«Ob meine Mutter mich wirklich liebt oder ob sie sich nur aus Mitleid um mich kümmert» — fragt Jonas mit brüchiger Stimme den Arzt

Wie zerbrechlich und berührend unsere Bindung ist.
Geschichten

Er würde es ihr sagen. Nicht jetzt, nicht hastig – sondern dann, wenn er stark genug dafür war.

Etwa eine Stunde später, zurück in der Wohnung, stützte Clara Vogel ihren Sohn auf dem Weg in sein Zimmer. Jonas Bergmann wirkte ungewöhnlich still, fast gesammelt. Als sie sich bereits zur Tür wandte, hob er plötzlich den Kopf und sprach klar, ohne Zögern:

„Mama.“

Sie blieb wie angewurzelt stehen.

„Weißt du“, begann er langsam und sah dabei auf den Boden, „selbst wenn mir eines Tages die Musik verloren ginge … dich würde ich trotzdem hören. Deine Schritte in der Küche. Wie du über den Wasserkocher schimpfst. Wie du mit der Katze redest, als wäre sie ein Mensch. Das reicht mir.“

Clara ließ sich kraftlos auf den Stuhl sinken und presste die Hand vor den Mund.

„Jonas …“, ihre Stimme brach. „Hörst du mich? Wirklich?“

Er hob den Blick, und zum ersten Mal seit Langem lag ein echtes Lächeln darin.

„Ich höre dich schon lange, Mama. Ich habe mir nur zu viel eingebildet. Heute habe ich beschlossen, nicht mehr zu raten, sondern wirklich zuzuhören.“

Sie widerstand dem Drang, zu ihm zu eilen. Stattdessen umklammerte sie die Lehne des Stuhls, um das Zittern in ihren Händen zu verbergen.

„Dann merk dir eines“, sagte sie fest. „Du bist kein Problem. Du bist mein Leben. Und selbst wenn du irgendwann nichts mehr hören solltest – ich lerne, so zu sprechen, dass du es spürst. Mit Gesten, mit Zetteln, notfalls mit einem Tanz mitten in der Küche.“

Jonas lachte leise, Tränen in den Augen.

„Dann werde ich der Tonmeister unserer Stille“, murmelte er. „Denn jetzt weiß ich: Zwischen uns ist kein Schweigen. Da ist etwas, das lauter ist als jede Musik.“

An diesem Abend klappte er seinen alten Laptop auf. Vertraute Programme flackerten auf. Er setzte die Kopfhörer auf, nahm sie wieder ab und legte sie beiseite. Aus dem Flur drangen Claras Schritte, eine Tasse klirrte, die Katze maunzte empört. Jonas startete die Aufnahme und hörte einfach zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit war es kein Hintergrundrauschen mehr. Es klang wie ein Versprechen: Hier wurde er nicht geduldet. Hier wurde er erwartet.

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