice hat die Wohnung nicht nur über eine Briefkastenfirma an sich selbst verkauft. Sie hat sie zusätzlich beliehen. Vor drei Tagen als Sicherheit für einen sehr hohen Kredit bei der Promtech Bank. Alles deutet darauf hin, dass sie Zahlungsunfähigkeit anmelden und untertauchen will, während die Bank mit einer rechtlich blockierten Immobilie zurückbleibt. Das ist kein gewöhnlicher Betrug mehr. Das ist ein besonders schwerer Fall.

Ihre Worte erschütterten mich nicht. Sie fügten sich ein wie das letzte Puzzlestück. Ruhig hörte ich zu und sagte dann nur:

– Isabella, bestellen Sie ein Taxi. Wir fahren zu den Wagners. Sofort.

Vierzig Minuten später standen wir wieder vor dem schmiedeeisernen Tor. Doch diesmal fühlte ich mich weder wie eine Dienerin noch wie ein Opfer. Ich war eine Prüferin auf Sondermission. Ich trug einen maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Hosenanzug, genäht in einer kleinen Werkstatt in der Debrecener Innenstadt, dazu eine weiße Seidenbluse und eine teure Uhr. Arbeitskleidung. Neben mir Isabella, aufrecht, fokussiert, mit einer schmalen Ledertasche.

Ich drückte die Klingel. Dieselbe Melodie wie zuvor – doch jetzt klang sie wie ein Alarmsignal. Kurz darauf öffnete sich das Tor. Beatrice stand im Eingang. Kein Erstaunen zeigte sich auf ihrem Gesicht. Ihre Züge waren zu einer kalten, wütenden Maske erstarrt.

– Sie betreten Privatgrund – sagte sie knapp. – Das ist Hausfriedensbruch.

Ich trat an ihr vorbei und zwang sie instinktiv zum Zurückweichen.

– Ich bin hier, um mir zurückzuholen, was mir gehört.

Ihre Augen verengten sich. Hinter ihr tauchte Dominik Braun auf, im teuren Morgenmantel, ungepflegt, nervös. Er stellte sich mir in den Weg.

– Verschwinde! – fauchte er. – Emilia ist nicht hier. Ich zeige dich an, du alte …

– Ich bin nicht wegen Emilia hier.

Meine Stimme schnitt ihm das Wort ab.

– Ich bin wegen der achtzehn Millionen Euro hier, die Sie aus dem illegalen Verkauf meiner Wohnung erhalten haben.

Stille. Dann lachte Dominik höhnisch.

– Achtzehn Millionen? Du spinnst. Du hast nichts. Du bist eine Putzfrau. Wie deine erbärmliche Tochter.

Ich sah ihn nicht an. Mein Blick ruhte auf Beatrice.

– Ich habe die Kontoauszüge der „VestaKapital“-Überweisungen auf Ihr limassolisches Konto. Ich habe eine notarielle Bestätigung der Promtech Bank über den betrügerischen Kredit. Und – ich machte eine Pause – ich habe eine vierminütige Tonaufnahme Ihres Gesprächs mit Wilma Gross.

Ihr Gesicht verlor jede Farbe.

– Ihr Flug nach Kecskemét geht heute um 22 Uhr. Meiner geht, wann immer ich es entscheide.

Dominiks Grinsen zerfiel. Er reagierte instinktiv, aggressiv.

– Du lügst! – brüllte er und stürmte auf mich zu.

– Halt den Mund, du Idiot.

Die Stimme kam von oben. Auf der Treppe stand eine junge Frau, Ende zwanzig, mit dunklem, ungleichmäßig geschnittenem Haar und einem dicken Kontobuch unter dem Arm. Leonie Brandt. Dominiks Schwester.

– Sie lügt nicht – sagte sie ruhig. – Und ich habe ihr die Kontonummern gegeben.

Sie sah ihre Mutter an.

– Du hast auch meine Unterschrift gefälscht, nicht wahr?

Beatrice erstarrte. Etwas erlosch in ihren Augen.

Langsam wandte sie sich ihrer Tochter zu. Ihr Blick war nicht wütend. Er war endgültig.

– Du …

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber