In ihrem Blick vibrierte nackte Angst.
„Mein Telefon“, stieß sie hervor. „Dominik Braun überwacht es. Er weiß immer, wo ich bin. Er wird uns finden.“
Ich sah sie ruhig an, dann das billige, kleine Smartphone, das sie mit verkrampften Fingern umklammerte. Das war kein Gerät. Es war eine Leine. Eine digitale Fessel. Vorsichtig löste ich es aus ihrer Hand. Sie wehrte sich nicht einmal. Kein Zögern, kein Widerstand.
Mit derselben Gelassenheit drückte ich den Knopf für das Fenster. Kalte Novemberluft brach in den Innenraum, scharf und feucht wie Eiswasser. Genau in diesem Moment verließen wir die stille Wohnstraße und glitten auf die breite, lärmende Schnellstraße. Ich holte nicht aus. Ich ließ das Telefon einfach los. Ein kurzer Lichtblitz, dann verschluckte die Nacht es, zusammen mit dem Dröhnen der vorbeirasenden Fahrzeuge.
Emilia sog scharf die Luft ein und starrte mich an, als hätte ich gerade etwas Unumkehrbares getan.
„Das kann er jetzt orten“, sagte ich ruhig und zog das Fenster wieder hoch. „Uns nicht mehr.“
Das Glas schloss sich, und mit ihm senkte sich eine schwere, dichte Stille über den Innenraum. Nur das monotone Rauschen der Reifen auf nassem Asphalt war zu hören. Emilia weinte nicht. Sie saß reglos da, blickte starr nach vorn. Diese Leere in ihrem Gesicht jagte mir mehr Angst ein als jedes Schluchzen.
Im Hotel öffnete uns ein uniformierter Portier wortlos die Tür. An der Rezeption nannte ich den Namen „Andrea Braun“. Die junge Frau hinter dem Tresen lächelte professionell und reichte mir ohne Rückfrage eine Schlüsselkarte. In dieser Welt – der Welt von Geld, Diskretion und makellosem Service – war Anonymität ein selbstverständlicher Teil des Angebots. Unsere Suite lag im 23. Stock. Die bodentiefen Fenster gaben den Blick frei auf das nächtliche Frankfurt, ein Meer aus Lichtadern und glühenden Straßen. Der Duft von frischen Blumen und teurem Parfum hing in der Luft.
Ich führte Emilia ins Schlafzimmer und setzte sie auf die Kante des riesigen Bettes mit der weißen Tagesdecke. Sie war so leicht, dass es sich anfühlte, als würde ich ein Kind abstellen.
„Ich lasse dir Wasser ein“, sagte ich leise.
Während die Badewanne sich füllte und das Wasser leise gegen den Marmor schlug, bestellte ich über den Zimmerservice etwas Einfaches: Brühe, frisches Brot, Kräutertee. Dinge, die wärmen und nicht fordern. Danach öffnete ich meinen Koffer, nahm das neue Smartphone heraus – noch originalverpackt – und die SIM-Karte, die ich am Flughafen gekauft hatte. Die alte Nummer war erledigt. Ich aktivierte das Gerät, übertrug nur die nötigsten Kontakte aus der Cloud und legte es auf den Tisch. Das war jetzt mein Werkzeug.
Als Emilia aus dem Bad kam, eingehüllt in einen viel zu großen Frotteebademantel, wirkte sie noch zerbrechlicher. Der Dampf hatte ihre Gesichtszüge weicher gemacht, aber die Spuren der letzten Monate ließen sich nicht abwaschen. Ich half ihr in den Sessel am Fenster, zog den kleinen Tisch mit dem Essen heran. Sie nahm den Löffel, hielt ihn einen Moment fest – und legte ihn wieder hin. Dann brach etwas in ihr.
Die Worte stürzten heraus, ungeordnet, atemlos. Es war kein Bericht. Es war ein Geständnis. Eines, das sie unzählige Male im Stillen durchlebt hatte. Zuerst kam das Märchen: Dominik Braun, charmant, großzügig, aufmerksam. Blumen, Restaurants, Versprechen von Ewigkeit. Die Hochzeit, über die sogar Klatschblätter geschrieben hatten. Und ihr Stolz, als einfaches Mädchen Teil dieser Familie geworden zu sein.
Dann die langsame Abschottung. Nicht abrupt, sondern schleichend. Zuerst hatte Beatrice Wagner beiläufig bemerkt, ihre Studienfreundinnen passten „nicht ins Umfeld“. Danach kontrollierte Dominik aus Spaß – natürlich nur aus Spaß – ihr Handy, um sie „vor Dummheiten zu schützen“. Telefonate nach Hause, auch meine, wurden kürzer, immer unter Beobachtung. Briefe diktierte man ihr. Es tauchten „Familienregeln“ auf. Sie musste als Erste aufstehen, das Frühstück überwachen. Ihre Kleidung wurde kritisiert, ihre Meinung belächelt. Tag für Tag schälten sie ihre Identität ab, bis nur noch ein stiller Schatten übrig war.
Eines Tages stand Dominik vor ihr, bleich, angeblich verzweifelt. Riesige Schulden, sagte er, eine Katastrophe, die den guten Namen der Familie zerstören könne. Und sie, als loyale Ehefrau, müsse helfen. Diese Hilfe bedeutete zunächst „etwas mehr Hausarbeit“, weil Beatrice angeblich Personal entlassen musste. Aus „etwas mehr“ wurde bald ein Rund-um-die-Uhr-Dienst. Putzen, schrubben, waschen. Als Emilia vor Erschöpfung weinte, wurde Dominik wütend. Er beschimpfte sie als undankbar. Zum ersten Mal packte er ihren Arm so fest, dass Tage lang Abdrücke zu sehen waren. Sie solle sich zusammenreißen. Von da an gehörten blaue Flecken zu ihrem Alltag. Sie sollte seine Schulden abarbeiten. Sie selbst wurde zur Sicherheit, zu einem Objekt mit schwindendem Wert.
Zur selben Zeit, in der kalten Villa außerhalb der Stadt, schenkte sich Dominik einen teuren Cognac ein. Eiswürfel klirrten im Glas.
„Die alte Putzfrau ist zurückgekrochen“, knurrte er und beobachtete seine Mutter, die unruhig auf und ab ging. „Sie hat nichts. Alles, was sie geschickt hat, ist längst weg.“
„Sie hat Emilia Hartmann mitgenommen“, erwiderte Beatrice kühl.
Dominik trank einen großen Schluck. „Und? In einer Woche stehen sie mittellos da. Emilia ist schwach. Vor dem ersten Schnee kommt sie zurück, auf Knien.“
Beatrice griff nach ihrem Handy und wählte Emilias Nummer. Nach langem Klingeln meldete sich die automatische Stimme: nicht erreichbar. Sie legte auf und suchte eine andere Nummer heraus – meine.
Mein neues Telefon vibrierte leise auf dem Tisch. Unbekannter Anrufer. Ich wusste, wer es war. Ich sah Emilia an, zusammengesunken im Sessel, und bedeutete ihr mit einer kleinen Bewegung, still zu bleiben. Dann nahm ich ab und stellte auf Lautsprecher.
„Helena Neumann“, sagte Beatrice Wagner ohne jede Höflichkeit. „Sie haben vierundzwanzig Stunden, um die Ehefrau meines Sohnes zurückzubringen. Andernfalls erstatte ich Anzeige wegen Entführung.“
Ich ließ den Satz wirken, bis er leer war.
„Und ich werde Anzeige wegen Körperverletzung stellen“, antwortete ich ruhig. „Ich verfüge über zweiunddreißig aktuelle Fotos der Verletzungen meiner Tochter, alle mit Zeitstempel. Richten Sie Ihre nächste Nachricht bitte direkt an meinen Anwalt.“
Dann beendete ich das Gespräch.
In der Villa breitete sich Stille aus. Dominik und Beatrice sahen sich an. Anwalt? Woher sollte eine einfache Migrantin einen Anwalt haben? Zum ersten Mal bekam ihr Weltbild Risse.
Ich legte das Telefon weg. Emilia sah mich an, als würde sie mich neu kennenlernen. In ihren Augen glomm etwas, das ich lange nicht gesehen hatte: kein Entsetzen, sondern Staunen. Und daneben ein winziger, zitternder Funke Hoffnung.
Dieser Funke gab ihr die Kraft für den nächsten Satz.
„Mama… die Wohnung… die, die du mir gekauft hast. Sie ist weg. Dominik sagte, wir müssten sie verkaufen, um die Schulden zu tilgen. Ich habe unterschrieben. Auf den Namen seiner Mutter.“
Ich weinte nicht. Der Schmerz hatte sich bereits in etwas Hartes, Kaltes verwandelt. Ein Gewicht in meinem Inneren, das mich erdete. In meinem Kopf wurde es klar. Das war keine familiäre Tragödie mehr. Das war Betrug.
Die Mutter trat einen Schritt zurück. Die Managerin trat vor. Fünfzehn Jahre Erfahrung mit Vermögenswerten, Steuern, Konstruktionen. Diese Wohnung war nicht nur ein Zuhause gewesen. Sie war ein Vermögenswert. Und man hatte ihn illegal an sich gebracht.
Ich deckte Emilia zu, gab ihr heißen Tee mit Honig und wartete, bis ihr Atem ruhig wurde. Sie schlief fast sofort ein. Ich setzte mich an den Schreibtisch, klappte den Laptop auf. Die nächtliche Skyline war nur noch Kulisse.
Mein erster Kontakt: Isabella Vogt. In Juristenkreisen gefürchtet. Spezialgebiet: Wirtschaftsstreitigkeiten, Betrug, Rückholung verschwundener Werte. Teuer. Skrupellos. Ideal. Ich schrieb eine knappe Mail mit dem Betreff „Dringend – vertraulich“ und fügte Ausweiskopie und meinen Arbeitsvertrag mit Otto Stein bei.
Der zweite Schritt führte nach Leipzig. Stefan Lindner, früher Finanzermittler, heute Berater. Ich weckte ihn. Er war ungehalten, bis ich sagte, was ich brauchte. Zwanzig Minuten später hatte ich einen Lebenslauf und eine Nummer: Raphael Kraus.
Am nächsten Morgen ließ ich Emilia im Hotel zurück. Auf meinen Wunsch wurde ein Sicherheitsmann in der Nähe der Suite postiert, offiziell als persönlicher Assistent. Ich fuhr zu meiner alten Adresse. Zu Wilma Gross. Die Frau, die mir jahrelang versichert hatte, wie gut es Emilia gehe.
Wilma öffnete die Tür, erschrak – und zwang sich zu einem Lächeln. Sie redete ununterbrochen, lobte die Brauns, überschlug sich vor Begeisterung. Doch ihre Hände verrieten sie.
Ich bat um Wasser. Als sie in der Küche war, platzierte ich einen kleinen Rekorder im Sofa. Als sie zurückkam, war alles wie zuvor. Sie begleitete mich bis zum Lift. Ich wusste, dass sie sofort telefonieren würde.
Zurück im Hotel sah ich, dass Emilia noch schlief. Ich öffnete meine Mails. Isabella Vogt hatte bereits geantwortet. Ein Termin stand. Dann erschien eine neue Nachricht. Absender anonym, verschlüsselt. Kein Betreff. Nur wenige Zeilen:
„Sie lügen. Es geht nicht um Dominik Brauns Schulden. Das ist nur ein Vorwand. Beatrice Wagner liquidiert gerade ihr gesamtes Vermögen.“
